Democratic Decentralized Resistance

Bitcoin und Nostr als Werkzeuge des demokratischen Widerstands

Es steht nicht gut um die Freiheit. Lebten vor 20 Jahren noch „nur“ die Hälfte der Menschen in Autokratien und Diktaturen, sind es mittlerweile mehr als 70 Prozent. Tendenz weiter steigend.

Digitalisierung als Waffe gegen die Menschen

Meinungsfreiheit, faire Wahlen, Rechtsstaatlichkeit – auf diese und viele weitere grundlegende Menschenrechte können sich damit immer weniger Menschen verlassen. Technologie spielt hierbei eine wichtige Rolle. Insbesondere, wenn sie sich zentral kontrollieren und steuern lässt. Denn vor allem autoritär geführte Staaten nutzen moderne Technologie um ihre Macht zu erhalten, auszuweiten und Oppositionelle und Andersdenkende zu unterdrücken.

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Über 30 Jahre alt und aktuell wie nie: Zitat aus dem Cypherpunk’s Manifesto als prominentes Banner neben der Bühne.

Videoüberwachung, DNS-Sperrung von Kommunikationsdiensten, Social Credit Score, geheimdienstliche Lauschprogramme, systematisches Aushebeln von Verschlüsselung, Chatkontrolle, landesweite Zensur und Firewalls – die Liste, wie sich Digitalisierung als Waffe gegen die eigene Bevölkerung einsetzten lässt, ist bunt und lang. Und wird nicht nur in Autokratien geführt. Auch in Demokratien greifen Machthabende immer wieder nach diesen Werkzeugen und werfen dabei demokratische Errungenschaften und Grundrechte nur allzu leichtfertig über Bord.

Dezentrale Technologien als anti-autokratische Werkzeuge

Doch kann Technologie andersherum nicht auch ein Werkzeug sein, ebendiese Autokratisierung und Einschränkung von Freiheit und Grundrechten gezielt zu bekämpfen? Um diese Frage ging es vergangenen Mittwoch in Berlin bei der Democratic Decentralized Resistance, einer Mini-Konferenz im Rahmen der Berlin Freedom Week.

Die Berlin Freedom Week und der World Liberty Congress

Die Berlin Freedom Week ist eine seit diesem Jahr jährlich stattfindende Aktionswoche rund um den Jahrestag des Mauerfalls 1989, die sich in zahlreichen Veranstaltungen den Themen Freiheit, Demokratie und Menschenrechten widmet. Schirmherr ist der Regierende Bürgermeister Berlins und Mitinitiator der venezolanische Oppositionspolitiker Leopoldo López, der zugleich auch Co-Initiator des World Liberty Congress ist. Darin vereint sind 200 Dissidenten aus 50 autokratisch geführten Ländern, die zum Auftakt der diesjährigen Berlin Freedom Week im Berliner Abgeordnetenhaus zusammenkamen. Bitcoin, Nostr und andere, vor allem dezentrale Technologien sind für den World Liberty Congress wichtige Werkzeuge. Das zeigt auch das in diesem Jahr verabschiedete Berlin Manifesto, in dem die Bedeutung von Bitcoin als zensurresistentes Geld und Freiheitstechnologie explizit hervorgehoben wird.

Ziel der Veranstaltung war es, dezentrale Technologie wie Bitcoin und Nostr in den Mittelpunkt zu stellen und beide Seiten zusammenzubringen: Die, die diese Tools bauen und pflegen – Tech-Aktivisten, Entwickler und Community-Mitglieder – mit denen, die diese dezentralen Protokolle zum Kampf gegen die repressiven Systeme in ihrer Heimat einsetzen – politische Aktivisten, Dissidenten, und Exilanten.

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Alter, Geschlechte, Sprache, Nationalität, Ethnie sind zweitrangig, wenn Freiheitsrechte bedroht sind.

Die einen sollten aus erster Hand erfahren, wie entscheidend und teils überlebensnotwendig Nostr und Bitcoin im Kampf gegen Diktaturen und systematische Unterdrückung sind. Die anderen sollten mehr über die Funktionsweise und aktuelle technische Entwicklungen in diesem Bereich lernen.

Dafür waren rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeden Alters und aus aller Welt zu diesem bewusst klein gehaltenen Event in einer Location am Berliner Holzmarkt gekommen. Ein Ort, der nicht nur direkt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze liegt, sondern wo man nebenan auch schon seit einiger Zeit mit Bitcoin zahlen kann (Café Holzmarktperle/Lipa-Wallet).

Mauern überall auf der Welt zu Fall bringen

Stadt und Ort waren also ganz bewusst gewählt. Berlin sei schließlich für Freiheitskämpfer in der ganzen Welt von hohem symbolischem Wert, erklärte Leopoldo López in seiner eindringlichen Eröffnungsrede. Immerhin stehe diese Stadt dafür, dass möglich ist, was viele Menschen auf der Welt zu erreichen versuchen: All die Mauern niederzureißen, die sie einsperren, klein halten und unfrei machen.

