Archiv der Kategorie: Bitcoin Deutschland

Zu dünnes Bitcoin- & Blockchain-Programm der Republica 2017

In Berlin startet heute wieder die Republica. Ich bin aber erneut nicht vor Ort. Ich hatte zwar angeboten, wie vergangenes Jahr gemeinsam mit Christian und Anna einen Bitcoin-Praxis-Workshop durchzuführen. Immerhin wurde uns beim letzten Mal die Bude eingerannt und in unseren für 42 Leute ausgelegten Raum drängten sich mehr 100 Personen und eine ganze Reihe musste sogar außen vor bleiben. „Interesse der Teilnehmer“ ist jedoch für die Programmentscheidungen offensichtlich nicht unbedingt ein relevanter Faktor: Standardabsage ohne Begründung.

Nichtsdestotrotz habe ich mir das Programm angeschaut und wenn ich doch auf der Republica wäre, würde ich mir die folgenden Sessions anschauen. Das sind jedoch mal wieder nicht allzu viele, weswegen die Entscheidung, auch ohne eigene Session nicht hinzufahren, für mich auf jeden Fall die richtige war.

Blockchange – How science revolucionizes democracy, work and nature using blockchain – Montag, 8. Mai – 12:15 bis 12:45, Stage 5

Blockchain technology changes more than the financial industry. Scientists have proposed revolutionary concepts for managing our democracy, forests and other natural systems as well as the way we work. Discussing potential benefits and risks, Thomas Wagenknecht introduces “Futarchy” and similar DAO governance models to change political systems, “terra0” which proposes a self-owned augmented forest and a concept to compensate founders and employees.

Disrupting organizations: Decentraliced autonomous organisations on the blockchain – Montag, 8. Mai – 12:45 bis 13:15, Stage 5

Blockchain is the driving force of the next generation Internet, also referred to as the Decentralized Web. It allows us to decentralise trust. Smart contracts on the Blockchain radically reducing transaction costs creating the basis for a P2P society, allowing for new forms of organisational structures that were not feasible before. What is the state of that technology and what are the pitfalls and challenges of Blockchain based DAOs (Decentralized Autonomous Organizations)?

Diese Session löst ein erstaunlich starkes Déjà-vu zum letzten Jahr in mir aus. Damals lautete die Session der Vortragenden Blockchain, smart contracts & the future of democracy und wenn ich mir so überlege, was sich im vergangenen Jahr konkret Bedeutendes in diesem Bereich getan hat, fällt mir nicht sehr viel ein und auch damals ging es auch schon um DAOs. Ich möchte das aber auch nicht vorschnell schlecht machen. Vielleicht ist die Session eine positive Überraschung.

Fintech Meetup – Montag, 8. Mai – 17:15 bis 18:15, Meet up Green

Organisiert von einem der Bitwala-Mitgründer, ist das wohl die einzige Session, auf der es erwartbar auch um Bitcoin gehen wird:

Staatliche Korruption, Nutzerdaten, FinTech Potenziale … wie werden wir künftig mit Geld umgehen? Welche Zahlungsmittel sind noch denkbar? FinTech birgt das Potenzial, Machtstrukturen zu ändern und in Frage zu stellen – Bitcoin für Bitcoin.

Energie-Blockchain: Stromhandel über den Gartenzaun – Mittwoch, 10. Mai – bis 12:15, Stage T

Blockchain macht direkte Geschäfte zwischen Stromerzeugern und -verbrauchern möglich, unabhängig von Versorgern und – zumindest theoretisch – zu minimalen Transaktionskosten. Damit hat die Technologie das Zeug dazu, die Energiebranche radikal zu verändern, stärker noch als die Finanzindustrie.

Darüber hinaus gibt es noch drei andere Sessions, die mich aus persönlich interessieren würden, aber nicht unbedingt was mit Bitcoin/Blockchain zu tun haben.

  • Wie Podcasts mehr Leute erreichen können – Montag, 8. Mai – 12:15 bis 12:45, Stage 8
    Podcasts und Audio im Netz könnten noch viel erfolgreicher sein: für NutzerInnen UND MacherInnen. In verschiedenen Bereichen fehlt Bewegung. Wie noch mehr Bewegung in dieses spannende Umfeld kommen kann, wird hier vorgestellt und diskutiert.
  • Banks and Fintechs – Frenemies?  – Dienstag, 9. Mai, 16:45 bis 17:15, Lightning Talks 1
    Der plakative Titel ist dem aktuellen Trend in der Finanzbranche entnommen. Banken und FinTechs arbeiten immer mehr zusammen obwohl beide Seiten gefühlt aus einer anderen Welt kommen.
  • Geld im digitalen Journalismus – Wege zu innovativen Geschäftsmodellen – Mittwoch, 10. Mai – 12:30 bis 13:00. Media Cube
    Der digitale Wandel stellt Medienunternehmen vor eine große Herausforderung: Wie lässt sich online mit Informationsjournalismus Geld verdienen? Führt der Weg dahin über Kämpfe um das sogenannte Leistungsschutzrecht, Adblocker oder “zahlungswillige” UserInnen? Oder muss die Medienbranche stattdessen ebendiese UserInnen sowie deren Bedürfnisse ins Zentrum stellen, um daraus innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln? Und falls ja, wie geht das? Wir diskutieren mit euch, ob und wie man existierende digitale Geschäftsmodelle für Medien nutzbar machen kann.

