Archiv der Kategorie: Meinung

Litecoin Foundation kauft sich bei nicht-sicherer Bank ein

Vermutlich hätte ich wie viele andere niemals von der Existenz der WEG Bank erfahren, wenn da nicht letzte Woche die überraschende Nachricht durchs Netz gereicht wurde, dass die Litecoin Foundation zusammen mit der Zahlungsplattform Tokenpay 9,9 Prozent an ebendieser kleinen deutschen Nischenbank erworben hat. (Statement Tokenpay / Statement WEG Bank).

Die Infrastruktur der WEG Bank ist nicht sicher

Nun wurde dazu eigentlich auch schon fast alles geschrieben, aber ein kleines, Im Juli 2018 nicht unerhebliches Detail macht doch stutzig: Offensichtlich hält es die WEG Bank trotz großem Brimboriums um die nun seit fast zwei Monaten geltende DSGVO immer noch nicht für nötig, ihre Website zu verschlüsseln. Also nicht nur teilweise nicht, sondern gar nicht. Etwas, dass ich im Jahr 2018 nicht für möglich gehalten hätte.

WEG nicht sicher
Screenshot vom 16.7.2018: Nicht einmal das Kontaktformular der WEG-Bank ist geschützt.

Ich wundere mich einfach nur. Kann denn eine Bank in einem so  stark regulierten Markt wie dem deutschen wirklich so naiv, unbedarft und technisch aus der Zeit gefallen sein, dass sie im Juli 2018 ihre Website samt Kontaktformular straf- und folgenfrei gänzlich unverschlüsselt ins Netz stellt? Erschreckenderweise ja.

Wo sind die Abmahnanwälte, wenn der Markt sie braucht?

Erschreckend insofern, da hier offensichtlich die (Selbst-)Regulation des Marktes versagt hat. Denn ein in puncto Datensicherheit so verantwortungslos agierendes und technisch rückständiges Unternehmen sollte eigentlich in einer Branche, deren Kernthema Vertrauen ist, nicht so lange bestehen dürfen. Doch wo ist die Konkurrenz, wo sind die pfiffigen Abmahnanwälte, wenn man sie mal braucht?

Vielleicht kümmern sich ja die Litecoin Foundation und Tokenpay als Anteilseigner nun bald um dieses Thema und zwingen die WEG Bank technisch auf die Höhe der Zeit. Das wäre nicht nur den Kunden zu wünschen, sondern brächte auch großartige Schlagzeilen mit sich, wenn erst die Krypto-Unternehmen kommen müssen, um einer deutschen Bank zu zeigen, wie man sicher und zeitgemäß mit diesem komischen neuen Ding namens „Internet“ umgeht.

Über den Mikrokosmos Crypto-Twitter

Ich habe vor einer ganzen Weile mal der Redaktion des Online-Ablegers einer der großen deutschen Zeitungen einen Artikel über Crypto-Twitter angeboten.

Mein Vorschlag war, einen Artikel über das zunehmende Spannungsverhältnis zu schreiben. Auf der einen Seite Twitter, die Kommunikationsplattform, die seit 2009 von der Szene für alle Themen rund um Bitcoin genutzt wird (und auch für mich eine der zentralen Informationsplattformen ist), auf der anderen Seite immer mehr Scam-Bots, penetrantes Kurznachrichten ICO-Marketing und eine teils toxische Kommunikationskultur. Die Absage der Redaktion kam dann mit der kurzen Begründung: „Unsere Leser interessieren sich leider nicht für Twitter.“

Crypto-Twitter ist trotzdem ein interessantes Thema

„Oha!“ dachte ich damals, „wenn nicht einmal explizite Online-Medien Themen bzgl. Twitter für relevant genug halten …“, habe kurz überlegt eine Henne-Ei-Diskussion mit dem Redakteur zu starten, mich dann aber nicht weiter daran gestört. Denn da ich ja regelmäßig eine Kolumne für das Global Investor-Magazin schreibe, habe ich das Thema dann eben dort aufgegriffen.

Und da dieser Texte nun offensichtlich lange genug nur den Käufern des gedruckten Magazins zugänglich war, ist der Text Eine Symbiose mit Tücken nun auch online frei zugänglich.

Trotz nerviger Schwächen ist Twitter eine der wichtigsten Kommunikationsplattformen für die Bitcoin- und Blockchain-Community. Doch muss man mit dem Kurznachrichtendienst umzugehen wissen.

Alle meine bisherigen Kolumnen für das Magazin gibt es übrigens hier und die nächste habe ich auch schon fertig geschrieben. Wird dann vermutlich in ca. einem viertel Jahr online erscheinen.

Das Internet – Online Drogen kaufen seit 1971

Dieses Video hier ist ein Fundstück, aus einem Smithonian-Artikel, der der Frage nachgeht: What Was the First Thing Sold on the Internet?  Die wenig überraschende Antwort: Marihuana.

Irgendwann zwischen 1971 und 1972 kauften demzufolge Studierende der Stanford University über das Arpanet, dem Vorläufer des Internets, Gras bei Studierenden des MIT. Zwar fehlen weitere Quellen, um den Vorgang endgültig zu verifizieren, andererseits ist aber auch nicht sonderlich unrealistisch, dass das tatsächlich so passiert ist.

Per Definition zur schönen heilen Welt

In jedem Fall sähe das aber gar nicht gut aus, wenn dieser Drogenhandel offiziell als erste jemals getätigte E-Commerce-Transaktion in die Geschichtsbücher eingehen würde. Daher wird dieser Handel (zumindest in obigem Werbevideo) kurzerhand aus dem Begriff E-Commerce herausdefiniert.

Drogen zu kaufen, egal ob über das Netz oder nicht, war damals schließlich illegal und (das ist ja allgemein bekannt) im Internet werden offiziell keine verbotenen, sondern ausschließlich legale Güter gehandelt. So etwas wie „Drogen-E-Commerce“ kann es also logischerweise gar nicht geben.