Diese Worte gingen mir, der ich als gebürtigen Berliner die ersten Jahre meines Lebens auf der Ostseite der geteilten Stadt verbracht habe, überraschend nahe. Denn sie erinnerten mich, wie selbstverständlich es für mich geworden ist, seit 36 Jahren die vielen Freiheiten zu genießen, die meine Eltern lange Zeit nicht hatten: Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, freie Wahl des Berufs, Wahlfreiheit und so viele mehr.

Freiheiten, die ich heute letztlich auch nur deswegen habe, weil andere sie für mich mit erkämpft haben, als ich selbst dazu (noch) nicht in der Lage war. Ein Glücksfall und Privileg. Doch es ist wie so oft; manchmal braucht es einen Perspektivwechsel und Input von außen, um sich des eigenen Glücks und der Privilegien bewusst zu werden.

Eröffnunsrede und erstes Panel „Activism: Democratic Decentralized Resistance“

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Wie Aktivisten Bitcoin und Nostr nutzen

Um den Perspektivwechsel ging es dann gleich auch im ersten Panel, in dem fünf Aktivistinnen und Dissidenten aus Simbabwe, Kambodscha, Venezuela, Nicaragua und dem Iran erzählten, warum und mit welchen Mitteln sie bereits heute Democratic Decentralized Resistance in ihren Heimatländern betreiben.

Zum Beispiel, weil man für einen Tweet, der als Beleidigung gegen den Präsidenten aufgefasst werden könnte, ohne rechtsstaatliches Verfahren ins Gefängnis kommt. Weil die Menschen „silent“ werden und Meinungsfreiheit verschwindet, wenn Soziale Netzwerke massiv überwacht werden und digital nicht privat kommuniziert werden kann. Weil Systemkritikern und Freiheitskämpfern, die sich offen äußern, Folter droht oder der willkürliche Entzug der Staatsbürgerschaft. Oder weil es entweder gar keine andere Möglichkeit gibt, politisches und zivilgesellschaftliches Engagement zu finanzieren, Spenden zu empfangen und humanitäre Hilfe zu leisten oder zumindest keine, die nicht alle Beteiligten in Gefahr bringt.

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Eindrücklich und beeindruckend. Aktivisten aus der ganzen Welt erzählen von ihrem Kampf gegen den Autoritarismus und wie dezentrale Technologie ihnen dabei hilft

Bedrückend war dabei vor allem die Antwort der Iranerin Maryam Khaden, die sagte, dass sie nicht einmal darüber erzählen könne, wie genau sie Bitcoin, Nostr und andere digitale Tools nutzen. Die Abläufe und Strukturen seien zu überlebenswichtig und die Konsequenzen für zu viele Menschen zu schwerwiegend, wenn diese verloren gingen.

Es braucht freie Gesellschaften um unfreie zu überwinden

Jeder, der schon einmal eine Antwort auf die Frage gesucht hat, warum es wichtig ist, dass es Bitcoin gibt, sollte sich dieses Panel anzuschauen. Hier finden sich viele Antworten. Und ganz nebenbei wird auch deutlich, wie empathielos das in Deutschland gerne vorgebrachte Argument der „enormen Energieverschwendung“ von Bitcoin ist.

Denn so wie du nicht fragst, ob der Apfel ein Fair Trade-Klebchen drauf hat, wenn du am verhungern bist, so nutzt du, wenn du für Demokratie und Menschenrecht ums Überleben kämpfst, auch alle verfügbaren digitale Tools. Selbst dann, wenn diese kein Energieeffizienzklasse A-Label haben. Ganz davon abgesehen, dass es keine sinnvolle Technologie gibt, die so etwas hätte.

Außerdem zeigt die Realität, dass Aktivisten dankbar sind, dass es überhaupt digitale Werkzeuge gibt, die ihnen ihre Arbeit ermöglichen und die nicht durch Autokraten, Diktatoren, Bürokratie und Vernebelungsdebatten gestoppt werden können. (Siehe dazu auch Anna Chekhovich: Navalny Foundation Needs Bitcoin (BTC Prague 2023 Keynote)

Nostr ist mehr als Twitter mit schlechter UX

Im weiteren Verlauf des Nachmittags ging es dann konkreter um dezentrale Tools und aktuelle Entwicklungen. Zuerst im Themenbereich Nostr, von dem mir vor der Democratic Decentralized Resistance nicht klar war, wie verbreitet die Verwendung des Protokolls unter politischen Aktivisten und Menschenrechtskämpfern bereits ist. Und welchen Nutzen dieses Protokoll für sie schon jetzt hat, selbst wenn es im Vergleich zu anderen Kommunikationsdiensten (noch) nur ein Nischenprojekt ist, vor nicht unerheblichen Skalierungsproblemen steht und wegen der schlechten User Experience vieler Clients zurecht kritisiert wird. Aber das war bei Bitcoin in den ersten Jahren nicht anders und ist nun einmal der Preis für Dezentralität und Unzensierbarkeit.

