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Blockchain 3.0 – Der Whitepaper-Generator

Eine der weit verbreiteten Fehlinformationen über „Blockchain-Projekte“ ist, dass man, um ein solches ins Leben zu rufen, tatsächlich eine innovative Idee bräuchte. Oder fundierte Kenntnisse in Kryptographie. Oder ein hochqualifizierter Entwickler sein muss. Oder Ökonom. Also quasi Satoshi Nakamoto, nur besser. Satoshi Nakamoto 2.0. Oder am besten gleich 3.0!

Ein „Blockchain-Projekt“ braucht nicht viel

Letztendlich ist das alles aber ganz schön hoch gegriffen, wenn man doch eigentlich nur ein bisschen schnelles Geld machen will. Mit möglichst wenig Aufwand, versteht sich. Zumal die anhaltende Schwemme von ICOs (Initial Coin Offerings) inhaltsleerer „Blockchain-Projekte“ zeigt: das braucht man doch alles gar nicht.

Was man braucht, ist eine shiny, shiny Website, die hübsch aussieht und ganz viel verspricht, einen Social-Media-Fön, der den öden 0815-Standard-Scheiß zum nächsten richtig heißen Scheiß™ aufpustet und natürlich ein grundsolides Whitepaper,  in dem die Vision und der Weg dahin glasklar formuliert ist. Letzteres ist wahrscheinlich der aufwändigste Punkt, denn ohne Whitepaper geht es nun wirklich nicht.

Zum Glück muss man sich darum jetzt auch keine Sorgen mehr machen, denn mit dem Blockchain 3.0 Whitepaper Generator von Koinster lässt sich auch das nun mit wenigen Klicks zusammenstellen.

Jetzt das The Coinspondent-Whitepaper lesen!

Ich hab das direkt ausprobiert und präsentiere hiermit das offizielle The Coinspondent-Whitepaper mit dem knackigen Titel: Deine Muddi: Secure Decentralised Generalised One-time Ring Signature Peer-to-Peer Scalable Off-Chain Untraceable Electronic Instant Cash System and MimbleWimble Transaction Ledger Consensus Algorithm

deine muddi blockchain
Zum Lesen klicken
Deine Muddi hat ’nen Feuchten Händedruck

Auf 105 Seiten (kürzer ging es wirklich nicht!) wird dort sachlich, logisch und absolut überzeugend argumentiert, warum es eine absolut gute Idee ist, ich sag mal 1000 Bitcoins oder besser noch mehr an diese Spendenadresse zu schicken. Immerhin bekommt ihr dafür eine wirklich einmalige Kryptowährung, mit ganz besonderen Eigenschaften, wie die folgenden Whitepaper-Auszüge ja bereits überzeugend zeigen.

„Feuchter Haendedruck“ is the main internal crypto-fuel of Deine Muddi, and is used to pay transaction fees.“

„Users would thus need to „activate“ their accounts with Feuchter Haendedruck, but once the Feuchter Haendedruck is there it would be reusable because the contract would refund it each time.“

„Suppose that the contract’s storage starts off empty, and a transaction is sent with 10 Feuchter Haendedruck value, 2000 gas, 0.001 Feuchter Haendedruck gasprice, and 64 bytes of data, with bytes 0-31 representing the number 2 and bytes 32-63 representing the string CHARLIE.“

Also los! Öffne deine Wallet und

Unterstütze Deine Muddi!

Die obligatorische Social Media-Kampagne hab ich übrigens auch schon gestartet.

Unterstütze deine Muddi

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Bigger than bitcoin

Heute: Blockchain als Thema im Bundestag

Heute Vormittag fand im Bundestag eine Veranstaltung zum Thema: Blockchain in der Praxis. Konkrete Blockchain-basierte Geschäftsmodelle, Gesellschaftsformen und ihre rechtlichen Herausforderungen statt.

Blockchain im Bundestag2 (1)
Blockchain heute als Thema im Bundestag

Ich erwähne das hier allerdings mehr als Randnotiz, weil es wichtig, ist, zu dokumentieren, dass sich im Bundestag mit der Thematik auseinandergesetzt wird. Erwarten sollte man von der Veranstaltung darüber hinaus aber nicht allzu viel.

Nicht mehr als ein ganz, ganz kleiner Schritt

Die Agenda klingt, als würde man versuchen, das Thema so weit wie möglich herunter zu brechen. Das mag für die Arbeit von Abgeordneten praktikabel sein. Jeder, der sich aber selbst schon einmal mit Blockchain, Smart Contracts und DAOs beschäftigt hat, weiß, dass man ohne das entsprechende Hintergrundwissen nicht wirklich weit kommt und mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit mit mehr unbeantworteten Fragen aus der Veranstaltung gehen wird, als man rein gekommen ist. Dieses Fazit konnte man jedenfalls bereits 2014 ziehen, als sich im Bundestag schon einmal „nur“ mit Bitcoin auseinandergesetzt wurde.