Das ist eine etwas merkwürdige Argumentation, insbesondere wenn man bedenkt, dass moralisch im Graubereich agierende Branchen wie bspw. die Pornoindustrie und ja, auch der Drogenhandel, historisch betrachtet maßgebliche Treiber neuer Technologien sind.  Ohne sie würde es den offiziellen E-Commerce von heute (noch) gar nicht geben.

Ich finde es also durchaus legitim zu sagen, dass einer der ersten Verkäufe über das Netz wohl Drogen waren. Das gibt es nichts Schönzureden.

Erste Bitcoin-Transaktion war nicht illegal

Zumal es das auch einfacher macht, wenn mal wieder jemand mit dem schlichten Argument kommt, dass Bitcoin verboten oder streng reguliert werde müsse, weil damit ja so viel Drogen im Netz gehandelt würden. Denn dann kann man darauf verweisen, dass es schon vor mehr als 40 Jahren bei einer der ersten Web-Transaktionen überhaupt um Drogen ging. Beim ersten echten Bitcoin-Handel ging es hingegen lediglich um zwei vollkommen harmlose Pizzen.

Licht und Schatten des Bitcoin-Journalismus

Eigentlich bin ich ja der Meinung, dass sich das journalistische Niveau in Bezug auf die Berichterstattung rund um Bitcoin in den letzten Jahren merklich verbessert hat: mehr technisches Verständnis, ausführlichere Recherchen, differenziertere Schlussfolgerungen. Eigentlich.

Doch es gibt trotzdem immer wieder Ausreißer, die den Durchschnitt mit aller Macht in die Tiefe ziehen wollen. Wie zum Beispiel dieser Beitrag Bitcoin ist pure Energie – und deshalb umweltschädlich von Jörg Schieb, einem „Internetexperten“ und „Netzkenner“ (laut Selbstbeschreibung), der für den WDR arbeitet und es tatsächlich schafft, mir mit diesem Artikel die Grenzen meiner kognitiven Schmerztoleranz aufzuzeigen.

Ganz viel Schatten beim WDR

Denn es tut wirklich weh, zu lesen, wie dort noch im Jahr 2018 falsche Tatsachen (nein, Grafikkarten sind nicht wegen Bitcoin-Mining ausverkauft), absurde Behauptungen (nein, Bitcoins sind nicht Energie) und wilde Thesen auf Stammtischniveau (doch, Bitcoins haben einen anderen Zweck als die Gier zu befriedigen) zusammengewürfelt werden, um das scheinbar starre Weltbild des Autors zu bestätigen.

Leider drängt sich dadurch jedoch der Eindruck auf, dieser vermeintliche „Internetexperte“ und „Netzkenner“ hat die letzten zehn Jahre in Bezug auf das Thema Bitcoin geistig in einer Höhle verbracht. Was ja durchaus okay wäre, denn jeder darf machen, was er will und niemand muss sich mit Bitcoin auseinandersetzen. Nur darf man dann eben nicht versuchen, einen Beitrag darüber zu schreiben, der diese Kompetenzlücke so deutlich offenbart. Oder man sollte zumindest in der Lage sein, eine ganz einfache Basis-Recherche per Suchmaschine (aka „googlen“) durchzuführen.

Wer googlen kann ist klar im Vorteil

Dann findet man nämlich zum Beispiel diesen Beitrag bei Deutschlandfunk Kultur: Diskussion um Bitcoin – Digitalwährung als Klimakiller oder diesen bei Zeit Online: Bitcoin. Der verkannte Stromfresser oder diesen bei CoinCenter: Five myths about Bitcoin’s energy use, einer namhaften und renommierten Non-Profit-NGO mit Bildungs- und Aufklärungsanspruch.

Was mich aber ebenso besorgt wie der Beitrag selbst, ist, dass solch ein Unsinn im Jahr 2018 beim WDR offensichtlich problemlos alle redaktionellen Instanzen durchläuft und unredigiert(?) online geht. Gestern war halt Karneval, ne? Da kann man sich auch schon mal als „Internetexperte“ verkleiden. Dann muss das auch keiner mehr gegenlesen.

Wenn die Kommentare besser sind als der Artikel

Glücklicherweise bleibt der Beitrag jedoch nicht unkommentiert. Gleich mehrere Leser kritisieren den Beitrag und zeigen in ihren Kommentaren deutlich mehr Fachkompetenz und Recherche-Ambitionen als der Autor selbst.

wdr kommentare
Merkwürdige Einstellung des Autors. Wenn sich Fragen aufdrängen, sollte man diese als Journalist doch versuchen zu beantworten, oder?

Dieser hingegen zeigt sich nicht nur uneinsichtig, sondern spricht sich letztlich sogar selbst die journalistische Kompetenz ab.  Denn für ihn „… drängt sich die Frage auf, wozu das alles.“

Interessant. Denn warum ist er dann nicht auf der Suche nach einer Antwort auf eben diese durchaus berechtigte und interessante Frage? Genau das ist doch seine Aufgabe als Journalist. Insbesondere, wenn man der „Netzexperte“ im Haus ist. Fragen stellen kann jeder. Gute Antworten zu finden, ist die Herausforderung.

promolinks beim WDR
Krypto-Promo-Links beim WDR: Ist doch Karneval. Da muss man auch keine Kommentare moderieren. (Screenshot vom 14.02., 10:43 Uhr)

Doch dass es beim WDR mit der journalistischen Sorgfaltspflicht eben nicht so genau genommen wird, zeigt auch die allgemein fehlende Moderation der Kommentare. Dort scheint man jedenfalls problemlos Promo-Reflink-Köder zu irgendwelchen Mining-Angeboten auslegen zu können.

Wie ironisch das ist: Während man oben vollmundig die Energieverschwendung des Minings anprangert, erlaubt man unten in den Kommentaren dubiose Werbung für noch dubiosere Mining-Angebote.

