Schlagwort-Archive: Private Blockchains

Warum „private Blockchains“ Unfug sind

Ich habe einiges Feedback auf meinen letzten Beitrag bekommen, in dem ich Daimler und die LBBW als Könige des Blockchain-Bullshit-Bingo bezeichnet habe. Manche waren dankbar dafür, dass ich so deutliche Worte gefunden habe, andere haben nachgefragt, was genau denn an „privaten Blockchains“ so schlimm wäre.

Da ich davon ausgehe, dass sich noch viele andere diese und ähnliche Fragen stellen, hier noch einmal eine etwas ausführlicher Erklärung, warum „private Blockchains“ ein Widerspruch in sich selbst und damit Unfug sind.

Die Blockchain ist eine Speziallösung

Zunächst ist es wichtig, sich Folgendes zu vergegenwärtigen:

Die Blockchain ist eine ganz spezielle Form einer verteilten Datenbank. Verteilte Datenbanken an sich sind wierum nichts Neues, sondern ein seit Jahrzehnten bewährter und elementarer Bestandteil der IT. Verteilte Datenbank haben bislang jedoch eine wichtige Eigenschaft: Es gibt immer eine zentrale Institution, die sie betreibt, verwaltet und letztlich die Verantwortung für die enthaltenen Daten trägt.

Das kann zum Beispiel eine Bank sein, die ihre Daten aus Sicherheitsgründen nicht auf einem einzigen Server speichert, sondern auf mehreren, räumlich voneinander getrennten. Fällt ein Rechenzentrum aus, kann der Betrieb so im Prinzip dennoch reibungslos aufrecht erhalten werden. Fällt jedoch die Bank selbst als zentrale, den kompletten Datensatz verantwortende Institution aus, dann sind auch alle Daten davon betroffen.

Genau in diesem Punkt unterscheidet sich die Blockchain. Denn es ist die erste und bislang einzige Form einer verteilten Datenbank, die ganz ohne zentrale Betreiber-Institution auskommt. Also ohne Bank. Das hat viele Vorteile. Einer ist zum Beispiel die erhöhte Sicherheit und Verlässlichkeit der Daten. Denn es gibt nicht nur eine (zentrale) Instanz, die die Datenbank betreibt, sondern deren Organisation ist auf tausende gleichberechtigte Teilnehmer verteilt.

In diesem Netzwerk verliert der Einzelne ganz bewusst an Bedeutung. Weder kann er gegen den Konsens aller die Daten willkürlich bearbeiten, dafür bleibt deren Integrität aber auch gewährleistet, fällt er (oder hunderte andere mit ihm) aus. Daraus folgt auch: Je größer und dezentraler das Netzwerk, das die Blockchain betreibt, desto sicherer sind die Daten darin.

Dezentralität lohnt, hat aber auch ihren Preis

Um nun zu verstehen, warum „private Blockchains“ Unsinn sind, ist es wichtig, sich klar zu machen, dass die herausragenden Eigenschaften der Blockchain (Ausfallsicherheit, Nicht-Manipulierbarkeit, Dezentralität etc.) natürlich auch ihren Preis haben. Denn verglichen mit anderen verteilten Datenbanken ist die Blockchain extrem langsam, hat eine enorm begrenzte Kapazität und ist unglaublich verschwenderisch in Bezug auf Ressourcen wie Energie und benötigte Rechenleistung. Darüber hinaus sind alle Daten in der Blockchain für jedermann offen einsehbar.

Das ist jedoch nicht optional, sondern Grundbedingung, dass die Blockchain überhaupt funktioniert. Würde man Daten in der Blockchain irgendwie auf „privat“ setzen, würde das das gesamte System ad absurdum führen. Denn die Daten in der Blockchain sind nur dann sicher und vertrauenswürdig, wenn jeder Netzwerkteilnehmer sie gleichberechtigt auf Richtigkeit überprüfen kann. Das ist nun einmal der Preis, den man beim Einsatz der Blockchain zu zahlen hat. Und er ist nicht verhandelbar.

Dafür bekommt man im Gegenzug aber zum Beispiel mit Bitcoin ein staaten-, banken- und grenzenloses Geld, das nicht zensierbar ist und dessen Vorteile gegenüber den oben genannten Nachteile offenbar überwiegen.

Als Zwischenfazit lässt sich daher festhalten: Die Blockchain ist eine sehr spezielle Form einer verteilten Datenbank, die keine zentrale Institution benötigt. Das macht sie enorm innovativ und – siehe Bitcoin – für bestimmte Anwendungen sehr erfolgreich. Allerdings bringt die Blockchain auch Eigenschaften mit sich, die sie nicht für alle Anwendungen zur idealen Lösung machen. Denn sie ist vergleichsweise langsam, ressourcenhungrig und bietet nur Platz für wenige Daten. Zudem geht es nicht ohne Transparenz. Das sind die Eigenschaften, die die Blockchain ausmachen und sie können nicht einfach so verändert werden.