Besser wäre es also, wenn es nicht bei einer einzigen Veranstaltung zu der Thematik bleibt. Doch ich bin da wenig optimistisch.

Abschließend noch fürs Protokoll: Die beiden einladenden MdB sind von der CDU.

Drei Bitcoin- und Blockchain-Lesetipps

In den vergangenen Tagen sind mir drei Artikel besonders aufgefallen, die ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich empfehlen möchte.

Zwar sind sind alle im Mikrokosmos Bitcoin/Blockchain verortet. Bemerkenswert ist jedoch, wie sie sehr sie sich trotzdem unterscheiden: Thema, Protagonisten, Technologie, Perspektive. Das alles zeigt, wie ausdifferenziert und facettenreich das Phänomen Bitcoin/Blockchain mittlerweile ist.

Unter diesem Aspekt lohnt es sich also nicht nur, jeden Artikel für sich zu lesen, sondern auch einen Blick auf die Breite zu werfen, die das Thema mittlerweile erreicht hat.

1. Warum IBM so heiß auf „Blockchain“ ist (und Microsoft auch)

Nathaniel Popper schreibt in seinem Artikel Blockchain: A Better Way to Track Pork Chops, Bonds, Bad Peanut Butter? über ein Thema, mit dem ich mich schon länger mal intensiver beschäftigen wollte, aber bislang nicht dazu gekommen bin: Was es mit IBM und dessen engagierten Blockchain-Ambitionen rund um das Hyperledger-Projekt auf sich hat. Und wie sich Microsoft zunehmend als Konkurrent positioniert. Snippet:

„Rival Microsoft said this past week that it was working with JPMorgan Chase and several other corporate giants on a system that competes against IBM’s, based on the virtual currency network known as Ethereum. Many banks are concerned that IBM could push them into a version of the blockchain that would lock them into IBM’s software.“

Die Ausgangssituation von IBM ist dabei keineswegs leicht. Nachdem die Erlöse das 19. Quartal in Folge rückläufig sind, ist man dringend auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell.

2. Ethereum unter wachsendem Druck

Eine ganz andere Perspektive zeigt der vor ein paar Tagen veröffentlichte Beitrag von Vlad Zamfir: About my tweet from yesterday. Darin erklärt der prominente Ethereum-Entwickler sein provokantes Twitter-Statement vom Vortag, das ich zunächst für als Understatement getarnte Ethereum-Werbung hielt, er aber scheinbar wirklich ernst meint. Zumindest in einem zeitlich begrenzten Rahmen.

Denn mit den immens großen Erwartungen und Hoffnungen umzugehen, die auf Ethereum und seinen Entwicklern ruhen, ist keineswegs leicht. Insbesondere dann, wenn immer mehr millionenschwere ICO’s über Ethereum abgewickelt werden und sich die Hoffnungen der Tech-, Industrie- und Finanzbranche (siehe obigen NYT-Artikel) ganz massiv auf dieses eine Projekt konzentrieren.

3. Amtliches Armutszeugnis für deutsche Bitcoin-Ermittler

In Brandenburg sitzt ein Drogendealer in Haft, der wohl einer der umsatzstärksten Händler auf der vom FBI dicht gemachten Silk Road war. Beschämend für den Rechtsstaat und unverständlich für den Außenstehenden ist jedoch die Tatsache, dass die Ermittlungsbehörden offenkundig nicht in der Lage sind, den genauen Umsatz und das Vermögen des Täters überhaupt festzustellen. Es geht also noch nicht einmal um das Konfiszieren. Man weiß vielmehr nicht einmal, um wie viel Geld es geht, geschweige denn, wo es sich befindet. Zitat aus der Märkischen Allgemeinen:

„Vom Brandenburger LKA ist nicht bekannt, dass deren Beamte überhaupt nach dem mutmaßlichen Geheimvermögen ihres Angeklagten gesucht haben.“

Oder wie man dieses Geschäftsmodell plus Exit-Strategie ganz passend zusammenfassen könnte:

Titelbild basierend auf „365:32“ Flickr-User reid (CC BY 2.0)

Bitcoin- und Blockchain-Presseschau #92

Vor ein paar Tagen habe ich über den bevorstehenden Versuch geschrieben, „Blockchain“ zu definieren. Vor diesem Hintergrund passt es ganz gut, diese Presseschau den Begrifflichkeiten zu widmen, mit denen Akteure im Ökosystem gerne mal klug um sich schmeißen: „dezentral“, „permissionless“ und natürlich „Blockchain“ allen voran.