Licht: Wie man guten Bitcoin-Journalismus macht

Glücklicherweise ist dieser WDR-Beitrag aber derzeit nur einer unter vielen Beiträgen, die sich mit dem Phänomen Bitcoin auseinandersetzen. Einen der besseren hat dabei wiederum Philip Banse kürzlich für Deutschlandfunk Kultur gemacht: Betrug mit Bitcoins.

Den empfehle ich nicht nur den Karnevalisten vom WDR sich mal gut anzuhören, sondern jedem. Denn der ist aktuell, relevant, gut recherchiert und ansprechend aufbereitet. Und das sage ich nicht nur, weil ich da auch kurz zu Wort komme.

Wer jedenfalls die Spannbreite der journalistischen Kompetenz beim Thema Bitcoin im Jahr 2018 erfahren will, sollte beide Beiträge nacheinander lesen bzw. hören. Das zeigt, wie weit Licht und Schatten in diesem Bereich auseinander liegen und dass es noch einiges an Aufklärungsarbeit gibt.

Bild: Hinode Observes 2011 Annular Solar Eclipse (CC BY 2.0)

Bitcoin, Strom & viele, viele Missverständnisse

In dieser Woche sind gleich zwei Beiträge erschienen, die sich kritisch mit dem Stromverbrauch von Bitcoin auseinandersetzen.

Dass kritisch in diesem Zusammenhang extra betont werden muss, ist bedauerlich, aber leider notwendig. Denn bisher wimmelt es beim Thema „Bitcoin & Strom“ im Netz ja eher von einseitigen, schlecht recherchierten und eher auf empörte Emotionen zielenden Berichten, die vielleicht für ’nen schnellen Klick gut sind, für mehr aber mehr eben auch nicht. Der allgemeine Erkenntnisgewinn ist jedenfalls bislang ungefähr dieser: „Oh nein, Bitcoin verbraucht voll viel Strom! Wir werden alle sterben!“

 

Nun ist das zugegeben aber auch echt kein ganz leichtes Thema und auch ich habe lange überlegt, wie sich die Zusammenhänge sinnvoll und verständlich beschreiben lassen. Am Ende ist es aber doch ganz gut geworden, auch wenn ich schließlich aus Platzgründen ca. 90 Prozent der Aspekte und Argumente weglassen musste, die ich zwischenzeitlich gesammelt hatte.

Zeit Online – Bitcoin. Der verkannte Stromfresser

Ja, Bitcoin benötigen sehr viel Energie. Nein, deshalb fangen die Meere nicht an zu kochen. Der Stromverbrauch ist ein Problem, aber nicht das Ende von Kryptowährungen.

Umso besser ist es daher, dass nahezu zeitgleich, aber in einem anderen Medium, der Beitrag meines guten Freundes und Journalisten-Kollegen Jochen Dreier erschienen ist.

Vorab hatten wir uns zwar über das Thema ausgetauscht und bestimmte Aspekte diskutiert, sind dann aber bei der Recherche und Umsetzung komplett eigene Wege gegangen. Dementsprechend haben beide Beiträge nun auch leicht unterschiedliche Schwerpunkte.

Deutschlandfunk Kultur – Diskussion um Bitcoin – Digitalwährung als Klimakiller 

Mit dem Höhenflug von Bitcoin hat auch eine Debatte über den Energieverbrauch der Kryptowährung eingesetzt: Bitcoin sei ein monströser Energiefresser. Der Energieverbrauch sei so hoch wie der von Dänemark. Wie seriös sind die Berechnungen und Vergleiche?

Für den größtmöglichen Erkenntnisgewinn empfehle ich daher einfach beide Beiträge zu lesen bzw. hören.

Bild: lightning (CC-BY 2.0)

Von Hypershitcoinisation und Deadcoins

Zur Zeit wird alles gekauft, was nur in irgendeiner Weise irgendwas mit „Krypto“ zu tun hat. Selbst ein Projekt wie Dogecoin, um das es in den letzten Jahren wirklich recht still geworden ist, hat (neben aktuell 35(!) anderen „Kryptowährungen“) mittlerweile eine Marktkapitalisierung von mehr als einer Milliarde US-Dollar erreicht. Alle Kryptowährungen zusammengenommen sind aktuell sogar mehr als eine dreiviertel Billion US-Dollar wert.

Das sind Zahlen in Größenordnungen, die der menschliche Geist eigentlich nicht mehr verorten kann. Dennoch muss man aber kein Genie sein, um hier eine rasant wachsende giergetriebene Blase zu erkennen.

HYPERSHITCOINISATION!!!

Vor allem, weil der Run auf „Krypto“-Projekte sich eben gar nicht so sehr auf die bekanntesten, bewährtesten und technisch vielversprechendsten Projekte konzentriert, sondern auf alles, was schnelle Profite verspricht.

Irgendwelche Shitcoins ohne Alleinstellungsmerkmal, ohne Community, ohne Developer, ohne anständige Review des Codes und letztlich auch vollkommen ohne Realwelt-Nutzen. Auch skurille Tokens irgendwelcher dubiosen ICOs haben plötzlich Milliardenwert, obwohl weder funktionierender Code existiert, geschweige denn die intellektuelle Grundlage dafür. Dafür aber Marketingbudget.

Unter den fünf Krypto-Projekten, mit den größten Kursgewinnen 2017 sind daher wenig überraschend weder Bitcoin noch Ethereum. Auf Nummer eins steht dort vielmehr Ripple, also ein Krypto-Konzept, das man eigentlich nicht einmal mit zwei zugedrückten Augen als „Währung“ bezeichnen könnte, das in keinster Weise dezentral ist (der kleinste gemeinsame Nenner von Kryptowährungen), dessen Token überflüssig sind und das in der Realität offensichtlich auch niemand so richtig benutzt oder zu benutzen plant.

Ripple, oder wie es scherzhaft schon genannt wird: der Fidget Spinner unter den Kryptowährungen.

