Archiv der Kategorie: Aktuelles

Bitcoin Big Bang – Das Drama um Mt.Gox als Doku

In der ZDF-Mediathek ist noch bis zum 3. Oktober die sehr gelungene Dokumentation Bitcoin Big Bang. 800 Millionen Dollar verschwinden zu sehen. Darin wird die Geschichte um den spektakulären Aufstieg und noch viel spektakuläreren Fall der einst größten und wichtigsten Bitcoin-Börse Mt.Gox erzählt.

Klicken, um zur Dokumentation zu kommen

Dabei spielt vor allem deren CEO Mark Karpelès eine tragende Rolle, was den originalen Titel der bereits 2018 erschienenen französischen Produktion „Bitcoin Big Bang. Die unwahrscheinlichen Heldentaten des Mark Karpelès“ eigentlich auch passender macht.

Aber sei´s drum. Mit 101 Minuten nehmen sich die beiden Filmemacher Vincent Gonon und Xavier Sayanoff sehr viel Zeit für die Geschichte, die Bitcoin Anfang 2014 nachhaltig erschütterte. Und das ist gut so. Denn auf diese Weise bekommen sehr viele interessante Gesprächspartner Raum, ihre Sicht auf die Dinge zu schildern, ohne dass man mit Informationen überfrachtet wird.

Dass Mark Karpelès dabei selbst so offen und nahbar auftritt, ist bemerkenswert und macht diese Dokumentation zu einer faszinierenden Geschichte, die man unbedingt zu Ende sehen will, wenn man sie einmal angefangen hat. Ging mir zumindest so. Hier wird ein prägnantes Stück Bitcoin-Historie spannend und unterhaltsam aufgearbeitet und zugänglich gemacht.

Podcast-Tipp – Der Wirecard-Skandal

Wer einen Blick über den Tellerrand von Bitcoin werfen will, dem empfehle ich Der Jahrhundert-Schwindel, ein Podcast-Spezial, in dem die Kollegen von finanz-szene.de (guter Newsletter übrigens) den Wirecard-Skandal noch einmal aufdröseln.

Bisher ist eine Folge erschienen, in der sie mit dem Bilanz-Spezialisten Thomas Borgwerth nicht nur über die sich in der Wirecard-Bilanz seit Jahren auftauchenden Ungereimtheiten unterhalten, sondern auch darüber, wie verbreitet Bilanzmanipulationen generell sind (sehr!), woran man sie erkennt und wie es ist, wenn man aus Gründen schon früh auf fallende Wirecard-Kurse setzt und dennoch verliert, weil der Laden einfach immer weiter macht.

Wenn man das Umfeld ein bisschen besser verstehen will, in dem Online-Payments und Finanzdienstleistungen im Netz bislang stattfinden und wie damit „Geld verdient“ wird, ist das gut investierte Hörzeit.

Honigdachs #55 – Endlich wieder Wallets!

Die 55. Folge Honigdachs ist da, dem Bitcoin-Podcast, den Stefan, Manuel und ich ins Leben gerufen haben, weil uns nur einmal im Monat beim Leipziger Bitcoin-Stammtisch über Bitcoin zu reden auf Dauer zu wenig war. (Podcast abonnieren)

Honigdachs #55 – Endlich wieder Wallets!

Endlich ist die Sommerpause vorbei und wie es sich für ein ordnungsgemäßes Comeback gehört, warten wir mit einem angemessen relevanten Thema auf. Ein Evergreen könnte man sagen und ein echter Klassiker in unserer Themenliste. Endlich reden wir mal wieder über Wallets!

Gerade im Bereich multisigfähige Desktop-Wallets als alternatives Interface für Hardware-Wallets verschiedener Anbieter hat sich in letzter Zeit einiges getan. Was das bedeutet, darum geht es in dieser Folge. Also hört rein!

Und war da nicht noch eine andere Kleinigkeit? Ach ja! In der letzten Folge hatten wir ja noch einmal ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt und um Honigdachs-Kunstwerke in aller Form gebeten. Die vielfältige Resonanz auf diesen Aufruf hat uns erfreut und das Herz gewärmt. Und uns ob der Kreativität und Qualität tatsächlich vor eine schwere Wahl gestellt. Eine Gallerie aller Einsendungen und den Mitschnitt unserer Jurysitzung findet ihr zusammen mit den Shownotes im Folgenden.