Begriffe, die auf jeder Konferenz, in jedem Pitch und jedem Crypto-Crowdfunding gut klingen, aber oftmals falsch oder missverständlich verwendet werden. Aus Unwissenheit, weil es hip ist oder auch um die Zuhörer gezielt zu täuschen.

Unter diesen Voraussetzungen will ich nicht behaupten, dass die folgenden Artikel die einzig wahre Wahrheit™ beinhalten. Aber sie helfen durchaus dabei, sich einmal kritisch mit den Begrifflichkeiten und ihrer jeweiligen Bedeutung auseinanderzusetzen. Und das wiederum hilft enorm, den Durchblick im Blockchain-Hype-Nebel zu bewahren, um zwischen all den Marketing-Nebelkerzen das zu erkennen, was wirklich Potential hat.

Dezentral

Einen ausführlichen Artikel zu den verschiedenen Ebenen, die der Begriff „dezentral“ mit sich bringt, hat Ethereum-Gründer Vitalik Buterin veröffentlicht: The Meaning of Decentralization

Sich mit diesem Wort auseinanderzusetzen ist insofern wichtig, als dass es sich hierbei um einen der zentralen (sic!) Begriffe im Bitcoin- & Blockchain-Fachvokabular handelt, der aber dennoch oft für Missverständnisse sorgt. Denn letztlich ist ja auch die Blockchain, selbst wenn sie auf technischer Ebene unterm Strich dezentral einen Konsens findet, letztlich in irgendeiner Form eine zentrale Institution.

Dass Vitalik Buterin dabei natürlich am wenigsten das Dezentralisierungskonzept seines eigenen Projektes, Ethereum, kritisiert, ist verkraftbar, solange er andere Blockchain-immanente Prozesse so auf den Punkt bringt, wie bspw. diesen: „transaction inclusion into blocks through miners/block proposers is actually a very rapidly rotating dictatorship“.

Das einzige, was mir in diesem Kontext noch fehlt, ist eine selbstkritische Bewertung seiner eigenen Person. Als Ethereum-Gründer und „Wunderkind“ ist sein persönlicher Einfluss auf das Projekt, ob das will oder nicht, übermäßig groß. Für mögliche (soziale) Manipulationen ist er damit selbst eine potentielle Schwachstelle. Ob er dieses Problem final zu lösen bereit ist, wird sich aber erst noch zeigen.

Es gibt jedenfalls einen guten Grund, warum Satoshi Nakamoto von Anfang an anonym geblieben ist und sich schon lange aus der aktiven Mitarbeit an Bitcoin zurückgezogen hat.

Dezentralität ist nicht alles

Passend zu obigen Artikel ist dieser: What Makes Bitcoin Great? One Scientist is On a Quest to Find Out. Darin geht es u. a. darum, dass „dezentral“ zwar eine einfache Erklärung für den Erfolg von Bitcoin sei, aber nicht ausreicht. Das zugrunde liegende Protokoll sei vielmehr herausragend „robust“. Und das mache es besonders.

Blockchain vs. „blockchain technology“

Coin Center hat mit Open Matters: Why Permissionless Blockchains are Essential to the Future of the Internet einen umfassenden, aber lesenswerten Report zur Bedeutung des Begriffs „Blockchain“ in seinem ursprünglichen Kontext, also offen und zugangsbeschränkungsfrei, veröffentlicht.

Wer zweifelt, ob sich die 62 Seiten lohnen, sollte zumindest das Abstract lesen, das als “Blockchain technology” is a buzzword with little meaning. Here’s what matters einen eigenen Artikel bekommen hat.

Permissionless vs. „private bockchains“

Wer sich speziell für den Ansatz permissioned bzw. „privater Blockchains“ interessiert, der sollte sich mit diesem Artikel befassen: What does “permissionless” mean? Wenn man danach den Unterschied zwischen „privaten Blockchains“ und privaten Anwendungen, die auf einem offenen Protokoll basieren, verstanden hat, ist man auf dem richtigen Weg.

Keine Angst vor Blockchain-Patenten

Als Bonus-Content hier noch ein Hinweis auf den Newsletter Blockchain Briefing von Philipp Sandner, der das Frankfurt School Blockchain Center leitet und wöchentlich ein Update rumschickt, dessen Editorial immer lesenswert ist. In Ausgabe 14 widmet er sich – passend zum obigen Thema „Permission“ – der Frage, wie man eigentlich die ganzen Berichte um Blockchain-Patentanmeldungen einordnen muss, die ja letztlich auch eine Form von Zugangsbeschränkung darstellen. Panik, Sorge oder Gelassenheit? Letzteres ist der Fall. Das Warum ist der Mehrwert des Artikels.