Alles in allem ist das Bitcoin- und Blockchain-Programm auf der Republica also mal wieder recht überschaubar. Aber auch darüber hinaus fühle selbst ich mich, der ich mich als Blogger, Journalist und Medienschaffender im Allgemeinen sowohl beruflich wie auch privat nahezu rund um die Uhr mit digitalen Themen beschäftige, nur sehr begrenzt vom Komplettprogramm angesprochen. Aber dass Anspruch und Wirklichkeit auf der Republica schon länger nicht mehr so richtig kongruent verlaufen, sind wir ja bereits gewohnt.

PS: Gut, wer letztes Jahr dabei war …

… denn die Bitcoins, die wir vergangenes Jahr an die Workshop-Teilnehmer verteilt haben (0,0125 BTC bzw. ca. 5 Euro pro Person), sind aktuell 18,40 Euro wert. Keine schlechte Quote.

Wie ein deutsches Bitcoin-Startup die Banken angreift

Die Deutsche Welle hat für ihr Programm Made in Germany die Jungs des Berliner Bitcoin-Startups Bitwala besucht. Herausgekommen ist ein kurzweiliger und informativer Beitrag über Das boomende Geschäft mit den Bitcoins, das Banken und anderen beteiligten Finanzinstituten das bislang sehr lukrative Geschäft mit teuren Auslandstransaktionen aus der Hand nehmen soll.

Sind Tatort-Zuschauer zu doof für Bitcoin?

Ich persönlich kann mit dem Tatort und dem ganzen Wind, der darum gemacht wird, nichts anfangen. Insofern kann ich auch zu dem gestrigen Tatort nicht viel sagen.

Außer dass es da wohl irgendwie um das Darknet ging und (so die Kommentare bei Twitter & Co.) die Macher mal wieder ganz tief in die Klischee-Kiste gegriffen haben, um aus diesem Thema irgendwie einen Krimi zu basteln. Z. B.. soll wohl irgendwie das Netzkabel vom Laptop gekappt worden sein, um diesen vor unbefugtem Zugriff zu schützen.

Vielleicht war es auch anders. Aber allein, dass ich es für realistisch halte, dass so etwas in einem Tatort ernst gemeint sein könnte, erklärt vermutlich ganz gut, warum ich mich nicht für das Format interessiere.

Kein Darknet-Tatort ohne Bitcoin

Bitcoin war gestern übrigens auch irgendwie Thema. Ist in Hinblick auf die Tatort-Drehbuch-Logik aber auch nur vorhersehbar konsequent: Kein Darknet ohne Bitcoin.

Interessant ist dazu auch die Tatort-Kritik vom SWR3:

„Darknet? Der Kommissar selbst hat offenbar noch nie was davon gehört. Borowski muss sich auch die gängigsten Smartphone-Anwendungen erklären lassen, selbst der seit Jahren in jeder Zeitung durchgekaute Begriff „Bitcoin“ ist für Borowski ein Fremdwort. Deswegen wird ein digitalisierter „Comic-Borowski“ – Achtung Kunst – in einer Trickfilm-Sequenz durch dieses geheimnisvolle Internet geführt und ist danach ein bisschen schlauer.“

Brauchen Tatort-Zuschauer die Maus, um Bitcoin zu verstehen?

Verwunderlich ist jedoch, dass im Vorfeld des Ausstrahlung gestern in der Tatort-Sektion der ARD-Mediathek  ein kurzes Video aufgetaucht ist, in dem Armin Maiwald von der Sendung mit der Maus erklärt, was Bitcoins sind.

bitcoin maus armin maiwald 1
Drei minus eins gleich zwei. Die Maus erklärt Mathe und Bitcoin auf Tatort-Niveau.

Ich will das nicht schlecht machen – Armin erklärt Bitcoin sehr gut! Allerdings wirkt das an dieser Stelle merkwürdig fehlplatziert und wirft Fragen auf. Allen voran: Warum?

Was hat dieser Clip in der Tatort.Sektion zu suchen? Glauben die Verantwortlichen, dass die Zielgruppe des Tatorts Erklärungen nicht versteht, die komplexer sind als Sendung mit der Maus-Niveau? Oder hatte man den Clip einfach irgendwo übrig? Oder war es das erste, was man im Sendespeicher fand, auf der Suche nach irgendwas mit BItcoin? (Der Weltspiegel hatte übrigens vor einiger Zeit einen ganz passablen Beitrag und eine ganze Darknet-Doku hat der NDR produziert.)

Ich weiß es nicht und will mich auch gar nicht weiter damit beschäftigen. Fazit ist aber: Bitcoin ist mittlerweile in der Sendung mit der Maus angekommen (Sieh an!) und alles, was mit dem Tatort zu tun hat, finde ich weiterhin seltsam verstörend (Sieh weg!).

 

Heute: Blockchain als Thema im Bundestag

Heute Vormittag fand im Bundestag eine Veranstaltung zum Thema: Blockchain in der Praxis. Konkrete Blockchain-basierte Geschäftsmodelle, Gesellschaftsformen und ihre rechtlichen Herausforderungen statt.

Blockchain im Bundestag2 (1)
Blockchain heute als Thema im Bundestag

Ich erwähne das hier allerdings mehr als Randnotiz, weil es wichtig, ist, zu dokumentieren, dass sich im Bundestag mit der Thematik auseinandergesetzt wird. Erwarten sollte man von der Veranstaltung darüber hinaus aber nicht allzu viel.