Gier macht blind, Erfahrung macht klug

Wie also nun umgehen mit dieser Situation der Hypershitcoinization? Das ist tatsächlich eine der derzeit meist gestellten Fragen im Kryptoökosystem. Denn dass die Shitcoin-Blase irgendwann platzen wird, scheint unausweichlich.  Doch wann und wie verheerend werden die Folgen sein? Wie viele Menschen werden ihr naiv investiertes Geld verlieren und gibt es eine Möglichkeit, sie jetzt noch davor zu bewahren?

Andreas Antonopoulos meinte auf diese Frage vor einiger Zeit sinngemäß, dass es keine Möglichkeit gebe. Jeder müsse alleine lernen, auf sein Geld aufzupassen und damit vernünftig umzugehen. Und bei Bitcoin und Co. zum derzeitigen Stand ist dieser Lernprozess eben in der Regel der, auf die harte Tour: Man verliert sein Geld.

Doch diese persönliche Erfahrung sei eben auch enorm wichtig. Denn wenn man die Leute von vornherein warnen und belehren würde, würden sie einem ohnehin nicht glauben (siehe die Banker, die ja schon seit Jahren erfolglos vor Bitcoin warnen) und man würde sie zudem auch noch künstlich dumm halten. Denn der nächste Krypto-Scam kommt bestimmt. Dann vielleicht nicht in Form eines Shitcoins, nutzlosen ICO-Tokens oder Krypto-Fidget-Spinner, aber er kommt.

Denkt an die Deadcoins!

Ich stimme dem größtenteils zu, sehe die Sache aber nicht ganz so fatalistisch. Denn man sollte durchaus den Versuch unternehmen, Leute aufzuklären, bevor sie investieren. Eine Seite, die in diesem Zusammenhang ganz hilfreich sein kann, ist deadcoins.com. Diese Listet nämlich tote Coins auf, also solche Kryptoprojekte, die schon gescheitert oder als Betrug aufgeflogen sind oder deren Parodie-Halbwertszeit schon lange überschritten ist und die es nicht wie Dogecoin geschafft haben, zu einem festen Bestandteil und Projekt mit zeitgeschichtlichem Status in der Krypto-Kultur zu werden.

Dort findet man dann vielleicht den ein oder anderen Denkanstoß, inwieweit all diese gehypeten Shitcoins mit ihren fancy Namen eine Investition wirklich wert sind. Immerhin gibt es schon allein mit dem Anfangsbuchstaben „A“ mehr als 30 Deadcoins, Wobei ja niemand sagen kann, dass das tatsächlich schon alle sind. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher.

Bitcoin ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Bitcoin hat gerade Konjunktur, das ist kein Geheimnis. Doch ist der Kursanstieg nur einer von vielen Faktoren, an denen sich das ablesen lässt. Auch in den Top-Google-Anfragen 2017 in der Kategorie Global News liegt „Bitcoin“ mit Platz 2 auf einer Spitzenposition. Weltweit wohlgemerkt.

Bitcoin als Tagesthemen-Top-Thema

Da passt es ganz gut, dass sich nun auch hierzulande die großen Medien auf das Thema stürzen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass es vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wäre, dass die Tagesthemen, wie am Montag geschehen, Bitcoin als Top 1-Aufmacherthema bringen. Mit Einspieler, Börsen-Schalte und abgerundet durch einen durchaus positiv-optimistischen Kommentar (bis ca. Minute 7:15).

Die Macht des Geldes

Erstaunlich, so könnte man nun meinen, was Geld so alles bewirken kann. Denn wenn man ganz ehrlich ist – denselben Kommentar hätte man auch schon vor einem Jahr oder vor zwei Jahren oder vor drei Jahren bringen können. An der Idee und dem Potential von Bitcoin und der Blockchain hat sich schließlich seit dem nicht viel verändert. Das, was sich jedoch stark entwickelt hat, ist der Wert. Wenn man diese Tatsache provokant zuspitzen wöllte, könnte man nun also behaupten, dass es letztlich nur eine Frage des Geldes (bzw. Wertes) war, bis Bitcoin auf die Tagesthemen-Pole-Position kommt.

Allerdings wäre das zu einfach und würde der Situation auch nicht gerecht. Denn Bitcoin ist eben nicht nur im Preis gestiegen, sondern es ist offensichtlich, dass die Idee Bitcoin – beschleunigt durch den rasanten Preisanstieg – immer mehr die Gesellschaft durchdringt. Heute ist Bitcoin Thema auf der Straße, in Familien und an Stammtischen. Vor einem Jahr war das noch nicht so. Die Tagesthemen mussten Bitcoin daher als Thema setzen, denn die Idee Bitcoin (und dass sie tatsächlich vielleicht sogar funktionieren könnte!) ist aktuell eben eines der aufregendsten und kontroversesten Themen. Der rasante Preisanstieg und das damit verbundene Medieninteresse war letztlich nur ein Katalysator diesen Durchdringungsprozess zu beschleunigen, die Idee Bitcoin in die Mitte der Gesellschaft zu tragen und Menschen dazu zu bringen, sich damit auseinanderzusetzen.

Bitcoin als prominentes Thema im Kulturradio

Ein anderer Indikator dafür ist übrigens, dass heute eine fast einstündige Diskussion zu Bitcoin und der Blockchain auf SWR 2 lief, einem Kulturradio(!) (Kann man hier nachhören. Spoiler: Ich war einer der Gesprächspartner). Auch das wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen, galt Bitcoin bis dato doch als nerdiges Tech- und weirdes Wirtschafts-Thema, aber doch keinesfalls tauglich für ein Kulturradio.

Doch gehört es meines Erachtens genau dorthin, denn Bitcoin ist eben nicht nur Technologie und Geld, sondern ein Phänomen, dass unsere Gesellschaft transformiert. Zumal ja auch Geld letztlich eine kulturelle Errungenschaft und das vielleicht prägendste Medium unserer Gesellschaft ist. Das eigentlich Paradoxe ist daher genau genommen, dass Geld als Kulturgut bislang viel zu selten als Thema (auch für Kulturwellen) betrachtet wurde.

Aber genau das ändert sich gerade und hier zeigt sich eine der wuchtigen Stärken von Bitcoin: Niemand muss welche besitzen, um sich nicht dennoch mit der Idee auseinanderzusetzen und zu beginnen, Geld und wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen, kritisch zu hinterfragen.