Props & Credits

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Titelbild: “Zeitungsausträger” Flickr-User barmala (CC BY 2.0)

Auf dem Weg zum „Blockchain“-Standard

Ich war die vergangenen Tage mal wieder in Berlin, um auf der Blockchain und Smart Contract-Konferenz einen Grundlagen-Workshop zu Bitcoin und der Blockchain zu geben. Dieser war ernüchternd und erfreulich gleichermaßen.

Ernüchternd, weil wir tatsächlich wieder einmal mehr als zwei Stunden warten mussten, bevor die Bitcoin-Transaktionen der Teilnehmer von den Paper Wallets in ihre mobilen Wallets vom Netzwerk bestätigt wurden. Wobei im Grunde ja auch das ein Ergebnis ist: Bitcoin ist angesichts des steigenden Kurses zur Zeit zwar eine interessante Wertanlage, aber keine verlässliche Bezahl-Option. Zumindest, wenn man nicht unbegrenzt Zeit hat oder keine großen Geldbeträge verschicken will.

Der dafür umso erfreulichere Teil war jedoch, wie gut die TeilnehmerInnen die Wartezeit für eine wirklich substantielle Diskussion über Bitcoin (das Geld, die Technologie und das Phänomen) und verschiedene „Blockchain“-Konzepte nutzten. Was aber wiederum auch die breite Expertise begünstigt, wenn Vertreter von Banken, der Industrie, Energiewirtschaft, der Datenverarbeitung, Steuerbranche, Forschung, Lehre und Aufsichtsbehörden an einem Tisch zusammenkommen.

Im kleinen Kreis hat sich in unserem Workshop damit direkt gezeigt, was später auch der Vertreter der EZB in seinem Vortrag formulierte: „Blockchain ist eines der wenigen Phänomene, das nahezu alle Bereiche gleichermaßen betrifft und beschäftigt.“

„Blockchain“ auf dem Weg zum ISO-Standard

Und in genau diesem Kontext gewann wiederum später im Programm eine eher beiläufig gefallene Bemerkung besondere Bedeutung: Auf Initiative aus Australien hat die International Organization for Standardization (ISO)mit ISO/TC 307 ein Komitee ins Leben gerufen, das Definitionen und Standards für „Blockchain and electronic distributed ledger technologies“ erarbeiten soll.

Aufgabenbereich von ISO/TC 307:
„Standardization of blockchains and distributed ledger
technologies to support interoperability and data
interchange among users, applications and systems.“

Während sich bei dem ein oder anderen Zuhörer in dem Moment aus Angst vor einer überzogenen Bürokratisierung „direkt die Füßnägel aufrollten“ , halte ich das nicht nur für einen logischen und letztlich unausweichlichen Schritt, sondern auch für einen sinnvollen.

Denn es liegt in der Natur der Open-Source-Sache, dass es wohl niemals wieder nur eine einzige Blockchain geben wird. Vielmehr ist zum jetziger Stand das wahrscheinlichste Szenario, dass sich neben der Bitcoin-Blockchain wenige andere „echte“ Blockchains (offen, beschränkungsfrei, unveränderbar etc.) etablieren werden.

Plus eine Vielzahl spezialisierter Pseudo-Blockchains. Also Projekte, die in irgendeiner Weise „Blockchain-Technologie“ oder „distributed ledger technology“ einsetzen und für ihren jeweiligen ganz bestimmten Anwendungsfall womöglich tatsächlich die beste Lösung darstellen, auch wenn sie mit der ursprünglichen Idee einer „echten“ Blockchain nicht mehr viel zu tun haben, aber damit womöglich, wie viele andere Programme, Daten und Nutzer, interagieren müssen.

Das „Blockchain“-Mysterium braucht einheitliche Definitionen

In solch einem hochgradig fragmentierten, sich beständig wandelnden und wachsenden Umfeld frühzeitig einheitliche Standards und Definitionen auszuarbeiten, die die Interoperationalität verschiedener Ansätze langfristig sicher stellen, ist ein rationaler und notwendiger Schritt, von dem letztlich alle profitieren: Entwickler, Gründer und auch die Nutzer.

Auch die Gefahr einer vorschnellen Bürokratisierung und Regulierung von oben herab sehe ich nicht. Denn letztlich müssen sich die theoretisch ausgearbeitet Standards an der Realität messen lassen und beweisen, dass sie dem Status Quo ausreichend berücksichtigen. Sollten eine Blockchain-Definition später bspw. nicht Bitcoin-kompatibel sein, wäre das nicht das Problem von Bitcoin, sondern der Definition. Sie würde sich selbst ad absurdum führen, ansonsten aber nichts ändern.