Vor allem aber gibt es viele Ideen, wie Nostr noch besser und nützlicher werden kann. Zum Beispiel durch White Noise, einem privatsphärefreundlichen Messenger der schnell und skalierbar sein soll. Oder durch Agora, einem frischen Nostr-Client. Oder durch Pareto, einer zensurfreien Publikationsplattform. Ob und wie diese Projekte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen können, wird sich zeigen müssen. Woran es an diesem Tag jedoch keinesfalls mangelte, ist der Wille es zumindest zu versuchen. Weil man weiß, warum.

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Nostr-Talk auf Englisch und Spanisch: Wer Menschen erreichen will, muss ihre Sprache sprechen

Bitcoin als Treibstoff und Katalysator

Klar wurde aber auch, dass der Wert von Nostr eben nicht nur in der eigenen unzensierbaren Infrastruktur liegt, sondern das Killer-Feature die unmittelbare Verknüpfung mit Bitcoin ist, der anderen dezentralen Technologie des Tages. Durch die direkte Verknüpfung von Berichterstattung mit finanzieller Unterstützung, durch Zaps, neue Fundraisingkonzepte oder durch decentral microphilanthropy, ein Konzept, um das es am Ende der Veranstaltung noch einmal Thema war.

Fireside Chat zu Decentralized Microphilanthropy

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Davor ging es aber noch einmal um Bitcoin. Zum einen um konkrete technische Entwicklungen wie bspw. das BTCPay Server-Plugin Arkade. In einem mitreißenden Talk von Calle aber auch um den originalen Cypherpunk-Spirit, die Bedeutung von finanzieller Privatsphäre und warum es neben dem seit langem laufenden Kampf um informationelle Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter nun genauso wichtig ist, für finanzielle Selbstbestimmung zu kämpfen.

Neben dem Eingangspanel mit den Aktivisten aus aller Welt war das für mich einer der besten Beiträge auf dieser Veranstaltung. Auch, weil er genau richtig war für ein Publikum, das teils eher wenig tiefen technischen Hintergrund mitbrachte, sich dafür aber gerne von einem orange vermummten Dude in seiner Begeisterung für Code, Freiheit und Aktivismus anstecken ließ.

Calles Vortrag darüber, warum es wichtig ist für Financial Privacy zu kämpfen

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Mehr Dezentralität wagen

Dass es an diesem Nachmittag auch noch ein/zwei Talks über KI-Tools gab, kann man insofern rechtfertigen, als dass diese Technologie im Sinne von whatever works von Aktivisten durchaus auch genutzt werden kann, um bspw. auch ohne Coding-Erfahrung Werkzeuge und Anwendungen für Nostr zu bauen (Shakespeare.diy).

Wie gut das in der Praxis funktioniert, konnte in dem kurzen Live-Workshop-Experiment jedoch nicht abschließend geklärt werden. Darüber hinaus sind die hierfür verwendeten Strukturen alles andere als dezentral und man hätte den KI-Teil an diesem Nachmittag deswegen auch geringer gewichten können.

Wie insgesamt auch die technisch oft anspruchsvollen und manchmal etwas zu nerdigen Ausführungen, denen mit Sicherheit ein signifikanter Teil des Publikums nicht immer folgen konnte.

Selbst ich war zwischenzeitlich dankbar, dass auf der Theke ein Bitcoin Candy Dispenser stand, der für 1000 Sats eine Handvoll Skittels ausschüttete, als der Blutzucker ins Nachmittagstief rutschte und das Aufschrecken durch die gelegentlich über LNURL-Zahlungen aufgelöste Nebelmaschine allein für die Konzentration nicht mehr ausreichte.

Auch hätte ich mir gewünscht, dass es Raum gegeben hätte, um mit den anwesenden Aktivisten mehr ins Gespräch zu kommen. Denn leider bot das eng getaktete Programm in nur einem einzigen Raum kaum Gelegenheit für direkten Austausch und weiterführende Gespräche.

Ansonsten war die Democratic Decentralized Resistance aber eine sehr gelungene Veranstaltung, von der zu hoffen ist, dass sie auch im kommenden Jahr wieder stattfindet. Um wieder die Brücke zu schlagen zwischen denen, die bereits mehr Freiheit haben und diese nutzen, um dezentrale Tools zu bauen und denen, die diese Tools dann einsetzen, um ihre Mauern zu Fall zu bringen.

PS: Nostr im Mainstream angekommen

Auch bei Breitband/Deutschlandfunk Kultur wurde die Democratic Decentralized Resistance am Wochenende (ab Minute 27:07) kurz besprochen und wenn ich mich nicht irre, ist das das erste Mal, dass es Nostr als Thema so ausführlich in die Berichterstattung für die breite Öffentlichkeit geschafft hat.


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