Nicht mehr als ein ganz, ganz kleiner Schritt

Die Agenda klingt, als würde man versuchen, das Thema so weit wie möglich herunter zu brechen. Das mag für die Arbeit von Abgeordneten praktikabel sein. Jeder, der sich aber selbst schon einmal mit Blockchain, Smart Contracts und DAOs beschäftigt hat, weiß, dass man ohne das entsprechende Hintergrundwissen nicht wirklich weit kommt und mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit mit mehr unbeantworteten Fragen aus der Veranstaltung gehen wird, als man rein gekommen ist. Dieses Fazit konnte man jedenfalls bereits 2014 ziehen, als sich im Bundestag schon einmal „nur“ mit Bitcoin auseinandergesetzt wurde.

Besser wäre es also, wenn es nicht bei einer einzigen Veranstaltung zu der Thematik bleibt. Doch ich bin da wenig optimistisch.

Abschließend noch fürs Protokoll: Die beiden einladenden MdB sind von der CDU.

Drei Bitcoin- und Blockchain-Lesetipps

In den vergangenen Tagen sind mir drei Artikel besonders aufgefallen, die ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich empfehlen möchte.

Zwar sind sind alle im Mikrokosmos Bitcoin/Blockchain verortet. Bemerkenswert ist jedoch, wie sie sehr sie sich trotzdem unterscheiden: Thema, Protagonisten, Technologie, Perspektive. Das alles zeigt, wie ausdifferenziert und facettenreich das Phänomen Bitcoin/Blockchain mittlerweile ist.

Unter diesem Aspekt lohnt es sich also nicht nur, jeden Artikel für sich zu lesen, sondern auch einen Blick auf die Breite zu werfen, die das Thema mittlerweile erreicht hat.

1. Warum IBM so heiß auf „Blockchain“ ist (und Microsoft auch)

Nathaniel Popper schreibt in seinem Artikel Blockchain: A Better Way to Track Pork Chops, Bonds, Bad Peanut Butter? über ein Thema, mit dem ich mich schon länger mal intensiver beschäftigen wollte, aber bislang nicht dazu gekommen bin: Was es mit IBM und dessen engagierten Blockchain-Ambitionen rund um das Hyperledger-Projekt auf sich hat. Und wie sich Microsoft zunehmend als Konkurrent positioniert. Snippet:

„Rival Microsoft said this past week that it was working with JPMorgan Chase and several other corporate giants on a system that competes against IBM’s, based on the virtual currency network known as Ethereum. Many banks are concerned that IBM could push them into a version of the blockchain that would lock them into IBM’s software.“

Die Ausgangssituation von IBM ist dabei keineswegs leicht. Nachdem die Erlöse das 19. Quartal in Folge rückläufig sind, ist man dringend auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell.

2. Ethereum unter wachsendem Druck

Eine ganz andere Perspektive zeigt der vor ein paar Tagen veröffentlichte Beitrag von Vlad Zamfir: About my tweet from yesterday. Darin erklärt der prominente Ethereum-Entwickler sein provokantes Twitter-Statement vom Vortag, das ich zunächst für als Understatement getarnte Ethereum-Werbung hielt, er aber scheinbar wirklich ernst meint. Zumindest in einem zeitlich begrenzten Rahmen.

Denn mit den immens großen Erwartungen und Hoffnungen umzugehen, die auf Ethereum und seinen Entwicklern ruhen, ist keineswegs leicht. Insbesondere dann, wenn immer mehr millionenschwere ICO’s über Ethereum abgewickelt werden und sich die Hoffnungen der Tech-, Industrie- und Finanzbranche (siehe obigen NYT-Artikel) ganz massiv auf dieses eine Projekt konzentrieren.

3. Amtliches Armutszeugnis für deutsche Bitcoin-Ermittler

In Brandenburg sitzt ein Drogendealer in Haft, der wohl einer der umsatzstärksten Händler auf der vom FBI dicht gemachten Silk Road war. Beschämend für den Rechtsstaat und unverständlich für den Außenstehenden ist jedoch die Tatsache, dass die Ermittlungsbehörden offenkundig nicht in der Lage sind, den genauen Umsatz und das Vermögen des Täters überhaupt festzustellen. Es geht also noch nicht einmal um das Konfiszieren. Man weiß vielmehr nicht einmal, um wie viel Geld es geht, geschweige denn, wo es sich befindet. Zitat aus der Märkischen Allgemeinen:

„Vom Brandenburger LKA ist nicht bekannt, dass deren Beamte überhaupt nach dem mutmaßlichen Geheimvermögen ihres Angeklagten gesucht haben.“

Oder wie man dieses Geschäftsmodell plus Exit-Strategie ganz passend zusammenfassen könnte:

Titelbild basierend auf „365:32“ Flickr-User reid (CC BY 2.0)

Lob für diese zielgruppengerechte Onecoin-Aufklärung

Props an die Kollegen von SR 3 Saarlandwelle, die mit dem Radiobeitrag Verbraucherzentrale warnt vor Grauem Kapitalmarkt einen wichtigen Beitrag dazu leisten, ihre Hörer vor kryptischen Geschäftsmodellen wie dem von Onecoin zu warnen.

Auch ich habe mich zwar schon im Radio und hier im Blog kritisch dazu geäußert, allerdings weiß ich auch, dass meine Leser und die Hörer von Breitband wahrscheinlich eher nur am Rande zur Kernzielgruppe von Onecoin gehören.

Onecoin-Warnung genau für die, die sie brauchen

Bei SR 3 Saarlandwelle ist das jedoch ganz anders. Deren Hörerschaft ist vermutlich hundertprozentig kongruent mit potentiellen „Kunden“ von Onecoin und Co. Insofern ist es besonders wichtig, dass gerade solche Redaktionen sich dem Thema annehmen und sie so zielgruppengerecht aufbereiten, wie es Karin Mayer in diesem Fall getan hat.