Einer muss es machen, sonst macht es keiner

Noch viel wichtiger finde ich jedoch die Frage, wer es sonst machen sollte? Denn es steht außer Frage, dass es unbedingt zu verhindern gilt, dass sich in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Blockchain“ und wie man damit idealerweise umgehen sollte, herausbilden.

Doch wie soll sich ein dezentrales Ökosystem in diesem Punkt einig werden? Man könnte einfach abwarten und schauen, was sich schlussendlich durchsetzt. Die seit Jahren währende Blocksize-Debatte um die Skalierbarkeit der Bitcoin-Blockchain zeigt aber prototypisch, wie langwierig, aufreibend und ineffizient dieser Prozess sein kann.

Wenn sich also jemand bereit erklärt, sich die Mühe zu machen, sollte man das erst einmal als hilfreichen Schritt sehen. Man muss die Standards später ja nicht akzeptieren. Diese Wahlmöglichkeit ist jedenfalls 100-prozentig Bitcoin-kompatibel.

Über 30 Länder sind an „Blockchain“-Standards interessiert

Das internationale Interesse, diese Aufgabe anzugehen, ist jedenfalls groß. 16 Länder nehmen aktiv am ISO/TC 307-Komitee teil, weitere 17 sind Beobachter. Anfang April findet in Sydney dann das erste Treffen statt.

Um die deutschen Interessen dort zu repräsentieren, wurde im Rahmen des DIN-Gremiums Blockchain und Technologien für verteilte elektronische Journale die Vertretung bereits gewählt. Es gibt online leider kein Protokoll der Sitzung. Aber da das DIN-Gremium potentiell jedermann offen steht, gehe ich davon aus, dass das keine reine „Behördendelegation“ ist. Darauf lässt zumindest auch dieses Datei-Archiv schließen, das die Vorträge des ersten DIN-Treffens beinhaltet.

Standardisierung ist auch Lobbyarbeit

Sich dort einmal durchzuklicken, ist durchaus interessant. Denn neben den offiziellen Präsentationen des DIN e. V., die den Sachverhalt ISO/TC 307 und die zugehörigen Arbeitsprozesse noch einmal erläutern, finden sich dort auch die Präsentationen von anderen Teilnehmern, die ihre Interessen zum Thema „Blockchain“ frühzeitig in die entsprechenden Gremien eingebracht wissen und den Standardisierungsprozess entsprechend mitgestalten wollen.  Darunter u. a. die BaFin, T-Systems, IBM und Ascribe/BigchainDB.

Ein gewisse kritische Distanz gegenüber den potentiellen Ergebnissen angesichts dieser finanzkräftigen Wirtschaftslobby ist daher angebracht. Dennoch sehe ich auch hier noch keinen Grund zur Beunruhigung. ISO/TC 307 steht noch ganz am Anfang und mit Ergebnissen ist frühestens in 36 Monaten zu rechnen. In Bitcoin- und Blockchain-Zeitrechnung ist das eine halbe Ewigkeit.

Berliner Blockchain-Studie. Leider nur gut gemeint

Die Technologie Stiftung Berlin hat mit Blockchains, Smart Contracts und das Dezentrale Web  vor Kurzem eine Studie zum Thema „Blockchain-Technologien“ veröffentlicht, die u. a. zu folgendem bemerkenswerten Schluss kommt: „Es gibt nach wie vor zu wenig Information über die Blockchain, vor allem deutschsprachige Information, die auch einem technisch nicht versierten Publikum verständlich ist.“ (S. 32)

Ein Satz, der kurz Hoffnung weckt. Doch wirklich nur kurz. Die Autorin scheitert nämlich selbst am formulierten Ziel, genau das mit dieser Studie zu ändern.

Die „Studie“ beinhaltet nämlich eine Vielzahl inhaltlicher und formaler Fehler. Das wiederum stellt die ganze Veröffentlichung in Frage: Was bringt so ein Arbeit, wenn man nicht weiß, welchen Aussagen man darin trauen kann? Letztlich nichts.

Hier die fünf Hauptkritikpunkte:

1. Hier schreibt ein Ethereum-Fangirl

Das wird recht schnell offensichtlich. Grafiken, die „Blockchain“ erklären sollen, bestehen vielfach aus Ethereum-spezifischen Begriffen und Strukturen (S. 11). Auch die immer wiederkehrende inhaltliche Fokussierung auf „dApps“ (dezentrale Applikationen) und „DAOs“ (dezentrale autonome Organisationen) sowie die inhaltlich Auslegung selbiger entsprechend des Ethereum-Duktus zeugen von mangelnder Objektivität. Dem könnte man begegnen, wenn man die gewählte Fokussierung klar kommuniziert und „Blockchain“ am Beispiel Ethereum erklärt. Wird hier aber nicht gemacht.