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„Blockchain“ steht jetzt im Duden, doch das Wie wirft Fragen auf

Als ich vor gut zwei Jahren darüber schrieb, wie man den Begriff „Blockchain“ grammatikalisch richtig verwendet, musste ich meine Argumentation noch selbst herleiten. Der Duden, die große Bibel der deutschen Rechtschreibung, kannte den Begriff nicht.

duden blockchain
Anfang Juni 2018 war der Begriff „Blockchain“ beim Duden noch nicht zu finden.
„Blockchain“ ist jetzt im Duden zu finden

Das hat sich nun geändert. Mit der heute veröffentlichten 28., umfassend bearbeiteten und erweiterten Auflage vom „Duden – Die deutsche Rechtschreibung“ ist „Blockchain, die“ quasi offiziell Teil des deutschen Sprachschatzes.

Seit heute Teil des Dudens: „Blockchain, die“

Das ist einerseits nur logisch und konsequent. Auch „Bitcoin“ steht ja schon seit Jahren im Duden. Zum einen als „über das Internet funktionierendes Zahlungssystem“ und als „Einheit des Zahlungssystems Bitcoin“.

Wem gehören „Bitcoin“ und „Blockchain“?

Merkwürdig ist jedoch, dass beide Einträge, der zu „Bitcoin“ (dem Zahlungssystem) neuerdings und der zu „Blockchain“ mit ® für „registered“, gekennzeichnet sind, ohne dass irgendwo eine Erklärung dafür zu finden ist. Auch die sehr freundliche und hilfsbereite Pressestelle beim Duden konnte mir das nicht anders erklären als: „Da muss wohl irgendwo etwas eingetragen sein und das wurde für den Eintrag dann übernommen, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein.“

Ich finde diese Herangehensweise dennoch irritierend. Es entsteht der Eindruck, dass man sich nicht wirklich mit dem beschäftigt, über das man schreibt. Denn klar gibt es zumindest für „Blockchain“ ein gleichnamiges Unternehmen (und hunderte weitere, die bei denen das Wort ebenfalls Teil des Namens ist). Aber angesichts von mehr als 150 Millionen Google-Einträgen zu dem Begriff „Blockchain“, von denen die meisten wohl eher nichts mit den vermeintlichen Namensrechten einzelner zu tun haben dürften, erscheint das verwunderlich. Zumal das ® nur in der digitalen Duden-Datenbank, nicht aber in der gedruckten Variante zu finden ist.

Scan aus dem heute erschienenen gedruckten Duden. Mit Dank an die Pressestelle!

Noch befremdlicher finde ich aber, dass online neuerdings auch „Bitcoin“ den ®-Verweis bekommen hat, den es zuvor lange nicht hatte. Klar gibt es einen Marken- und Patentkampf um den Begriff und wenn der Duden da auf Nummer sicher gehen will, ist das nachvollziehbar. Inhaltlich ist es jedoch trotzdem falsch. Bitcoin gehört niemandem. Im Gegenteil. Bitcoin ist quasi der Inbegriff von einem Open-Source-Projekt, dessen herausragendes Alleinstellungsmerkmal ja gerade ist, das es keinem einzelnen gehört. Das ist, was Bitcoin im Kern ausmacht.

Das Blockchain-Meme

Ebenfalls unglücklich finde ich den Eintrag, dass „Blockchain“ auch ohne Artikel verwendet werden könne. Natürlich ist Sprache lebendig und wenn man methodisch auswertet, wie die Leute nun einmal aktuell reden und schreiben, dann muss man anerkennen, dass „Blockchain“ (ohne Artikel) tatsächlich ein gebräuchlicher Teil unserer Sprache geworden zu sein scheint.

Was dem Duden hier jedoch entgeht, ist der Bedeutungsunterschied zwischen „Blockchain, die“ und einfach nur „Blockchain“. Ersteres ist nämlich tatsächlich eine „dezentrale Datenbankstruktur, die eine kryptografische Verkettung der Datensätze aufweist (z. B. als Basis digitaler Währungen)„, wohingegen zweites vor allem ein mächtiges Wort ist. Ein Platzhalter, der eine vage Vorstellung einer technischen Lösung transportiert, die es in den meisten Fällen so jedoch noch gar nicht gibt. Ein abstrakter Begriff, der hilft eine argumentative Leerstelle zu überbrücken, indem er den Rezipienten dazu anregt, diese durch eigene Interpretationen, Phantasie und (Wunsch-)Vorstellungen auszufüllen. Oder wie es die Universität Cambridge mal in einer Studie bezeichnete: ein Meme.