Toller Beitrag, der aber nicht nur für das Saarland relevant ist. Wenn jetzt noch die anderen ARD-Rundfunkanstalten auf den gemeinsamen Senderspeicher zugreifen und den Beitrag für ihre Region wiederholen würden, wäre das ein noch besserer Beweis dafür, das Rundfunkgebühren durchaus sinnvoll verwendet werden.

Mit Dank an „Klingone“ für den Tipp / Bildnachweis „Classic old radio 1960s or 70s style“ Flickr-User theslowlane (CC BY 2.0)

Auf dem Weg zum „Blockchain“-Standard

Ich war die vergangenen Tage mal wieder in Berlin, um auf der Blockchain und Smart Contract-Konferenz einen Grundlagen-Workshop zu Bitcoin und der Blockchain zu geben. Dieser war ernüchternd und erfreulich gleichermaßen.

Ernüchternd, weil wir tatsächlich wieder einmal mehr als zwei Stunden warten mussten, bevor die Bitcoin-Transaktionen der Teilnehmer von den Paper Wallets in ihre mobilen Wallets vom Netzwerk bestätigt wurden. Wobei im Grunde ja auch das ein Ergebnis ist: Bitcoin ist angesichts des steigenden Kurses zur Zeit zwar eine interessante Wertanlage, aber keine verlässliche Bezahl-Option. Zumindest, wenn man nicht unbegrenzt Zeit hat oder keine großen Geldbeträge verschicken will.

Der dafür umso erfreulichere Teil war jedoch, wie gut die TeilnehmerInnen die Wartezeit für eine wirklich substantielle Diskussion über Bitcoin (das Geld, die Technologie und das Phänomen) und verschiedene „Blockchain“-Konzepte nutzten. Was aber wiederum auch die breite Expertise begünstigt, wenn Vertreter von Banken, der Industrie, Energiewirtschaft, der Datenverarbeitung, Steuerbranche, Forschung, Lehre und Aufsichtsbehörden an einem Tisch zusammenkommen.

Im kleinen Kreis hat sich in unserem Workshop damit direkt gezeigt, was später auch der Vertreter der EZB in seinem Vortrag formulierte: „Blockchain ist eines der wenigen Phänomene, das nahezu alle Bereiche gleichermaßen betrifft und beschäftigt.“

„Blockchain“ auf dem Weg zum ISO-Standard

Und in genau diesem Kontext gewann wiederum später im Programm eine eher beiläufig gefallene Bemerkung besondere Bedeutung: Auf Initiative aus Australien hat die International Organization for Standardization (ISO)mit ISO/TC 307 ein Komitee ins Leben gerufen, das Definitionen und Standards für „Blockchain and electronic distributed ledger technologies“ erarbeiten soll.

Aufgabenbereich von ISO/TC 307:
„Standardization of blockchains and distributed ledger
technologies to support interoperability and data
interchange among users, applications and systems.“

Während sich bei dem ein oder anderen Zuhörer in dem Moment aus Angst vor einer überzogenen Bürokratisierung „direkt die Füßnägel aufrollten“ , halte ich das nicht nur für einen logischen und letztlich unausweichlichen Schritt, sondern auch für einen sinnvollen.

Denn es liegt in der Natur der Open-Source-Sache, dass es wohl niemals wieder nur eine einzige Blockchain geben wird. Vielmehr ist zum jetziger Stand das wahrscheinlichste Szenario, dass sich neben der Bitcoin-Blockchain wenige andere „echte“ Blockchains (offen, beschränkungsfrei, unveränderbar etc.) etablieren werden.

Plus eine Vielzahl spezialisierter Pseudo-Blockchains. Also Projekte, die in irgendeiner Weise „Blockchain-Technologie“ oder „distributed ledger technology“ einsetzen und für ihren jeweiligen ganz bestimmten Anwendungsfall womöglich tatsächlich die beste Lösung darstellen, auch wenn sie mit der ursprünglichen Idee einer „echten“ Blockchain nicht mehr viel zu tun haben, aber damit womöglich, wie viele andere Programme, Daten und Nutzer, interagieren müssen.

Das „Blockchain“-Mysterium braucht einheitliche Definitionen

In solch einem hochgradig fragmentierten, sich beständig wandelnden und wachsenden Umfeld frühzeitig einheitliche Standards und Definitionen auszuarbeiten, die die Interoperationalität verschiedener Ansätze langfristig sicher stellen, ist ein rationaler und notwendiger Schritt, von dem letztlich alle profitieren: Entwickler, Gründer und auch die Nutzer.

Auch die Gefahr einer vorschnellen Bürokratisierung und Regulierung von oben herab sehe ich nicht. Denn letztlich müssen sich die theoretisch ausgearbeitet Standards an der Realität messen lassen und beweisen, dass sie dem Status Quo ausreichend berücksichtigen. Sollten eine Blockchain-Definition später bspw. nicht Bitcoin-kompatibel sein, wäre das nicht das Problem von Bitcoin, sondern der Definition. Sie würde sich selbst ad absurdum führen, ansonsten aber nichts ändern.

Einer muss es machen, sonst macht es keiner

Noch viel wichtiger finde ich jedoch die Frage, wer es sonst machen sollte? Denn es steht außer Frage, dass es unbedingt zu verhindern gilt, dass sich in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Blockchain“ und wie man damit idealerweise umgehen sollte, herausbilden.