Wobei ich hier keinesfalls die Relevanz des Industrie- und Institutionen-Lieblings Ethereum abwerten will.  Dennoch werden hier andere „Blockchain-„Konzepte und Ansätze ohne Hinweis oder Begründung unterschlagen.

2. Keine kritische Diskussion

Wie in vielen anderen „Blockchain-Studien“ auch fehlt das, was solch eine Studie eigentlich so wichtig und wertvoll machen würde: die kritische Diskussion und Einordnung. Stattdessen finden sich im Kapitel „Potentiale und Herausforderungen“ irritierende Sätze wie dieser: „Die Frage, die sich hier stellt, ist nicht, ob diese Probleme gelöst werden können, sondern eher wann und wie genau sie gelöst werden.“ (S. 30)

Das lässt mich sprachlos zurück. Denn doch – genau darum geht es! Selbstverständlich stellt sich die Frage, ob sich bestimmte Probleme, Erwartungen und wundersame Heilsversprechen, die im aktuellen Blockchain-Hype herumgeistern, überhaupt jemals (ein-)lösen lassen.

Wer sich dieser zentralen Fragestellung jedoch von vornherein verweigert, zeigt, dass die eigene Mission nicht Aufklärung ist, sondern Marketing.

2. Löchrige oder fehlende Argumentation

Dazu kommt, dass die Studie quasi keine nachvollziehbare Argumentation besitzt, daraus aber trotzdem Handlungsempfehlungen für den Standort Berlin ableitet. Beispiel: „Obwohl Blockchain-Technologien längst der Grundlagenforschung entwachsen sind (sic!), gibt es dennoch in der angewandten Forschung erheblichen Forschungsbedarf, der sowohl durch Unternehmen als auch durch angewandte Forschung im öffentlichen Sektor bearbeitbar ist.“ (S. 27).

Eine interessante These, die durch zwei Eigenschaften besticht: Sie wird erstens in keiner Weise belegt und ist zweitens, wenn man genau hinschaut, gänzlich ohne Inhalt. Denn was sind denn eigentlich diese „Blockchain-Technologien“, von denen da die Rede ist und deren Grundlagenforschung angeblich abgeschlossen sein soll? Geht es hier um Ethereum? Oder um die Bitcoin-Blockchain? Oder um Konsortien-Blockchains? Oder um etwas ganz anderes?

Diese Antwort bleibt die Studie – wie viele andere Antworten übrigens auch – leider schuldig. „Blockchain-Technologien“ ist halt so ein schöner Begriff, der gut klingt und immer dann passt, wenn man möglichst schwammig bleiben will.

3. Fehlende oder falsche Quellen

Dazu kommt ein, für jemand mit einem höheren akademischen Abschluss durchaus fragwürdiger Umgang mit Quellen, die viel zu oft fehlen oder oft nicht gerade belastbar sind. Beispiel: „Obwohl das Konzept von Blockchain und P2P-Netzwerken im akademischen Umfeld schon seit den 1980er Jahren existiert, gab es nie einen Anwendungsfall, der eine bedeutende kritische Masse erreicht.“ (S. 15) Hier hätte ich aus journalistischem Interesse doch wirklich gerne gewusst, wer in welchem Kontext vor bald vierzig Jahren bereits über „Blockchain“ gesprochen hat. Ich vermute aber, keiner. Sonst hätte man ja eine Quelle verlinken können.

Darüber hinaus tauchen viele Mythen und Gerüchte auf, die seit Jahren unbelegt im Blockchain-Ökosystem umherschwirren. Auch hier werden sie kurzerhand als Fakten ausgegeben. Ich jedenfalls bin schon seit langen auf der Suche nach einer offiziellen Bestätigung, dass Honduras tatsächlich sein Grundbuch auf die Blockchain umstellen will. Aber auch in dieser „Studie“ gibt es keinen Verweis. Nicht zu einem der Online-Artikel, die das behaupten und erst recht nicht zu einem offiziellen Statement.

4. Mangelnde Recherche

Letztlich ist diese Studie ohne die dafür nötige Fachkenntnis oder Recherche geschrieben worden. Stattdessen wurde einfach alles zusammengeworfen, was halt irgendwie passt. Selbst wenn es nicht einmal passt. Zum Beispiel wird der künftige Erfolg von „Blockchain“ analog zu anderen „Erfolgen“ im Rahmen der Digitalisierung prognostiziert:  „Genau wie bis Ende der 1990er Jahre die meisten nicht abschätzen konnten, bzw. skeptisch waren, ob und wie man Online-Content Geld verdienen kann …“ (S. 30). Diese Aussage verwirrt, denn sie impliziert, dass das Problem mittlerweile gelöst sei. Das wage ich stark zu bezweifeln. Mir jedenfalls wäre es neu, dass Musiker, Künstler, Medienmacher und die gesamte Medienbranche ein adäquates Geschäftsmodell gefunden hätten, mit ihrem Content angemessen Geld im Netz zu verdienen. Ich würde mich aber gerne eines Besseren belehren lassen, doch fehlen auch hier die Belege für die steile These.