Statt also auch der „Blockchain-Technologie“ noch einen eigenen (Online-)Eintrag ohne inhaltlichen Mehrwert zu widmen, wäre es also hilfreicher gewesen, ebenso wie man „Bitcoin“ zwei Einträge gewidmet hat, auch „Blockchain“ zweimal zu erklären. Einmal mit einer konkreten Beschreibung (mit Artikel) und einmal als abstraktes Konstrukt (ohne Artikel).

Sprache ist im Wandel, Duden-Einträge glücklicherweise auch

Doch glücklicherweise sind die Einträge im Duden ja nicht in Stein gemeißelt und werden regelmäßig überarbeitet. Es besteht also die Hoffnung, dass „Blockchain-Technologie“ (ebenso wie gerade der „Hackenporsche“) auch wieder rausfliegt, dass das ® bei „Bitcoin“ und „Blockchain“ r verschwindet und dass das abstrakte artikellose Blockchain-Meme im Sinne einer besseren Aufklärung einen eigenen Eintrag bekommt.

Proof of Beats – Fette Bitcoin-Weisheiten auf Vinyl

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann und wie ich auf diesen Eintrag im Bitcointalk-Forum gestoßen bin.

Bitcoin-Weisheiten auf Vinyl – Die Ankündigung der limitierten Proof of Beats-Platte bei Bitcointalk

Aber ich bin ein Freund von Vinyl und kaufe mir hin und wieder schöne Platten. Kein Spotify-Mainstream-Kram, sondern am liebsten diese besonderen Fundstücke mit einer echten Geschichte. Kleinauflagen von Festivals (wie die des Leipziger Kultur-Festivals Seanaps – 2017 thematisch mit dem Schwerpunkt Blockchain) oder anderen Projekten mit Charm und Charakter (wie SoundsLikeVanSpirit, für das einer seinen Bulli zu einem mobilen Tonstudio ausgebaut hat und dann zwei Jahre durch Europa gereist ist um Straßenmusiker aufzunehmen).

Die Frage war nicht ob, sondern welche

Ich musste also nicht lange überlegen, ob ich mir eine der auf 200 Stück limitierten Proof of Beats-Platten bestelle, sondern vielmehr welche. Denn noch kann man wählen. Da aber viele Bitcoin-symbolischen Nummern schon weg waren, habe ich mich kurzerhand für die ohnehin einzig richtige Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ entschieden.

Und auch wenn der Bestellprozess etwas abenteuerlich und rustikal war – man schickt Unbekannten im Netz einiges an Geld (40 US-Dollar plus noch einmal gut 20 Dollar für den Versand aus den USA) über eine statische Bitcoin-Adresse, die tief in einem nerdigen Forum liegt, und hofft, dass sie im Gegenzug auch ihr Versprechen halten und tatsächlich die versprochene Platte schicken – am Ende lief alles reibungslos. Nach einigen Wochen kam das Schätzchen an.

Und nun dreht die Platte also hier schon seit einiger Zeit ihre Runden und wurde dabei musikalisch auch schon von Gästen, die sonst eigentlich mit Bitcoin überhaupt nichts zu tun haben, für gut befunden.

Digitale Hörprobe
Ist die Platte den Preis und Aufwand wert?

Bleibt die Frage, warum man eine Platte kaufen sollte. Denn eigentlich könnte man sich all die Proof of Beats-Songs auch einfach kostenlos digital anhören. Der Künstler hat sie schließlich frei von Copyright-Auflagen ins Netz gestellt. Doch macht man es auch, nur weil man es theoretisch könnte? Wohl eher nicht.

Das macht diese Platte schlussendlich tatsächlich zu etwas Besonderem. Die Tracks wurden schließlich bewusst ausgewählt und in eine Reihenfolge gebracht. Das schöne Cover mit Liebe zum Detail erstellt und entdeckt sie jemand bei einem im Regal, hat man immer einen schönen Anlass über Bitcoin zu sprechen ohne sich Gleich in Preisspekulationen, Geldtheorie oder technischen Details zu verlieren.