Dieser Prozess läuft nun und er wird bleiben, selbst wenn der durch Spekulationen ohne Frage überhitzte Bitcoin-Kurs sich wieder normalisiert hat. Denn eines steht bei Bitcoin ohne Frage fest: Die Idee ist mächtiger als der Wert.

Die dritte Welle – die Ära der Bitcoin-Klone

Es ist schon interessant, wie sich das Bitcoin-Ökosystem in der zweiten Hälfte dieses Jahres verändert hat. Die Abspaltung von Bitcoin Cash Anfang August hat nämlich geradezu eine Welle ausgelöst, in deren Folge eine vollkommen neue Kryptowährungs-Unterklasse entstanden ist: die der Bitcoin-Klone.

Denn neben Bitcoin Cash gibt es bereits (oder ist mindestens angekündigt): Bitcoin Gold, Bitcoin Silver, Bitcoin Diamond, Bitcoin Clashic (eine „Classic“-Variante von Bitcoin Cash) und Super Bitcoin. (Die ehemaligen, mittlerweile überholten Bitcoin-Fork-Variationen Bitcoin XT, Bitcoin Classic, Bitcoin Unlimited etc. mal außen vorgelassen.)

Um zu verstehen, warum wir es hier mit einem neuen Phänomen zu tun haben, muss man sich einmal die beiden bisherigen Wellen anschauen, in denen sich das Krypto-Ökosystem ausdifferenziert hat: Altcoins & Blockchain 2.0-Projekte

Die erste Welle: Altcoins

Fangen wir ganz vorne in der Schöpfungsgeschichte an. Am Anfang war Bitcoin und Bitcoin war gut. Dann aber kamen findige Entwickler, nahmen den frei verfügbaren Bitcoin-Quellcode, änderten hier und da ein paar Parameter und kreierten aus Bitcoin heraus eigene, neue Kryptowährungen: die Altcoins.

Diese waren nicht mit Bitcoin kompatibel und bekamen daher komplett eigene Netzwerke, eigene Blockchains und es bildeten sich eigene kleine Communities. Einige der berühmtesten noch immer am Markt zu findenden Vertreter sind Litecoin, Dogecoin, Monero oder ZCash.

Über den Sinn, Zweck und die Wertigkeit der Alleinstellungsmerkmale dieser und hunderter weiterer Altcoins lässt sich zwar trefflich streiten, doch lässt sich allerdings auch nicht bestreiten, dass einige wenige Altcoins durchaus ihre Nische im Krypto-Ökosystem gefunden zu haben scheinen. Wenngleich man ohne Zweifel 99 Prozent aller jemals generierten Altcoins im besten Fall als vollkommen nutzlos, im schlimmsten Fall als betrügerisch und gefährlich einstufen muss.

Irgendwann war dann aber die Luft raus. Zu viele sinnentleerte Spaßcoins, plumpe Plagiate und betrügerische Abzock-Kryptowährungen haben den Altcoin-Hype zum Erliegen gebracht. Irgendwann war einfach zu offensichtlich, dass es bei den meisten Altcoin-Projekten nicht um das geht, was ihre Whitepaper vollmundig versprachen, sondern letztlich nur um Spekulation und schnelle Profite. Also begann die nächste Welle: die der Blockchain 2.0-Projekte.

Die zweite Welle: Blockchain 2.0-Projekte

Hierbei standen nun nicht einfach nur mehr neue Krypto-Währungen auf dem Marketingplan, sondern nun ging es um erweiterte oder sogar vollkommen neue Blockchain-Konzepte. Ethereum ist hierbei der prominenteste Vertreter, aber auch Waves, Lisk, StellarIOTA und viele andere zählen zu dieser Kategorie. Sie alle  wollen „mehr“ bieten, als einfach „nur“ Transaktionen abzuwickeln. Sie wollen Plattformen sein, auf denen Smart Contracts („intelligente“ „Verträge“) laufen und/oder auf denen eigene neue Token und Kryptowährungen erzeugt, emittiert und verwaltet werden können.

Die Welle der Blockchain 2.0-Projekte war noch größer als die Altcoin-Welle, da sich mit dem schönen Marketingbegriff „Blockchain“ – um mal in der Sprache unserer Zeit zu bleiben – quasi „aus Kacke Bonbons machen lässt“.

Kein Startup, dass nicht irgendwas mit „Blockchain“ macht, kein Unternehmen, das nicht dringend irgendwelche Prozesse auf „Blockchain-Technologie“ umstellen muss, keine Branche, die nicht aus „Blockchain“FOMO heraus in blinden Aktivismus verfällt, egal, wie unsinnig das Ergebnis ist. Über die Könige des Blockchain-Bullshit-Bingos  habe ich ja bereits geschrieben, wenngleich dieser Titel mittlerweile noch viel, viel mehr Leuten und Unternehmen zustehen würde.

Wobei aber auch hier Hoffnung besteht. Manche Leute lernen eben sehr, sehr langsam. Aber sie lernen.

Nichtsdestotrotz hält der „Blockchain“-Marketing-Hype weiter an. Die über die Blockchain 2.0-Projektplattformen generierten Token und Konzepte haben immerhin allein dieses Jahr unter dem Kürzel ICO (steht für „Initial Coin Offering“) Investitionen in Höhe von mehr als drei Milliarden(!) US-Dollar auf sich vereint.

Dass nicht ein einziges dieser ICO-Projekte seine Existenz bisher durch ein funktionierendes Produkt und eine reale Nachfrage danach gerechtfertigt hat – geschenkt. Dafür zerstreiten sich aber die Verantwortlichen, verschwinden mit dem eingesammelten Geld oder haben ihren ICO gleich von einem Steuerparadies aus hochgezogen, weil klar war, dass die Aufsichtsbehörden früher oder später ein sehr kritisches Auge auf den ICO-Hype werfen werden.