Die mangelnde Recherche wird aber noch an einem anderen Punkt offensichtlich. Die eingangs erwähnte Feststellung, dass es an deutschsprachigen Blockchain-Quellen mangele, beruht nämlich offensichtlich darauf, dass gar nicht nach solchen gesucht wurde.

Das Kapitel „Quellen und weiterführende Informationen“ listet nämlich überhaupt nur fünf „Online-Nachrichtenportale und Blockchain relevante Blogs“ auf, darunter Franchise-PR-Aggregatoren wie z. B. Cointelegraph, aber keinen einzige deutschsprachige Quelle.

Das ist peinlich. Denn man muss im Netz wirklich nicht lange suchen, um den Bitcoinblog zu finden, den Bitstaub-Podcast, den Altcoinspekulanten, deutschsprachige Blockchain-Newsletter und so Einiges mehr, was durchaus Informationen zu Bitcoin und der Blockchain liefert. Vor allem oftmals in einer Qualität, an der es dieser „Studie“ leider viel zu stark mangelt.

Fazit: Muss man nicht gelesen haben.

Enter the Blockchain! Der Virtual-Reality-Blockexplorer

Ich hätte nicht gedacht, dass es soweit kommen würde, aber spätestens jetzt müssen wir Blockexplorer wohl als eigene Mediengattung definieren.

vr blockexplorer bitcoin

Denn was ursprünglich mit blockchain.info, blockr.io etc. als einfache Schnittstelle zwischen dem menschlichen Nutzer und seinem Computer auf der einen Seite und den kryptischen Rohdaten der Blockchain auf der anderen begann, wird zunehmend hübscher, komplexer und interaktiver.

Feel the blockchain. Be the blockchain.

Nun ist also auch der erste Virtual-Reality-Blockexplorer in Arbeit und wie dieses Vorab-Video zeigt, wird das wohl eine erstaunlich unterhaltsame Angelegenheit. Oder wie es dieser Dialog auf Reddit beschreibt: „it can´t get more geeky.“ – „Yes it can. I didn’t see him try to mine for blocks.“

Bitcoin Traffic – Willkommen auf dem Blockchain-Highway

Reddit-User spottedmarley hat mit Bitcoin Traffic eine optisch sehr ansprechende Visualisierung von Bitcoin-Transaktionen gebastelt. Oder wie er es nennt: „My Artsy Fartsy Bitcoin Traffic Visualization Thingy“. Und das trifft es ziemlich gut.

Bitcoin Traffic blockchain highway (1)
Bitcoin Traffic – Kein Stau auf dem Blockchain-Highway
Kein Stau auf der Blockchain. Aber davor.

Das Wort „Traffic“ ist dabei wörtlich zu nehmen – den die Transaktionen werden durch (Auto-)Scheinwerfer dargestellt, die über ein virtuelles Autobahnkreuz flitzen. Das wirkt erstaunlich beruhigend und meditativ, denn der Verkehr ist überschaubar und kein Stau in Sicht.

Das wiederum bildet jedoch nicht ganz die Realität ab, denn auf diesem Blockchain-Highway mag es zwar ruhig zugehen, durch die andauernde Scaling-Debatte wissen wir jedoch: Die Zubringer sind verstopft, weil immer mehr Fahrzeuge auf die Autobahn wollen. Es werden aber nur maximal sieben pro Sekunde draufgelassen. Wegen des anhaltend großen Andrangs steigt daher auch die Maut, um auf die Bitcoin-Autobahn drauf zu kommen.

Gute Metapher – viele Ideen

Nichtsdestotrotz ist Bitcoin Traffic eine wirklich schön gemachte Visualisierung und wenn nur die Hälfte der Vorschläge umgesetzt werden, die begeistert auf Reddit diskutiert werden, dann kann man das glatt dauerhaft auf einem zweiten Monitor laufen lassen:

„Brilliant. Now for the obvious unsolicited input:
1) size of car based on size of transaction
2) color of car based on country of transaction
3) speed of car based on transaction fee paid
4) new blocks confirmed add to building size in background
5) current price on a billboard on side of road
Enjoy!“

„I can do sound too, so my idea for representing TX size is to give each TX a horn honk … from a tiny quiet beep for tiny TXs to a semi truck woooooonk for big ones 🙂
i like the billboard idea … or maybe one of those big traffic displays you see on the highway .. „15 minute travel time to MOON!“

Österreich, das Bitcoin-Land

Ich habe schon einige Male darauf hingewiesen, wie viel dynamischer die Österreicher mit dem Thema Bitcoin (und Blockchain) umgehen als wir. Neben Bitcoin-Automaten können Bitcoins dort nämlich auch schon lange flächendeckend in mehr als 600 Trafiken gekauft werden.