Put Your Money Where Your Bitcoin Developer is

Im letzten Honigdachs hatten wir schon kurz über den neuen und erfreulichen Trend gesprochen, Fonds aufzulegen um damit Bitcoin-Entwickler in ihrer Arbeit an Bitcoin zu unterstützen.

Bitcoin Grants Tracker listet die großen Beträge

@Polylunar hat mit dem Bitcoin Grants Tracker dazu nun auch eine passende Website gestartet. Die bietet eine Übersicht über all die bisher verteilten Gelder. Das ist hilfreich, denn mit aktuell 33 Einträgen fließt bereits eine stattliche Summe an Geldern in die teils projektbezogene teils aber auch freie Weiterentwicklung von Bitcoin.

Mit 13 Einträgen ist Square Crypto dabei zumindest was die Streuung in der Breite angeht der engagierteste Geber. Mit jeweils sechs expliziten Erwähnungen sind Bitcoin Core und BTCPay Server wiederum die meistbedachten Projekte.

Vor allem aber ist es ein gutes Zeichen, dass die Finanzierung der dezentralisierten Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Bitcoin und darauf aufbauenden Projekten vom Ökosystem zunehmend als notwendige und sinnvolle Investition angesehen wird. Bei Open Source-Projekten ist das ja oftmals der Knackpunkt.

Es geht auch kleiner – Bitcoin Donation Portal

Wer sich nun inspiriert fühlt, ebenfalls etwas zurückzugeben und die Bitcoin-Weiterentwicklung zu fördern – es muss ja nicht immer gleich ein Fond mit fünf- bis sechsstelligem Betrag sein – der kann das im Übrigen nun auch ganz einfach im kleineren Maßstab tun.

Mit dem Bitcoin Donation Portal haben Matt Odell und Dennis Reimann gerade erst eine Seite geschaffen, auf der Bitcoin-Entwickler sich und ihre Arbeit vorstellen und dafür direkt supported werden können.

Das läuft natürlich über Bitcoin und wird ermöglicht durch Bitcoin Core und BTCPay Server. Es ist also durchaus berechtigt, dass beide Projekte so stark gefördert werden.

„Karl Marx and the Blockchain“ ist das Paper des Jahres (kein Witz!)

Was soll man eigentlich denken, wenn man ein Paper mit der Überschrift Karl Marx and the Blockchain sieht?

Ich war jedenfalls ebenso irritiert wie neugierig. Irritiert, weil ich nicht wusste, ob das nur ein armseliger Versuch ist, den letzten Clickbait-Tropfen aus dem „Blockchain!!!“-Hype herauszupressen. Auf der anderen Seite war mein Interesse ob des Titels aber durchaus geweckt, weil ich hier im Blog ja auch gerne skurrile Fundstücke und Kuriositäten aus dem Bitcoin- und Blockchain-Universum sammle.

Aus Skepsis wird Begeisterung

Also begann ich zu lesen und mit jeder Zeile schwand meine Skepsis und wuchs meine Begeisterung. Schon lange habe ich nicht mehr so ein gutes Paper gelesen wie dieses. Eines das geistreich ist, mit Humor geschrieben und das einen nicht nur mit dem Eindruck zurück lässt, etwas gelernt zu haben, sondern auch zum Nachdenken anregt. Denn auch wenn es anfangs merkwürdig erscheint. Karl Marx and the Blockchain ist tatsächlich etwas, über das sich nachzudenken lohnt.

Klicken öffnet das Paper

Vor allem da die Autoren Devraj Basu (Senior Lecturer, Accounting and Finance) und Murdoch J. Gabbay („Expert in formal methods, programming, technical communication„) letztlich dieser außerordentlich wichtigen Frage nachgehen, auf die es bisher noch kaum eine gute Antwort gibt:

Warum hat das Thema „Blockchain“ eigentlich auch nach Jahren immer noch so sehr Konjunktur, wenn es auf der einen Seite zwar durchaus einige „potential use cases“ gibt, es auf der anderen aber nach wie vor keinen einzigen „proven use case“? Außer eben einer Kryptowährung wie Bitcoin.