All das erinnert stark an die Gier-Entartung der Altcoin-Welle in ihrem Endstadium und man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass die Voraussetzungen immer schlechter werden, um mit einem neuen Blockchain 2.0-Projekt noch so richtig fett Kohle zu machen. So langsam ist das Thema nämlich durch, denn zurecht werden die Stimmen der Kritiker lauter, die nach den Ergebnissen fragen, die erneut in all den fancy Whitepaper vollmundig versprochen wurden.

Doch da die Palette vorzeigbarer Resultate in dieser Hinsicht eher dünn ist, sind findige Geschäftsleute nun eben dabei, eine neue Krypto-Klasse ins Leben zu rufen, mit der sich erneut wieder richtig viel versprechen und Geld machen lässt, ohne am Ende tatsächlich auch ein Ergebnis liefern zu müssen: die Bitcoin-Klone.

Die Dritte Welle: Bitcoin-Klone

Hierbei handelt es sich nun um eine ganz neue Mode. Zwar wird wie bei den Altcoins eine komplett eigene Kryptowährung ins Leben gerufen oder diese mit Hilfe der Infrastruktur von Blockchain 2.0-Projekten erzeugt, doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Während sich Altcoins und Blockchain 2.0-Projekte noch ganz bewusst und explizit von Bitcoin als der digitalen Leitwährung und dem Blockchain-Vorzeigeprojekt abzugrenzen versuchen, suchen die Bitcoin-Klone vielmehr ganz bewusst die Nähe von Bitcoin.

Das wird zum einen durch die Übernahme des Namens deutlich, geht aber soweit, dass insbesondere von Seiten von Bitcoin Cash mit großem Marketingaufwand  immer wieder ganz gezielte Nebelkerzen gezündet werden, um die Menschen zu verwirren, welches Bitcoin den nun das echte sei. Zum Beispiel durch Radiowerbung oder bewusst irreführende Tweets.

Diese Vorgehensweise ist jedoch insofern höchst irrational, da dadurch eine mögliche Massenadaption von Bitcoin maßgeblich behindert und verzögert wird. Denn wenn die Leute noch nicht einmal Bitcoin verstanden haben, werden sie wohl kaum anfangen, zwei Bitcoins zu verstehen. Oder ist das jetzt nur eines? Oder wie oder was?

Immerhin wurden schon eine ganze Menge Bitcoin Cashs an Segwit-Adressen gesendet. Bitcoin Cash hat aber Segwit als technische Erweiterung gar nicht implementiert, sondern nur das ursprüngliche Bitcoin. Dementsprechend können die Coins nun nicht mehr ohne den massiven Eingriff Dritter von diesen Adressen zurückgeholt werden. Aber das ist eben der Usability-Preis, den man zahlen muss, wenn man Bitcoin klont. Dann sehen sich die Adressen eben zum Verwechseln ähnlich und man setzt die eigenen Nutzer einem Risiko aus, das warum noch einmal nötig ist?

Antwort von Bitcoin Cash-Jesus Roger Ver: Aus Prinzip!

Im Windschatten dieses Bitcoin-Bitcoin Cash-Konflikts sind nun jedenfalls eine ganze Reihe anderer Klon-Projekte entstanden, die ebenfalls alle vom guten Namen „Bitcoin“ profitieren und Teil vom Marktkapitalisierung-Kuchen abhaben oder gleich ihren eigenen Bitcoin-Franchise-Kuchen backen wollen. Bitcoin Cash ist das noch einigermaßen gelungen, Bitcoin Gold schon deutlich weniger.

Ist aber auch kein Wunder, denn über den Sinn dieser Bitcoin-Klone muss man nicht streiten. Es gibt nämlich keinen, außer damit Geld machen zu wollen oder andere persönliche Interessen umzusetzen (wie bspw. Fehden auszutragen).

Fest steht jedoch schon jetzt, dass auch die Ära der Bitcoin-Klone in absehbarer Zeit wieder zu Ende gehen wird. Wie bei den Altcoins und den Blockchain 2.0-Projekten gibt es, wenn überhaupt, nur sehr, sehr wenig Platz neben Bitcoin, wenn es kein hinreichendes Alleinstellungsmerkmal gibt. Selbst bei Bitcoin Cash ist das nicht vorhanden, denn es wird zwar viel Geld in Marketing investiert, aber eine wirkliche Roadmap, wohin es mit diesem Bitcoin-Klon langfristig gehen soll, existiert nicht. Genauso wie die Kompetenz solch einen Plan mit Innovation anzureichern und technisch schließlich auch umzusetzen. (Das heißt aber nicht, dass es Bitcoin Cash nicht noch eine Weile geben wird.)

Bitcoin ist und bleibt der Ursprung von allem

Doch kehren wir gedanklich noch einmal zu dem Bild der drei Wellen zurück, durch die sich überlagernd das Krypto-Ökosystem in den letzten Jahren immer mehr erweitert hat und noch immer erweitert. Interessant daran ist doch zu beobachten, dass alle diese Wellen immer den selben Ausgangspunkt hatten: Bitcoin.

Sämtliche Altcoins sind aus Bitcoin entstanden, sämtliche Blockchain 2.0-Projekte sind aus Bitcoin abgeleitet und die Klone sind sogar wieder näher an Bitcoin herangerückt, wo alle anderen Projekte zuvor die Abgrenzung gesucht haben. Das ist bemerkenswert. Ganz vereinzelt hat es zwar hier und da ein Projekt geschafft, selbst zu einem Ausgangspunkt für einen Ableger zu werden (Ethereum und Ethereum Classic / Bitcoin Cash und Bitcoin Clashic), aber über die Zeit hinweg betrachtet, muss man sagen, dass es nach wie vor nur ein einziges Projekt gibt, an dem sich im Prinzip alle der mehr als 1000 Altcoin-Blockchain-ICO-Klon-Variationen orientieren: Bitcoin.

Es ist daher davon auszugehen, dass auch die nächste Welle von Krypto-Projekten, egal wie diese dann heißen und aussehen werden, auch wieder von Bitcoin ausgehen wird.

