Bitcoin-Rumble in the Banken-Jungle – Die Value of Bitcoin Conference

Vergangenen Montag fand in München die Value of Bitcoin Conference statt, eine Veranstaltung, die ob ihrer inhaltlichen Ausrichtung und Zielgruppe bei mir im Vorfeld ziemlich hohe Erwartungen geweckt hatte.

Rückblickend kann ich sagen, dass sich diese Erwartungen mehr als erfüllt haben.

Ziel der VOB: Verschiedene Akteure und Entscheider zum Thema Bitcoin aufeinander loslassen.
Die Value of Bitcoin – Streiten auf hohem Niveau

Selten war ich auf einer Konferenz, in der Agenda und Speaker so gut kuratiert waren, die Vorträge so knackig und informativ waren und Diskussionen so hitzig geführt wurden. Oder anders gesagt: Wenn du es schaffst, einige der profiliertesten Forscher, Wissenschaftler, (Zentral-)Banker, Investoren und Bitcoiner so kontrovers und streitlustig miteinander in einen Dialog zu bringen, weißt du, dass du als Organisator alles richtig gemacht hast.

Dann entstehen nämlich Momente, die einem in Erinnerung bleiben. Wie zum Beispiel als Alex de Vries (im Titelbild zu sehen) in seinem Vortrag „The (un)sustainability of Bitcoin„, in dem er den Stromverbrauch von Bitcoin als ausgesprochen negativ darstellte, seine Thesen mit einer Karte belegen wollte.

Laut Alex de Vries angeblich überbewertet: Mining in Québec (Quelle: 2nd Global Cryptoasset Benchmarking Study, S. 78)

Diese zeigte die globale Verteilung der Mining-Epizentren. Alex de Vries kritisierte, dass der Punkt für das kanadische Québec viel zu groß sei. Ein aktuelles Interview mit einem lokalen Energieversorger würde auf deutlich geringere Nutzung der dortigen regenerativen Quelle Wasserkraft fürs Mining hinweisen.

Direkter Widerspruch aus dem Publikum

Dem widersprach allerdings umgehend ein Teilnehmer aus dem Publikum, der sich als in Québec beheimatet zu erkennen gab. Das Interview bezöge sich nur auf die Zahlen eines der vielen Energieversorger in der Region.

Als anschließend auch noch Michel Rauchs das Wort ergriff, der am Cambridge Centre for Alternative Finance der Judge Business School der University of Cambridge eben jene 2nd Global Cryptoasset Benchmarking Study verantwortet hat, aus der Alex de Vries die kritisierte Karte entnommen hatte, war klar, dass hier und heute genau der Ort ist, an dem all diese normalerweise weit verteilt arbeitenden Menschen zusammenkommen müssen, um sich auszutauschen und, wenn nötig, auch zu streiten.

Teils heftige und emotionale Debatten

Das Mining- und ökologischer Fußabdruck-Thema war dabei nicht das einzige, bei dem es kontrovers und erfrischend hitzig zuging. Im Panel „Bitcoin from a financial market and investment perspective“ platze schließlich dem prominenten und eloquenten Bitcoiner Saifedean Ammous (Autor von The Bitcoin Standard) im Publikum der Kragen.

Zuvor hatte er selbst schon einen Vortrag gehalten („Bitcoin as the working free market alternative to national central banks“) und mit Jochen Metzger von der Deutschen Bundesbank, Christopher Waller von der US-amerikanischen Fed und Thorsten Polleit vom Goldhändler Degussa zum Thema „A free market for private money – central banks under pressure?“ diskutiert.

https://twitter.com/rohmeo_de/status/1135495455209644032

Wobei gerade die beiden Zentralbänker hier stark in die Mangel genommen wurden. Teils zurecht, teils jedoch nicht. Denn fairerweise muss man darauf hinweisen, dass sie dabei auch für Dinge zur Rede gestellt wurden, die sie gar nicht selbst zu verantworten haben.

Als Vertreter des „alten Systems“ wurden sie letztlich aber zur leichten Zielscheibe und dabei argumentativ in Sippenhaft für Entscheidungen genommen, die Politiker nicht aber die Zentralbanker getroffen haben. Vielleicht müsste man solch eine Diskussion beim nächsten Mal um ebendiese politische Vertreter erweitern.

Unwissenheit, Provokationen und die Stimmung kocht hoch

Doch war das noch harmlos im Vergleich zum Panel „Bitcoin from a financial market and investment perspective“, in dem die Auseinandersetzung teils hart und bis an die Gürtelline geführt wurden. Zwischenruf aus dem Publikum in richtung eines Panelteilnehmers: „Es gibt Leute, die haben das Buch [das Sie zitieren, Anm.d.R.] tatsächlich gelesen. Sie gehören offensichtlich nicht dazu!“

Konkret ging es um die provokante Frage, ob Bitcoin letztlich nicht doch nur eine Spekulationsblase sei wie so viele zuvor – allerdings um ein Vielfaches größer. Vertreten wurde diese These vom Hans-Jörg-Naumer (Allianz), der sie mit einer mitgebrachten Grafik untermauern wollte.