Die vergangenen 75 Jahre aus Marx‘ Perspektive

Für ihre Antwort argumentieren sie dann folgendermaßen: Arbeit und Kapital sind in den vergangenen 75 Jahren (ganz im Marx’schen Sinne) vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten. In der Nachkriegszeit bis zur Ära Thatcher/Reagen sei zunächst Arbeit der dominierende Faktor gewesen. Dann sei das Verhältnis zugunsten von Kapital gekippt und immer weiter aus dem Ruder gelaufen. Weil Arbeit und Kapital sich aber gegenseitig bedingen, war die Krise 2008 dann das unvermeidliche Ergebnis eines immer übermächtigeren Kapitals. („… Capital had run out of ways to earn real returns, and so it invented imaginary ones.„)

Das große Problem ist nun, dass dieses System in Schieflage (siehe Marx und die Realität) von sich aus nicht fähig ist, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Weswegen wir uns nun schon seit mehr als einer Dekade in einer sich immer weiter verschärfenden Dauerkrise befinden.

Eine These, die u.a. gestützt wird durch die seit Jahren fruchtlose Null- und Negativ-Zinspolitik der Notenbanken und die sich aktuell auch (massiv verstärkt durch die Coronakrise) eindrucksvoll am Missverhältnis des US-Aktienmarkts zu den Arbeitslosenzahlen in den Vereinigten Staaten ablesen lässt. Beides derzeit bekanntlich spektakulär auf Allzeithoch.

Aber was hat „Blockchain“ nun damit zu tun?

Auf der Suche nach einer (Er-)Lösung aus dieser verfahrenen Krise kommt dem Thema „Blockchain“ nun eine besondere Bedeutung zu. Denn im Gegensatz zu den nostalgischen Versuchen, diese rückwärtsgewandt irgendwo in der Vergangenheit zu suchen, stehe „Blockchain“ für eine Vision die einerseits auf die Zukunft ausgerichtet sei, andererseits aber – siehe den Erfolg von Bitcoin – eben auch nicht vollkommen utopisch erscheint.

„It is now important to appreciate that blockchain is not just any old technoutopian escapist fantasy. It is also a concrete technology, with specific technical qualities, which make certain promises, not all of which are unreasonable.“

Mit anderen Worten: „Blockchain“ ist ein Begriff, der deswegen Dauer-Konjunktur hat, weil er in der Krise die große Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu vermitteln vermag. Einer besseren Zukunft in Reichweite! Denn mit Bitcoin ist der erste Schritt dahin ja schon gemacht.

Das große Aber

Doch kommt nun der Teil, den ich für den stärksten des Papers halte, weil er auf den Punkt bringt, was bisher niemand so ausgesprochen hat, obwohl es eigentlich naheliegend ist. Der Grund, warum uns „Blockchain“ nämlich bisher noch nicht gerettet hat und warum es auch noch dauern wird, falls es jemals dazu kommen sollte.

„Blockchain“ sei nämlich nicht einfach nur eine Technologie (weswegen man es auch nicht ohne Weiteres mit AI und anderen Technologie-Trends vergleichen könne) und ein Geschäftsmodell darauf aufzubauen sei nicht annähernd so einfach wie bspw. auf dem Kerngeschäft von Facebook („Facebook is fundamentally based on a labelled graph. The mathematical notion of graph is a first-year undergraduate topic: it is not hard.“), Google („The Google pagerank algorithm is, fundamentally, an advanced undergraduate project or perhaps early-stage PhD.“), Amazon („… is ‘just’ a database“) oder Microsoft („MS-Dos, Windows, and MS Word are fairly simple programs“).

Natürlich beruhe der Erfolg diese Unternehmen auf sehr viel mehr und solle nicht unterschätzt werden, aber all das käme ja auch noch hinzu, wenn man ein erfolgreiches Business mit dem Kerngeschäft „Blockchain“ aufbauen wollte. Denn „Blockchain“ ist nicht einfach „nur“ eine Software oder neue Technologie. Angesichts des Aufwands, dem Anspruch und der Komplexität sei es vielmehr eine Raketenwissenschaft.

Blockchain in its infancy is more like Airbus than Amazon. To start a revenue stream based on DLT requires expertise, research, and special management which simply has not yet been assembled in the sector. Consider that a company wishing to generate a revenue stream from a cryptocurrency product must commit to solving mathematical problems that are:
– fundamentally hard,
– in a safety-critical context,
– for consumer use.“

Oder einfacher gesagt: Die große „Blockchain“-Revolution wird eher nicht in einer Garage stattfinden. Denn:

Part of the difficulty is that this requires specialised programmers and mathematicians to invent and implement a new body of mathematics, but also, it requires processes and qualified managers who do not exist yet because the field has not matured; potential regulatory changes to provide a legal framework into which users can escape if and when things go wrong (because they always do); and a programme of public education to educate a population who (as a general body) may still be storing their PaS5w0rds on post-it notes stuck to the monitor.“

Wie könnte eine „Blockchain“-Zukunft aussehen?