Doch wie soll sich ein dezentrales Ökosystem in diesem Punkt einig werden? Man könnte einfach abwarten und schauen, was sich schlussendlich durchsetzt. Die seit Jahren währende Blocksize-Debatte um die Skalierbarkeit der Bitcoin-Blockchain zeigt aber prototypisch, wie langwierig, aufreibend und ineffizient dieser Prozess sein kann.

Wenn sich also jemand bereit erklärt, sich die Mühe zu machen, sollte man das erst einmal als hilfreichen Schritt sehen. Man muss die Standards später ja nicht akzeptieren. Diese Wahlmöglichkeit ist jedenfalls 100-prozentig Bitcoin-kompatibel.

Über 30 Länder sind an „Blockchain“-Standards interessiert

Das internationale Interesse, diese Aufgabe anzugehen, ist jedenfalls groß. 16 Länder nehmen aktiv am ISO/TC 307-Komitee teil, weitere 17 sind Beobachter. Anfang April findet in Sydney dann das erste Treffen statt.

Um die deutschen Interessen dort zu repräsentieren, wurde im Rahmen des DIN-Gremiums Blockchain und Technologien für verteilte elektronische Journale die Vertretung bereits gewählt. Es gibt online leider kein Protokoll der Sitzung. Aber da das DIN-Gremium potentiell jedermann offen steht, gehe ich davon aus, dass das keine reine „Behördendelegation“ ist. Darauf lässt zumindest auch dieses Datei-Archiv schließen, das die Vorträge des ersten DIN-Treffens beinhaltet.

Standardisierung ist auch Lobbyarbeit

Sich dort einmal durchzuklicken, ist durchaus interessant. Denn neben den offiziellen Präsentationen des DIN e. V., die den Sachverhalt ISO/TC 307 und die zugehörigen Arbeitsprozesse noch einmal erläutern, finden sich dort auch die Präsentationen von anderen Teilnehmern, die ihre Interessen zum Thema „Blockchain“ frühzeitig in die entsprechenden Gremien eingebracht wissen und den Standardisierungsprozess entsprechend mitgestalten wollen.  Darunter u. a. die BaFin, T-Systems, IBM und Ascribe/BigchainDB.

Ein gewisse kritische Distanz gegenüber den potentiellen Ergebnissen angesichts dieser finanzkräftigen Wirtschaftslobby ist daher angebracht. Dennoch sehe ich auch hier noch keinen Grund zur Beunruhigung. ISO/TC 307 steht noch ganz am Anfang und mit Ergebnissen ist frühestens in 36 Monaten zu rechnen. In Bitcoin- und Blockchain-Zeitrechnung ist das eine halbe Ewigkeit.

Berliner Blockchain-Studie. Leider nur gut gemeint

Die Technologie Stiftung Berlin hat mit Blockchains, Smart Contracts und das Dezentrale Web  vor Kurzem eine Studie zum Thema „Blockchain-Technologien“ veröffentlicht, die u. a. zu folgendem bemerkenswerten Schluss kommt: „Es gibt nach wie vor zu wenig Information über die Blockchain, vor allem deutschsprachige Information, die auch einem technisch nicht versierten Publikum verständlich ist.“ (S. 32)

Ein Satz, der kurz Hoffnung weckt. Doch wirklich nur kurz. Die Autorin scheitert nämlich selbst am formulierten Ziel, genau das mit dieser Studie zu ändern.

Die „Studie“ beinhaltet nämlich eine Vielzahl inhaltlicher und formaler Fehler. Das wiederum stellt die ganze Veröffentlichung in Frage: Was bringt so ein Arbeit, wenn man nicht weiß, welchen Aussagen man darin trauen kann? Letztlich nichts.

Hier die fünf Hauptkritikpunkte:

1. Hier schreibt ein Ethereum-Fangirl

Das wird recht schnell offensichtlich. Grafiken, die „Blockchain“ erklären sollen, bestehen vielfach aus Ethereum-spezifischen Begriffen und Strukturen (S. 11). Auch die immer wiederkehrende inhaltliche Fokussierung auf „dApps“ (dezentrale Applikationen) und „DAOs“ (dezentrale autonome Organisationen) sowie die inhaltlich Auslegung selbiger entsprechend des Ethereum-Duktus zeugen von mangelnder Objektivität. Dem könnte man begegnen, wenn man die gewählte Fokussierung klar kommuniziert und „Blockchain“ am Beispiel Ethereum erklärt. Wird hier aber nicht gemacht.

Wobei ich hier keinesfalls die Relevanz des Industrie- und Institutionen-Lieblings Ethereum abwerten will.  Dennoch werden hier andere „Blockchain-„Konzepte und Ansätze ohne Hinweis oder Begründung unterschlagen.

2. Keine kritische Diskussion

Wie in vielen anderen „Blockchain-Studien“ auch fehlt das, was solch eine Studie eigentlich so wichtig und wertvoll machen würde: die kritische Diskussion und Einordnung. Stattdessen finden sich im Kapitel „Potentiale und Herausforderungen“ irritierende Sätze wie dieser: „Die Frage, die sich hier stellt, ist nicht, ob diese Probleme gelöst werden können, sondern eher wann und wie genau sie gelöst werden.“ (S. 30)

Das lässt mich sprachlos zurück. Denn doch – genau darum geht es! Selbstverständlich stellt sich die Frage, ob sich bestimmte Probleme, Erwartungen und wundersame Heilsversprechen, die im aktuellen Blockchain-Hype herumgeistern, überhaupt jemals (ein-)lösen lassen.