Nun zeigen zwei weitere Ereignisse, dass sich Österreich seinen festen Platz auf der Bitcoin-Karte zu Recht verdient hat.

Bitcoin und Blockchain Teil der österreichischen Digitalstrategie

Erstens wird Bitcoin in der (wirklich toll aufbereiteten) digitalen Strategie der Österreichischen Bundesregierung ganz offen als einer der „Meilensteine der Digitalisierung“ aufgelistet.

bitcoin österreich
Der wichtigste digitale Meilenstein im Jahr 2008: Bitcoin wird beschrieben

Darüber hinaus wird auch die Blockchain als möglicher Zukunftstrend explizit beschrieben:

„Eine Blockchain ist ein dezentrales Protokoll, das dauerhaft und unveränderbar definierte Transaktionen zwischen zwei Parteien innerhalb eines Netzwerks erfasst. Dabei gibt es keinen Mittelsmann mehr, weil eine Blockchain öffentlich und weltweit für alle zugänglich ist. Sie gehört niemandem und ist durch diese Transparenz nahezu unmanipulierbar. Diese Technologie kann die Art und Wiese, wie wir Verträge abschließen, an Börsen handeln oder Bankgeschäfte erledigen, grundlegend verändern. Zum Beispiel könnten in Zukunft digitale Verträge mittels Blockchain-Technologie fälschungssicher gemacht werden.“

House of Nakamoto eröffnet in Wien

Aber nicht nur die Bundesregierung treibt das Thema voran. In Wien entsteht mit dem House of Nakamoto gerade ein öffentlicher Bitcoin-Hub auf einer der Hauptshoppingstraßen, der – so hört man es zwitschern – wohl so etwas wie ein zentraler Anlaufpunkt für Bitcoin-Neugierige und -Interessierte werden soll.

Es ist wohl schon offen, sodass man vorbeischauen und sich Bitcoins am lokalen Geldautomaten kaufen kann. Die Adresse ist:

Mariahilferstraße 49, 1060 Wien

house of nakamoto google maps

Sobald ich mehr über das House of Nakamoto in Erfahrung gebracht habe, gibt es hier ein Update. Vielleicht schaffe ich es ja auch mal selbst wieder nach Wien.

Chronobank.io – Momos Blockchain-Erzfeind

Ich bin neulich im Netz auf ChronoBank.io gestoßen, eines dieser strangen „Blockchain“-Projekte, bei denen man nicht weiß, ob die das wirklich ernst meinen.

Professionalisierte Blockchain-Zeitverschwendung

Chronobank.io setzt als Blockchain-Währung nämlich auf „LabourHours“, also auf eine Art „Arbeitsstunden-Token“, mit denen sich dann was anstellen lassen können soll?

Weder die Website noch das Imagevideo geben vor lauter Pathetik, Schwulst und Phrasendrescherei eine wirkliche Antwort darauf.

In jedem Fall soll die Währung aber „backed by time“ sein und damit so wertstabil wie nichts anderes auf dieser Welt. Logisch. Die Frage ist dann bloß, warum sie im derzeit laufenden Initial Coin Offering (ICO) so unglaublich viel ordinäres Geld haben wollen? Arbeitsstunden könnten sie doch auch ganz normal wie alle anderen erzeugen.

Ich wage zudem auch zu bezweifeln, dass bei der dünnen Informationslage bereits 1500 Leute rund 2,5 Millionen US-Dollar in das Projekt investiert haben. Das sind nur irgendwelche Zahlen auf einer shiny Website.

Momo, übernehmen Sie!

Das einzige, was ich an dem Projekt wirklich mag, ist, dass es mich sofort an die Grauen Männer aus Michael Endes „Momo“ denken lässt, die mit ihrer Zeitsparkasse die Menschen mit hübschen Versprechungen übers Ohr hauen wollen.

Ich denke also, ich liege nicht ganz falsch mit meiner Vorstellung, dass es im Besprechungsraum der Chronobank ganz ähnlich aussieht und abläuft wie hier:

graue männer chronobank

Glücklicherweise wissen wir auch, wie es mit den Grauen Männern  und ihrer Zeitsparkasse ausging. Insofern: Momo, übernehmen Sie!