Ob die erhoffte „Blockchain“-Lösung jemals kommen wird, sei angesichts dieser Voraussetzungen jedoch ungewiss. Auch die Autoren geben nur eine eher vorsichtige Prognose ab:

„Based on the analysis above, we would like to offer a prediction, just for the sake of argument.
The killer apps and real impact of blockchain will not appear first as front-end consumer applications. They will appear in backend applications, developed by large institutions (banks, or logistics companies, or large tech companies) for internal use or for use with their institutional peers. These will be organisations with deep pockets and long experience of managing extreme complexity, who can afford to engage (and if necessary to create) a small army of highly-specialised programmers, lawyers, computer scientists, and mathematicians to develop a product that requires a PhD just to switch it on safely.“

Mit dieser Vorhersage, wagen sich die Autoren insofern nicht auf sonderlich dünnes Eis, weil es letztlich gar keine ist. Sie beschreiben viel eher die Ereignisse der Gegenwart, in der Unternehmen wie IBM, Antchain, multinationale Bankenkonsortien und viele mehr ja schon seit Jahren nach „Blockchain“-Lösungen suchen. Bisher jedoch ohne bahnbrechenden Erfolg. Die große Frage ist daher eher: Werden sie es jemals?

Diese Frage bleibt vorerst zwar offen. Aber wer Karl Marx and the Blockchain gelesen hat – ein Paper voll kluger Gedanken, pointierten Formulierungen und grandiosen Fußnoten – wird anders über sie und das Thema „Blockchain“ im Allgemeinen denken als zuvor. Dessen bin ich mir sicher.

Der Bitcoin-Kurs zwischen Gier und Angst

Der Bitcoin-Kurs ist in den vergangenen Tagen recht spektakulär von knapp über 9000 US-Dollar auf rund 11.000 US-Dollar gestiegen und Spekulationen über die potentielle Ursachen gibt es viele. Überrascht hat die Entwicklung eigentlich aber kaum jemanden. Bisher hatte das verknappte Angebot des Halvings ja kaum Auswirkungen auf den Preis, der lange zwischen 9000 US-Dollar und 9200 US-Dollar mäanderte. Wobei das wohl eher nicht an der mangelnden Nachfrage gelegen hat.

Aber irgendwo muss das ganze Geld ja hin mit dem der Markt derzeit geflutet wird und Bitcoin spielt in diesem Zusammenhang auch für institutionelle Anleger eine zunehmende Rolle.

Der Angst-und-Gier-Index

In diesem Kontext bin ich auf ein interessantes Fundstück gestoßen, das helfen soll, die aktuelle Kursentwicklung einzuschätzen: Den Crypto Fear and Greed Index (der genau genommen eigentlich nur ein Bitcoin Fear and Greed Index ist).

Die Idee ist es, die emotionale Komponente zu beschreiben, nach der Investitionsentscheidungen getroffen werden. Angst bedeutet dabei, dass die Investoren eher besorgt sind. Steht der Zeiger auf Gier, könnte dagegen eine Kurskorrektur bevorstehen.

Aktuell sind wir dem Index zufolge in einer Phase extremer Gier und wer den Empfehlungen der Website folgen will, sollte jetzt darüber nachdenken, die Gewinne mitzunehmen und zu verkaufen.

Doch so schön einfach dieser Tipp auch klingt. Wenn sich die Kursentwicklung tatsächlich mit einem einfachen Tacho-Modell vorhersagen ließe, sähe die Welt wohl ganz anders aus.

Anschaulich, aber wenig verlässlich

Die Daten des Fear and Greed Index muss man dementsprechend mit Vorsicht genießen. Denn auch wenn man die Zusammensetzung der Quellen (Volatilität, Marktvolumen, Dominanz, Social Media und Trends) zwar schon so machen kann, sind das natürlich die Stellschrauben, die das Ergebnis letztlich ganz massiv beeinflussen. Wenn man die Parameter hier anders definiert, wird aus extremer Gier womöglich ganz schnell wieder „nur“ Gier oder ein Zustand, den man eher als emotionslos bezeichnen müsste.