Wer sich dieser zentralen Fragestellung jedoch von vornherein verweigert, zeigt, dass die eigene Mission nicht Aufklärung ist, sondern Marketing.

2. Löchrige oder fehlende Argumentation

Dazu kommt, dass die Studie quasi keine nachvollziehbare Argumentation besitzt, daraus aber trotzdem Handlungsempfehlungen für den Standort Berlin ableitet. Beispiel: „Obwohl Blockchain-Technologien längst der Grundlagenforschung entwachsen sind (sic!), gibt es dennoch in der angewandten Forschung erheblichen Forschungsbedarf, der sowohl durch Unternehmen als auch durch angewandte Forschung im öffentlichen Sektor bearbeitbar ist.“ (S. 27).

Eine interessante These, die durch zwei Eigenschaften besticht: Sie wird erstens in keiner Weise belegt und ist zweitens, wenn man genau hinschaut, gänzlich ohne Inhalt. Denn was sind denn eigentlich diese „Blockchain-Technologien“, von denen da die Rede ist und deren Grundlagenforschung angeblich abgeschlossen sein soll? Geht es hier um Ethereum? Oder um die Bitcoin-Blockchain? Oder um Konsortien-Blockchains? Oder um etwas ganz anderes?

Diese Antwort bleibt die Studie – wie viele andere Antworten übrigens auch – leider schuldig. „Blockchain-Technologien“ ist halt so ein schöner Begriff, der gut klingt und immer dann passt, wenn man möglichst schwammig bleiben will.

3. Fehlende oder falsche Quellen

Dazu kommt ein, für jemand mit einem höheren akademischen Abschluss durchaus fragwürdiger Umgang mit Quellen, die viel zu oft fehlen oder oft nicht gerade belastbar sind. Beispiel: „Obwohl das Konzept von Blockchain und P2P-Netzwerken im akademischen Umfeld schon seit den 1980er Jahren existiert, gab es nie einen Anwendungsfall, der eine bedeutende kritische Masse erreicht.“ (S. 15) Hier hätte ich aus journalistischem Interesse doch wirklich gerne gewusst, wer in welchem Kontext vor bald vierzig Jahren bereits über „Blockchain“ gesprochen hat. Ich vermute aber, keiner. Sonst hätte man ja eine Quelle verlinken können.

Darüber hinaus tauchen viele Mythen und Gerüchte auf, die seit Jahren unbelegt im Blockchain-Ökosystem umherschwirren. Auch hier werden sie kurzerhand als Fakten ausgegeben. Ich jedenfalls bin schon seit langen auf der Suche nach einer offiziellen Bestätigung, dass Honduras tatsächlich sein Grundbuch auf die Blockchain umstellen will. Aber auch in dieser „Studie“ gibt es keinen Verweis. Nicht zu einem der Online-Artikel, die das behaupten und erst recht nicht zu einem offiziellen Statement.

4. Mangelnde Recherche

Letztlich ist diese Studie ohne die dafür nötige Fachkenntnis oder Recherche geschrieben worden. Stattdessen wurde einfach alles zusammengeworfen, was halt irgendwie passt. Selbst wenn es nicht einmal passt. Zum Beispiel wird der künftige Erfolg von „Blockchain“ analog zu anderen „Erfolgen“ im Rahmen der Digitalisierung prognostiziert:  „Genau wie bis Ende der 1990er Jahre die meisten nicht abschätzen konnten, bzw. skeptisch waren, ob und wie man Online-Content Geld verdienen kann …“ (S. 30). Diese Aussage verwirrt, denn sie impliziert, dass das Problem mittlerweile gelöst sei. Das wage ich stark zu bezweifeln. Mir jedenfalls wäre es neu, dass Musiker, Künstler, Medienmacher und die gesamte Medienbranche ein adäquates Geschäftsmodell gefunden hätten, mit ihrem Content angemessen Geld im Netz zu verdienen. Ich würde mich aber gerne eines Besseren belehren lassen, doch fehlen auch hier die Belege für die steile These.

Die mangelnde Recherche wird aber noch an einem anderen Punkt offensichtlich. Die eingangs erwähnte Feststellung, dass es an deutschsprachigen Blockchain-Quellen mangele, beruht nämlich offensichtlich darauf, dass gar nicht nach solchen gesucht wurde.

Das Kapitel „Quellen und weiterführende Informationen“ listet nämlich überhaupt nur fünf „Online-Nachrichtenportale und Blockchain relevante Blogs“ auf, darunter Franchise-PR-Aggregatoren wie z. B. Cointelegraph, aber keinen einzige deutschsprachige Quelle.

Das ist peinlich. Denn man muss im Netz wirklich nicht lange suchen, um den Bitcoinblog zu finden, den Bitstaub-Podcast, den Altcoinspekulanten, deutschsprachige Blockchain-Newsletter und so Einiges mehr, was durchaus Informationen zu Bitcoin und der Blockchain liefert. Vor allem oftmals in einer Qualität, an der es dieser „Studie“ leider viel zu stark mangelt.

Fazit: Muss man nicht gelesen haben.

Die AfD & Bitcoin. Wenn nicht-politisches Geld politisch wird

2017 ist das Jahr der Wahlen. Das Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wählen in der ersten Jahreshälfte neue Landtage,und Ende September geht es bei der Bundestagswahl um das Kanzleramt und eine Neuordnung der politischen Verhältnisse auf nationaler Ebene.