Ein paar ICO-Denkanstöße

ICOs (Initial Coin Offerings) sind ohne Frage der neue heiße Scheiß™ im Kryptoland, mit dem sich mit vergleichsweise wenig Aufwand sehr viel Geld machen lässt. Aber eben auch viel Schindluder getrieben wird.

Denn für einen ICO braucht es nicht viel. Minimalanforderungen sind ein Whitepaper und Marketing. Ganz viel Marketing. Je Aufmerksamkeit heischender, desto besser.

Immer spektakulärer – ICOs in der Marketing-Spirale

Doch spätestens wenn Leute wie Paris Hilton beginnen, für ICOs zu werben, sollte man skeptisch werden. Denn besagte Hotelerbin hat die letzten Jahre meines Wissens nach nicht damit verbracht, umfassende Kompetenzen zu erwerben, die sie befähigen, qualifizierte Bewertungen für technisch komplexe und ökonomisch abstrakte Krypto-Konzepte abzugeben.

Dabei haben selbst „professionelle“ Investoren damit offensichtlich große Schwierigkeiten. Anders ist kaum zu erklären, wie bspw. dieser Investor vollmundig und überschwänglich sein Engagement in IOTA ankündigt – ein Kryptoprojekt mit einer zwischenzeitlichen Bewertung von 2,8 Milliarden USD – lange bevor ein Team des MIT Media Labs nun festgestellt hat, dass IOTA in kryptographischer Hinsicht offensichtlich ein dilettantisch zusammengebasteltes Projekt ist, dessen Anfängerfehler darauf hindeuten, dass sich bislang niemand mit der eigentlich dafür nötigen Kompetenz das Projekt angeschaut hat und die Chancen, dass die nun eingeleiteten Maßnahmen des verantwortliche Teams tatsächlich zu mehr Sicherheit führen, als niedrig einzustufen sind. (Update: Hier das IOTA-Statement)

ICOs – drei Lese- und Hörtipps

In diesem Kontext hier also noch eine Handvoll leses- und hörenswerter Beiträge, die sich mit dem Thema ICO, Token sales und Co. beschäftigen und die hoffentlich helfen, das Thema mit der nötigen kritisch-reflektierten Haltung bewerten zu können.

In A Brief Introduction to Token Sales erklärt Vinny Lingham am Beispiel seines eigenen ICOs, wie komplex und aufwändig ein guter Token sale ist, wenn man diesen solide, rechtssicher und nachhaltig durchführen will.

Auch der paymentandbanking Podcast geht in Folge 116 auf ICOs ein und kommt, neben der Beantwortung von ein paar grundlegenden Fragen, wie obiger Beitrag auch zu der wichtigen Erkenntnis, dass Tokens ohne technische Relevanz, letztlich keinen Mehrwert bieten.

Und als drittes noch der Hinweis auf meine aktuelle, ICO-kritische Kolumne Gier macht blind, die man im aktuellen Global Investor-Magazin findet und über die Website auch digital nachlesen kann.

Die AfD & Bitcoin. Wenn nicht-politisches Geld politisch wird

2017 ist das Jahr der Wahlen. Das Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wählen in der ersten Jahreshälfte neue Landtage,und Ende September geht es bei der Bundestagswahl um das Kanzleramt und eine Neuordnung der politischen Verhältnisse auf nationaler Ebene.

Nicht-politisches Geld ist eine Illusion

Für Bitcoin als nicht-staatliches, nicht-politisches Geld sollte das, so könnte man meinen, keine Rolle spielen.  Doch so einfach ist es nicht. Denn nur weil Bitcoin nicht-politisch sein soll, heißt es auch, dass es das sein kann. Zum einen „erzeugt der Wunsch nach einem a-politischen Zustand eine eigene politische Dimension in und aus sich selbst heraus“ (siehe The invisible politics of Bitcoin: governance crisis of a decentralised infrastructure) und zum anderen können politische Akteure das Thema Bitcoin selbst auf die Agenda setzen.

Dass es nun gerade die ursprünglich vor allem eurokritische AfD ist, die sich dem Thema Bitcoin widmet, ist wenig überraschend. Doch erzeugt gerade die Auseinandersetzung einer zunehmend rassistisch und nationalistisch auftretenden Gruppierung widersprüchliche Spannungen bei einem Projekt, dessen Kern ja die Überwindung von patriotistisch-kleingeistigem Denken in Grenzen ist und das den Menschen und nicht seine Herkunft in den Fokus stellt.

Bitcoin ist für alle Menschen gemacht, egal ob Idioten oder nicht

Das wiederum wirft die Frage auf: Muss man es als Bitcoin-Nutzer ertragen, dass Bitcoin auch von Menschen genutzt und politisch instrumentalisiert wird, deren Ideologie nicht der eigenen entspricht? Grundsätzlich ja. Doch muss letztlich jeder selbst für sich einen Weg finden, damit umzugehen.

Bitcoin ist noch nicht politisch instrumentalisiert

Allerdings ist auch noch immer offen, ob und inwieweit sich Bitcoin überhaupt politisch instrumentalisieren lässt? Der Bitcoin-Abend bei der AfD hat jedenfalls mehr Fragen offen gelassen, als beantwortet, wie die folgende Zusammenfassung eines befreundeten Journalistenkollegen zeigt:

„Euro in der Krise – Über das Geldsystem, Gold und Bitcoin“. 
Mein Abend bei der AfD

Berlin, Donnerstagabend. Ich bin auf dem Weg nach Charlottenburg zu einer Veranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD). Tief in den alten Westen der Stadt hat die Partei eingeladen, um über “das Geldsystem, Gold & Bitcoin” zu sprechen. Der Veranstaltungsort wurde erst kurzfristig bekannt gegeben. Aus Sicherheitsgründen, wie es in der Einladung heißt.