Und warum ist der Gier-Bereich eigentlich grün eingefärbt und der Angst-Bereich rot? Ist das eine besser als das andere? Und müsste der rote Bereich (dem Tachobild folgend) nicht eigentlich auf der rechten Seite liegen? Dann würde es nämlich auch besser passen, wenn man den Index noch um einen tiefroten Bereich ergänzt, der anzeigt, wenn aus extremer Gier die berühmt berüchtigte FOMO wird.

Update/Ergänzung

Wie Honigdachs-Hörer in den Kommentaren ergänzt, gibt es den Fear and Greed Index (natürlich!) auch schon längst für den Aktienmarkt. Kannte ich bisher noch nicht und – zum Vergleich – der steht aktuell „nur“ auf Gier. Die Quellen und deren Gewichtung unterscheiden sich ja auch. Aber auch hier wundere ich mich über die Farbverteilung und vermisse den FOMO-Bereich

Hard Money – Der filmgewordene Bitcoin Standard

Ich habe mir gestern die halbstündige Dokumentation Hard Money von Richard James angeschaut und finde sie – wenn man sie mit genügend kritischer Distanz ansieht – durchaus empfehlenswert. Sie ist zwar nicht objektiv, sondern verfolgt eine klare Agenda. Die inhaltliche Stoßrichtung („Bitcoin will fix that!“) ist letztlich aber so offensichtlich, dass das nicht problematisch ist.

Dafür behandelt sie jedoch ein Thema, das so plakativ und in dieser Ausführlichkeit bisher noch nirgends thematisiert wurde: Die Abschaffung des Goldstandards in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts und die daraus resultierenden Folgen für das globale Geld- und Finanzsystem.

Wenn der Bitcoin Standard ein Film wäre …

Wen das nun irgendwie an das Buch Der Bitcoin Standard erinnert, der liegt richtig. Erklärungen von dessen Autor Saifedean Ammous sind einer der narrativen Hauptbestandteile dieses Films und das er dabei ungefiltert auch seine oft und zurecht kritisierte Theorie über zeitgenössische Kunst noch einmal ausbreiten darf, wohl auch der größte Kritikpunkt.

Dafür glänzt der Film wiederum mit einer beeindruckenden Auswahl an Bildmaterial, das sich von Snippets alter gezeichneter Propagandafilmchen bis zu gut ausgewählten Mitschnitten der jüngeren Geschichte erstreckt und an dem sich der Aufwand ablesen lässt, mit dem diese Dokumentation erstellt wurde.

Alles in allem ist es zwar nicht der eine Film, den man unbedingt zum Thema Geld gesehen haben muss, aber ich halte ihn für eine wertvolle Ergänzung und eine bereichernde Perspektive, wenn man tiefer in die Materie einsteigen will und die geistige Comfort Zone der „offiziellen“ This is fine-Denkschule über unser Finanzsystem mal verlassen will.

Honigdachs #54 – Taproot, CoinSwap und andere Entwicklungen

Die 54. Folge Honigdachs ist da, dem Bitcoin-Podcast, den Stefan, Manuel und ich ins Leben gerufen haben, weil uns nur einmal im Monat beim Leipziger Bitcoin-Stammtisch über Bitcoin zu reden auf Dauer zu wenig war. (Podcast abonnieren)

Honigdachs #54 – Taproot, CoinSwap und andere Entwicklungen

Dieses Mal blicken wir ein bisschen zurück auf die (technischen) Entwicklungen der vergangenen Monate. Denn auch wenn der Bitcoin-Kurs lange Zeit eher Stablecoin spielte, war Bitcoin in verschiedener Hinsicht prominent in der Öffentlichkeit vertreten. Zuletzt beim prominentesten Twitter-Scam der vergangenen Jahre und als Randnotiz im Wirecard-Skandal. Doch auch unter der Haube brummt es und weil es nicht immer ganz leicht ist, mit all diesen Entwicklungen Schritt zu halten, nehmen wir uns in dieser Folge mit Taproot, CoinSwap und Keysend drei Entwicklungen heraus und besprechen diese.

Ach ja! Und schimpfen müssen wir. Aber hört am besten selbst!

Die Shownotes gibt’s wie immer nach dem Klick.

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