Nicht-politisches Geld ist eine Illusion

Für Bitcoin als nicht-staatliches, nicht-politisches Geld sollte das, so könnte man meinen, keine Rolle spielen.  Doch so einfach ist es nicht. Denn nur weil Bitcoin nicht-politisch sein soll, heißt es auch, dass es das sein kann. Zum einen „erzeugt der Wunsch nach einem a-politischen Zustand eine eigene politische Dimension in und aus sich selbst heraus“ (siehe The invisible politics of Bitcoin: governance crisis of a decentralised infrastructure) und zum anderen können politische Akteure das Thema Bitcoin selbst auf die Agenda setzen.

Dass es nun gerade die ursprünglich vor allem eurokritische AfD ist, die sich dem Thema Bitcoin widmet, ist wenig überraschend. Doch erzeugt gerade die Auseinandersetzung einer zunehmend rassistisch und nationalistisch auftretenden Gruppierung widersprüchliche Spannungen bei einem Projekt, dessen Kern ja die Überwindung von patriotistisch-kleingeistigem Denken in Grenzen ist und das den Menschen und nicht seine Herkunft in den Fokus stellt.

Bitcoin ist für alle Menschen gemacht, egal ob Idioten oder nicht

Das wiederum wirft die Frage auf: Muss man es als Bitcoin-Nutzer ertragen, dass Bitcoin auch von Menschen genutzt und politisch instrumentalisiert wird, deren Ideologie nicht der eigenen entspricht? Grundsätzlich ja. Doch muss letztlich jeder selbst für sich einen Weg finden, damit umzugehen.

Bitcoin ist noch nicht politisch instrumentalisiert

Allerdings ist auch noch immer offen, ob und inwieweit sich Bitcoin überhaupt politisch instrumentalisieren lässt? Der Bitcoin-Abend bei der AfD hat jedenfalls mehr Fragen offen gelassen, als beantwortet, wie die folgende Zusammenfassung eines befreundeten Journalistenkollegen zeigt:

„Euro in der Krise – Über das Geldsystem, Gold und Bitcoin“. 
Mein Abend bei der AfD

Berlin, Donnerstagabend. Ich bin auf dem Weg nach Charlottenburg zu einer Veranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD). Tief in den alten Westen der Stadt hat die Partei eingeladen, um über “das Geldsystem, Gold & Bitcoin” zu sprechen. Der Veranstaltungsort wurde erst kurzfristig bekannt gegeben. Aus Sicherheitsgründen, wie es in der Einladung heißt.

Ich muss nicht lange nach dem Veranstaltungsort suchen, zwei Gruppenkraftwagen der Berliner Polizei beschützen weit sichtbar den Eingang. Am Einlass Gesichts- und Namenskontrolle, Bekannte werden begrüßt, Unbekannte müssen ihren Personalausweis vorzeigen. Obwohl ich Unbekannter bin, geht an mir dieser Kelch vorbei.

Ich schlüpfe durch, finde mich im Foyer wieder. Verstohlen schaue ich mich um, nach Bekannten Ausschau haltend. Doch eher in der Hoffnung, hier niemanden zu treffen. Es fühlt sich irgendwie verboten an, was ich hier mache. Eine Veranstaltung der AfD! Ursprünglich als Eurokritikerpartei gestartet, hat sie in letzter Zeit vor allem mit wenig verschleierten nationalistischen und revisionistischen Parolen Aufmerksamkeit erzeugt. Da geht man doch nicht hin! Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Es werden Häppchen serviert. Zeit Platz zu nehmen. Der Saal ist gut gefüllt, die geschätzten 300 Stühle sind fast vollständig besetzt. Das Durchschnittsalter liegt bei 50+, die Frauenquote ist sogar noch schlechter als auf den regulären Bitcoin-Veranstaltungen. Vereinzelt sehe ich junge Anzugträger mit AfD-Buttons.

Über graue Schöpfe hinweg schaue ich auf Steffen Krug, der den Abend eröffnet und auch moderiert. Steffen Krug ist, wie alle anderen Redner an diesem Abend, glühender Anhänger der Österreichischen Schule und Gründer des Instituts für Austrian Asset Management. Eigentlich ganz in Satoshi Nakamotos Sinne. Krug würde sich wohl selbst als „Goldbug“ bezeichnen, äußert Bitcoin gegenüber aber große Sympathie.

Als nächstes kommt Beatrix von Storch, die für die AfD im EU-Parlament sitzt. Sie referiert überwiegend über die europäische Währungspolitik, über die Rückholung des deutschen Goldes und über das Verhältnis des EU-Parlaments zu virtuellen Währungen. Nur langsam erwache der Leviathan in Brüssel, es gäbe erste Berichte zum Thema Kryptowährungen aus dem EU-Parlament. Die anderen Politiker? Ahnungslos! Von Storch macht sich unverhohlen über ihre Kollegin von der CSU, Monika Hohlmeier, lustig. Und zitiert sie mit dem Satz: “Virtuelle Währungen können nicht anonym sein!” Terrorgefahr! Gefährlich! Es klingt erfrischend ehrlich, und unerwartet unpopulistisch, wird uns in diesen Zeiten doch immer wieder der unbewiesene Zusammenhang zwischen Terrorfinanzierung und virtuellen Währungen von der Politik suggeriert.

Die nächste Referentin ist Dr. Alice Weidel, promovierte Volkswirtin und Spitzenkandidatin der AfD in Baden-Württemberg. Sie redet über den historischen Zerfall von Währungsunionen und beschwört starke nationale Währungslösungen, zumindest verstehe ich sie so. Jedenfalls fällt das Wort national ziemlich häufig, aber vielleicht hat das auch mit dem beginnenden Wahlkampf zu tun. Die vielen gescheiterten nationalen Währungen, auch in der jüngeren Geschichte, unterschlägt sie unterdes.