Eine Blockchain ist kein Wunschkonzert

An dieser Stelle wird nun deutlich, warum „private Blockchains“ so widersinnig sind. Denn die Blockchain einzusetzen, lohnt nur, wenn man ihre Vorteile auch voll zu nutzen weiß: Offenheit, Dezentralität, Transparenz der Daten etc.

Baut man hingegen, wie die Daimler-LBBW-„Blockchain“-Lösung, eine in sich abgeschlossene Datenbank, um genau das Gegenteil zu erreichen – zentrale Kontrolle über die Daten und beschränkter Zugriff darauf – stellt sich die Frage, warum eine Blockchain hierfür die optimale Lösung sein sollte? Immerhin holt man sich dadurch all die Nachteile ins Boot (langsame Geschwindigkeit, hoher Ressourcenbedarf, begrenzte Kapazität) ohne aber die Vorteile zu nutzen, die eine offene Blockchain ermöglicht. Zumal die Sicherheit der Daten in einem sehr kleinen Blockchain-Netzwerk eben auch sehr klein ist.

Kurzum: Egal welches Problem –  eine „private Blockchain“ ist immer die schlechteste Wahl. Denn will ich etwas privat und zentralisiert machen, sind „klassische“ Datenbank-Lösungen effizienter, billiger und sicherer. Will ich mir hingegen die Vorteile einer offenen, dezentralen Lösung wie der Blockchain zu eigen machen, muss ich mich mit ihren Eigenschaften arrangieren.

Sollten Banken die Finger von der Blockchain lassen?

Bleibt die Frage, inwieweit es trotzdem sinnvoll sein kann, wenn Banken mit der sogenannten „Blockchain-Technologie“ experimentieren. Ich halte das für sehr sinnvoll, insbesondere wenn das Ergebnis ist, dass die Blockchain in vielen Fällen eben nicht das geeignete Werkzeug ist, sondern möglicherweise eine andere, Blockchain-inspirierte Lösung.

In jedem Fall gilt es aber solch ein Blockchain-Bullshit-Bingo zu vermeiden, wie es Daimler und die LBBW fabriziert haben. Sich das Ethereum-Protokoll zu nehmen, es auf einer privaten Instanz laufen zu lassen und dann zu behaupten man hätte die Blockchain genutzt, ist in etwa so zutreffend, wie wenn man sich Laufschuhe ausleiht, diese einmal zu Hause anzieht und dann behauptet einen Marathon gelaufen zu sein. Kann man machen, ist aber eben …

Abschließender Hinweis

Im Sinne der Argumentation habe ich in diesem Text einige Punkte vereinfacht.

Bitcoin- und Blockchain-Presseschau #92

Vor ein paar Tagen habe ich über den bevorstehenden Versuch geschrieben, „Blockchain“ zu definieren. Vor diesem Hintergrund passt es ganz gut, diese Presseschau den Begrifflichkeiten zu widmen, mit denen Akteure im Ökosystem gerne mal klug um sich schmeißen: „dezentral“, „permissionless“ und natürlich „Blockchain“ allen voran.

Begriffe, die auf jeder Konferenz, in jedem Pitch und jedem Crypto-Crowdfunding gut klingen, aber oftmals falsch oder missverständlich verwendet werden. Aus Unwissenheit, weil es hip ist oder auch um die Zuhörer gezielt zu täuschen.

Unter diesen Voraussetzungen will ich nicht behaupten, dass die folgenden Artikel die einzig wahre Wahrheit™ beinhalten. Aber sie helfen durchaus dabei, sich einmal kritisch mit den Begrifflichkeiten und ihrer jeweiligen Bedeutung auseinanderzusetzen. Und das wiederum hilft enorm, den Durchblick im Blockchain-Hype-Nebel zu bewahren, um zwischen all den Marketing-Nebelkerzen das zu erkennen, was wirklich Potential hat.

Dezentral

Einen ausführlichen Artikel zu den verschiedenen Ebenen, die der Begriff „dezentral“ mit sich bringt, hat Ethereum-Gründer Vitalik Buterin veröffentlicht: The Meaning of Decentralization

Sich mit diesem Wort auseinanderzusetzen ist insofern wichtig, als dass es sich hierbei um einen der zentralen (sic!) Begriffe im Bitcoin- & Blockchain-Fachvokabular handelt, der aber dennoch oft für Missverständnisse sorgt. Denn letztlich ist ja auch die Blockchain, selbst wenn sie auf technischer Ebene unterm Strich dezentral einen Konsens findet, letztlich in irgendeiner Form eine zentrale Institution.