Ich muss nicht lange nach dem Veranstaltungsort suchen, zwei Gruppenkraftwagen der Berliner Polizei beschützen weit sichtbar den Eingang. Am Einlass Gesichts- und Namenskontrolle, Bekannte werden begrüßt, Unbekannte müssen ihren Personalausweis vorzeigen. Obwohl ich Unbekannter bin, geht an mir dieser Kelch vorbei.

Ich schlüpfe durch, finde mich im Foyer wieder. Verstohlen schaue ich mich um, nach Bekannten Ausschau haltend. Doch eher in der Hoffnung, hier niemanden zu treffen. Es fühlt sich irgendwie verboten an, was ich hier mache. Eine Veranstaltung der AfD! Ursprünglich als Eurokritikerpartei gestartet, hat sie in letzter Zeit vor allem mit wenig verschleierten nationalistischen und revisionistischen Parolen Aufmerksamkeit erzeugt. Da geht man doch nicht hin! Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Es werden Häppchen serviert. Zeit Platz zu nehmen. Der Saal ist gut gefüllt, die geschätzten 300 Stühle sind fast vollständig besetzt. Das Durchschnittsalter liegt bei 50+, die Frauenquote ist sogar noch schlechter als auf den regulären Bitcoin-Veranstaltungen. Vereinzelt sehe ich junge Anzugträger mit AfD-Buttons.

Über graue Schöpfe hinweg schaue ich auf Steffen Krug, der den Abend eröffnet und auch moderiert. Steffen Krug ist, wie alle anderen Redner an diesem Abend, glühender Anhänger der Österreichischen Schule und Gründer des Instituts für Austrian Asset Management. Eigentlich ganz in Satoshi Nakamotos Sinne. Krug würde sich wohl selbst als „Goldbug“ bezeichnen, äußert Bitcoin gegenüber aber große Sympathie.

Als nächstes kommt Beatrix von Storch, die für die AfD im EU-Parlament sitzt. Sie referiert überwiegend über die europäische Währungspolitik, über die Rückholung des deutschen Goldes und über das Verhältnis des EU-Parlaments zu virtuellen Währungen. Nur langsam erwache der Leviathan in Brüssel, es gäbe erste Berichte zum Thema Kryptowährungen aus dem EU-Parlament. Die anderen Politiker? Ahnungslos! Von Storch macht sich unverhohlen über ihre Kollegin von der CSU, Monika Hohlmeier, lustig. Und zitiert sie mit dem Satz: “Virtuelle Währungen können nicht anonym sein!” Terrorgefahr! Gefährlich! Es klingt erfrischend ehrlich, und unerwartet unpopulistisch, wird uns in diesen Zeiten doch immer wieder der unbewiesene Zusammenhang zwischen Terrorfinanzierung und virtuellen Währungen von der Politik suggeriert.

Die nächste Referentin ist Dr. Alice Weidel, promovierte Volkswirtin und Spitzenkandidatin der AfD in Baden-Württemberg. Sie redet über den historischen Zerfall von Währungsunionen und beschwört starke nationale Währungslösungen, zumindest verstehe ich sie so. Jedenfalls fällt das Wort national ziemlich häufig, aber vielleicht hat das auch mit dem beginnenden Wahlkampf zu tun. Die vielen gescheiterten nationalen Währungen, auch in der jüngeren Geschichte, unterschlägt sie unterdes.

Während von Storch eine gute Rednerin ist, wirkt Weidel ein bisschen wie jemand, der gegen seinen Willen ein Schulreferat abhalten muss. Stoisch leiert sie Fakten herunter, unterbrochen von kurzen Momenten gespielter Empörung. Immerhin nehme ich ein paar Schlagworte mit, Skandinavische Währungsunion 1872, Lateinische Münzunion 1865, Wiener Münzvertrag 1857. Da kann ich auf der Heimfahrt noch etwas Wikipedia strapazieren. Doch noch etwas gelernt.

Als nächstes kündigt Steffen Krug den “Bitcoin-König von Deutschland” an: Aaron Koenig. Der “auch das erste Buch über Bitcoin in Deutschland” geschrieben hat (zur Rezension). Was ja nun nicht so stimmt, aber Herr Koenig überhört das geflissentlich.

Die nachfolgende Powerpoint-Präsentation deckt in aller Kürze die Grundlagen von Bitcoin ab und hinterlässt in den Gesichtern des AfD-Rentnerpublikums große Fragezeichen. Koenig hält eine Lobrede auf die Blockchain und erwähnt dabei auch, dass „der Verrückte von Berlin“ wohl nicht 12 Unschuldige hätte töten können, wenn es eine individuelle Blockchain-Identität für jeden Menschen gäbe. Dann wäre Sozialbetrug nämlich unmöglich, und er hätte das Attentat am Breitscheidplatz nie ausüben können. Dem kann ich nicht ganz folgen. Die AfD-Rentner scheinbar auch nicht. Eine leicht verzweifelte Zwischenruferin merkt an, dass sie Bitcoin immer noch nicht verstanden hätte. Koenig: “Das Gute ist, dass sie es nicht verstehen müssen.”

Das Mikrofon ist inzwischen für Fragen aus dem Saal geöffnet, es startet der Versuch einer Podiumsdiskussion. Angespornt von dem Wunsch, endlich auch mal vor mittlerweile nur noch 250 Menschen etwas sagen zu dürfen, kommen allerlei Koreferate, Ausführungen und hier und da kleine Nachfragen zusammen. Mein Favorit: “Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Frau Merkel einen Knopf hat, mit dem sie das Internet ausschalten kann. Wenn das passiert, kann man dann noch Bitcoin benutzen?”

Gefühlt ging der Abend an der Zielgruppe der „Silberpappeln“ vorbei. Was Bitcoin ist, wissen noch immer nur diejenigen, die es auch schon vorher wussten. Ich weiß jetzt, dass es tief in der AfD immer noch einen wirtschaftsliberalen Kern gibt, der aber so gut vergraben zu sein scheint, dass man ihn wohl nie wieder wird bergen können. Unter all dem populistischen Geschrei, mit dem ihn Höcke, Petry und auch von Storch mittlerweile begraben haben.