Während von Storch eine gute Rednerin ist, wirkt Weidel ein bisschen wie jemand, der gegen seinen Willen ein Schulreferat abhalten muss. Stoisch leiert sie Fakten herunter, unterbrochen von kurzen Momenten gespielter Empörung. Immerhin nehme ich ein paar Schlagworte mit, Skandinavische Währungsunion 1872, Lateinische Münzunion 1865, Wiener Münzvertrag 1857. Da kann ich auf der Heimfahrt noch etwas Wikipedia strapazieren. Doch noch etwas gelernt.

Als nächstes kündigt Steffen Krug den “Bitcoin-König von Deutschland” an: Aaron Koenig. Der “auch das erste Buch über Bitcoin in Deutschland” geschrieben hat (zur Rezension). Was ja nun nicht so stimmt, aber Herr Koenig überhört das geflissentlich.

Die nachfolgende Powerpoint-Präsentation deckt in aller Kürze die Grundlagen von Bitcoin ab und hinterlässt in den Gesichtern des AfD-Rentnerpublikums große Fragezeichen. Koenig hält eine Lobrede auf die Blockchain und erwähnt dabei auch, dass „der Verrückte von Berlin“ wohl nicht 12 Unschuldige hätte töten können, wenn es eine individuelle Blockchain-Identität für jeden Menschen gäbe. Dann wäre Sozialbetrug nämlich unmöglich, und er hätte das Attentat am Breitscheidplatz nie ausüben können. Dem kann ich nicht ganz folgen. Die AfD-Rentner scheinbar auch nicht. Eine leicht verzweifelte Zwischenruferin merkt an, dass sie Bitcoin immer noch nicht verstanden hätte. Koenig: “Das Gute ist, dass sie es nicht verstehen müssen.”

Das Mikrofon ist inzwischen für Fragen aus dem Saal geöffnet, es startet der Versuch einer Podiumsdiskussion. Angespornt von dem Wunsch, endlich auch mal vor mittlerweile nur noch 250 Menschen etwas sagen zu dürfen, kommen allerlei Koreferate, Ausführungen und hier und da kleine Nachfragen zusammen. Mein Favorit: “Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Frau Merkel einen Knopf hat, mit dem sie das Internet ausschalten kann. Wenn das passiert, kann man dann noch Bitcoin benutzen?”

Gefühlt ging der Abend an der Zielgruppe der „Silberpappeln“ vorbei. Was Bitcoin ist, wissen noch immer nur diejenigen, die es auch schon vorher wussten. Ich weiß jetzt, dass es tief in der AfD immer noch einen wirtschaftsliberalen Kern gibt, der aber so gut vergraben zu sein scheint, dass man ihn wohl nie wieder wird bergen können. Unter all dem populistischen Geschrei, mit dem ihn Höcke, Petry und auch von Storch mittlerweile begraben haben.

Österreich, das Bitcoin-Land

Ich habe schon einige Male darauf hingewiesen, wie viel dynamischer die Österreicher mit dem Thema Bitcoin (und Blockchain) umgehen als wir. Neben Bitcoin-Automaten können Bitcoins dort nämlich auch schon lange flächendeckend in mehr als 600 Trafiken gekauft werden.

Nun zeigen zwei weitere Ereignisse, dass sich Österreich seinen festen Platz auf der Bitcoin-Karte zu Recht verdient hat.

Bitcoin und Blockchain Teil der österreichischen Digitalstrategie

Erstens wird Bitcoin in der (wirklich toll aufbereiteten) digitalen Strategie der Österreichischen Bundesregierung ganz offen als einer der „Meilensteine der Digitalisierung“ aufgelistet.

bitcoin österreich
Der wichtigste digitale Meilenstein im Jahr 2008: Bitcoin wird beschrieben

Darüber hinaus wird auch die Blockchain als möglicher Zukunftstrend explizit beschrieben:

„Eine Blockchain ist ein dezentrales Protokoll, das dauerhaft und unveränderbar definierte Transaktionen zwischen zwei Parteien innerhalb eines Netzwerks erfasst. Dabei gibt es keinen Mittelsmann mehr, weil eine Blockchain öffentlich und weltweit für alle zugänglich ist. Sie gehört niemandem und ist durch diese Transparenz nahezu unmanipulierbar. Diese Technologie kann die Art und Wiese, wie wir Verträge abschließen, an Börsen handeln oder Bankgeschäfte erledigen, grundlegend verändern. Zum Beispiel könnten in Zukunft digitale Verträge mittels Blockchain-Technologie fälschungssicher gemacht werden.“

House of Nakamoto eröffnet in Wien

Aber nicht nur die Bundesregierung treibt das Thema voran. In Wien entsteht mit dem House of Nakamoto gerade ein öffentlicher Bitcoin-Hub auf einer der Hauptshoppingstraßen, der – so hört man es zwitschern – wohl so etwas wie ein zentraler Anlaufpunkt für Bitcoin-Neugierige und -Interessierte werden soll.

Es ist wohl schon offen, sodass man vorbeischauen und sich Bitcoins am lokalen Geldautomaten kaufen kann. Die Adresse ist:

Mariahilferstraße 49, 1060 Wien

house of nakamoto google maps

Sobald ich mehr über das House of Nakamoto in Erfahrung gebracht habe, gibt es hier ein Update. Vielleicht schaffe ich es ja auch mal selbst wieder nach Wien.