Dass Vitalik Buterin dabei natürlich am wenigsten das Dezentralisierungskonzept seines eigenen Projektes, Ethereum, kritisiert, ist verkraftbar, solange er andere Blockchain-immanente Prozesse so auf den Punkt bringt, wie bspw. diesen: „transaction inclusion into blocks through miners/block proposers is actually a very rapidly rotating dictatorship“.

Das einzige, was mir in diesem Kontext noch fehlt, ist eine selbstkritische Bewertung seiner eigenen Person. Als Ethereum-Gründer und „Wunderkind“ ist sein persönlicher Einfluss auf das Projekt, ob das will oder nicht, übermäßig groß. Für mögliche (soziale) Manipulationen ist er damit selbst eine potentielle Schwachstelle. Ob er dieses Problem final zu lösen bereit ist, wird sich aber erst noch zeigen.

Es gibt jedenfalls einen guten Grund, warum Satoshi Nakamoto von Anfang an anonym geblieben ist und sich schon lange aus der aktiven Mitarbeit an Bitcoin zurückgezogen hat.

Dezentralität ist nicht alles

Passend zu obigen Artikel ist dieser: What Makes Bitcoin Great? One Scientist is On a Quest to Find Out. Darin geht es u. a. darum, dass „dezentral“ zwar eine einfache Erklärung für den Erfolg von Bitcoin sei, aber nicht ausreicht. Das zugrunde liegende Protokoll sei vielmehr herausragend „robust“. Und das mache es besonders.

Blockchain vs. „blockchain technology“

Coin Center hat mit Open Matters: Why Permissionless Blockchains are Essential to the Future of the Internet einen umfassenden, aber lesenswerten Report zur Bedeutung des Begriffs „Blockchain“ in seinem ursprünglichen Kontext, also offen und zugangsbeschränkungsfrei, veröffentlicht.

Wer zweifelt, ob sich die 62 Seiten lohnen, sollte zumindest das Abstract lesen, das als “Blockchain technology” is a buzzword with little meaning. Here’s what matters einen eigenen Artikel bekommen hat.

Permissionless vs. „private bockchains“

Wer sich speziell für den Ansatz permissioned bzw. „privater Blockchains“ interessiert, der sollte sich mit diesem Artikel befassen: What does “permissionless” mean? Wenn man danach den Unterschied zwischen „privaten Blockchains“ und privaten Anwendungen, die auf einem offenen Protokoll basieren, verstanden hat, ist man auf dem richtigen Weg.

Keine Angst vor Blockchain-Patenten

Als Bonus-Content hier noch ein Hinweis auf den Newsletter Blockchain Briefing von Philipp Sandner, der das Frankfurt School Blockchain Center leitet und wöchentlich ein Update rumschickt, dessen Editorial immer lesenswert ist. In Ausgabe 14 widmet er sich – passend zum obigen Thema „Permission“ – der Frage, wie man eigentlich die ganzen Berichte um Blockchain-Patentanmeldungen einordnen muss, die ja letztlich auch eine Form von Zugangsbeschränkung darstellen. Panik, Sorge oder Gelassenheit? Letzteres ist der Fall. Das Warum ist der Mehrwert des Artikels.

Props & Credits

Gute Presseschau? Dann abonniere sie hier im Newsletter und unterstütze die Arbeit an weiteren Ausgaben mit einer Spende!

Titelbild: “Zeitungsausträger” Flickr-User barmala (CC BY 2.0)

Honigdachs #3 – Blockchain ohne Bitcoin

Die dritte Folge von Honigdachs ist da, dem Bitcoin-Podcast, den Stefan (bitcoinprivacy.net), Manuel (guidap.de) und ich ins Leben gerufen haben, weil uns nur einmal im Monat beim Leipziger Bitcoin-Stammtisch über Bitcoin und die Blockchain zu reden auf Dauer zu wenig war.

Honigdachs – 03 – Blockchain ohne Bitcoin

Dieses Mal sprechen wir über ein Thema, das uns seit Wochen besonders unter den Nägeln brennt: Blockchain ohne Bitcoin.

Hintergrund ist der, dass die Finanzwelt sich bekanntlich seit geraumer Zeit auf das Hype-Wort „Blockchain“ eingeschossen hat, gleichzeitig aber bloß nichts mit Bitcoin zu tun haben will. Das ist paradox, skurill und wirft viele Fragen auf. Allen voran: Was soll das und ist denn die ganze Welt verrückt geworden?

Die Antworten darauf gibt hier. Von Altcoins über Blockchain 2.0-Projekte bis hin zu „Privaten Blockchains“ streifen wir dabei einmal alles, was „Hier! Blockchain! Geil!“ schreit und ob es am Ende ein Happy End für unser aller Seelenheil gibt, sei an dieser Stelle noch nicht verraten.

Honigdachs #3 – Blockchain ohne Bitcoin weiterlesen