Allerdings fiel vielen im Publikum schnell auf, dass besagte Grafik nicht korrekt ist, weil sie nur einen willkürlichen Ausschnitt des Bitcoin-Kurses zeigt, der die Entwicklung der ersten fünf Jahre von Bitcoin vollkommen außer acht lässt. Diese Manipulation triggerte lautstarke und energische Kritik und war der Zündfunken für eine aufgebrachte, emotionale und teils mit harten Bandage geführte Diskussion zwischen und unter Publikum und Panel-Teilnehmern.

https://twitter.com/proofofsteph/status/1135608561944465413

Dass sich der zweite Vertreter des klassischen Investorenlagers, Alexis Eisenhofer, in diesem Schlagabtausch zu der entblößenden Aussage hinreißen ließ, dass er ohnehin nichts mit Bitcoin anfangen könne, weil Blockchain-Technologie sowieso der viel heißere Scheiß sei, war das größte Fettnäpchen, das in dieser Situation zu finden war. Vor allem, da es ja den ganzen Tag schon vielseitige und fundierte Vorträge gegeben hatte, die genau diese Aussage längst ad absurdum geführt hatten.

Ähnliche Lacher erntete später nur noch der Teilnehmer, der bemerkte, dass man ja noch gar nicht über die Möglichkeiten von Ripple gesprochen habe! Nur konnte der glücklicherweise gleich wieder im Publikum abtauchen und musste nicht noch eine Paneldiskussion durchstehen, auf die er sich bedeutend zu schlecht vorbereitet hatte.

Hoher Lernfaktor

Neben den hitzigen, lebhaften und unterhaltsamen Debatten zwischen Bitcoin-Skeptikern und -Befürwortern, die durch die organisatorische Ausrichtung der Value of Bitcoin ja unbedingt gewollt war (und erfreulicherweise niemandem im konferenztypischen nachmittäglichen Schnitzel-Koma versacken ließen), war das Event aber noch aus einem anderen Grund von Wert: Es gab wirklich viele interessante Einblick („Security of Bitcoin private keys: from hardware to quantum attacks“) und einiges zu lernen.

Wie die von der BIS (Bank for International Settlements) kreierte Money Flower, in der Cyrus de la Rubia (Hamburg Commercial Bank) in seinem Vortrag „Bitcoin as catalyst for Central Bank Digital Currencies (CBDC)“ Bitcoin verortete und diskutierte.

Oder die Zentralbankkonten für jedermann, die in Deutschland mangels Nachfrage in den Neunzigern wieder abgeschafft wurden.

Und selbst die Vertreter der Banken-Seite gingen offensichtlich nicht leer aus.

Video-Aufzeichnungen sollen noch kommen

Glücklicherweise wurden alle Sessions in Bild und Ton aufgezeichnet und stünden sie schon online würde ich hier jede einzelne verlinken. Bis sie (hoffentlich bald) online gehen, lohnt es sich für noch ein paar mehr Einblicke den Konferenz-Liveblog von Holger Rohm nachzulesen, der ein treffliches Fazit gefunden hat, dem ich eigentlich nichts mehr hinzufügen kann:

Treffliche Zusammenfassung im #VOB19-Liveblog der Kollegen von blockchaincenter.net
Bitte mehr von diesem Format!

Außer natürlich, dass es unbedingt eine Fortsetzung der Value of Bitcoin geben muss. Nicht nur, weil es international kein vergleichbares Event gibt und das Feedback der Speaker und Teilnehmer (jedenfalls soweit ich das mitbekommen habe) so positiv war, sondern auch, weil sich mit diesem auf Diskurs und Austausch ausgelegten Format ein regelmäßiges Bitcoin-Event mit erkennbarem Mehrwert und Alleinstellungsmerkmal aufbauen ließe. Wenn viele anderen Konferenzen gefühlt einen immer größeren Schwerpunkt auf Erlebnis und Entertainment legen, ist die intellektuelle Auseinandersetzung mit Bitcoin immer noch die reizvollste.

Außerdem muss man den Kollegen der BayernLB eine Chance geben, zu zeigen, dass sie das mit der Vergabe guter Passwörter besser können.

14 Gedanken zu „Bitcoin-Rumble in the Banken-Jungle – Die Value of Bitcoin Conference“

  1. Amüsant, Ihre Einschätzung zur Qualität der Äußerungen des Herrn Alexis Eisenhofers. Aber in Ernst, nach welchen Kriterien wurden die Teilnehmer des Diskussions-Panels ausgewählt? Nachgewiesene Fachkenntnisse im Bereich Bitcoin bzw. Blockchain können es wohl nicht gewesen sein.

    1. Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Meiner Erfahrung nach ist es aber schwer, Leute zu finden, die sich sowohl sehr gut mit Bitcoin auskennen und gleichzeitig überzeugte Skeptiker sind. Ich kenne jedenfalls keinen und glaube, dass es hier wohl immer eine Asymmetrie geben wird.

        1. Ich wollte gar nicht den Eindruck erwecken, als gäbe es keine kritischen Experten. Und man muss hier ja auch differenzieren. Man kann Bitcoin gleichzeitig kritisch sehen (aus verschiedenen Gründen) und trotzdem sagen, dass es im „Blockchain“- und „Krypto“-Spektrum das einzige Projekt ist, das relevant ist. Deswegen hieß der Vortrag von Michel Rauchs ja auch: „All (Crypto) Roads Lead to Bitcoin“. Und soweit ich das weiß, ist ja auch die These von Saifedean Ammous in seinem Buch, dass eine Blockchain so ein enorm ineffizientes System ist, dass es einen extrem relevanten Usecase braucht, um diesen Aufwand zu rechtfertigen. Und Bitcoin (als sound money) könnte dieser Usecase sein, aber selbst da können wir noch nicht mit Gewissheit sagen, ob es das wert ist. Alles andere, was unter „Blockchain“ läuft, ist es aber definitiv nicht.

  2. Vielleicht eine Klarstellung zum Zeitfenster, das Herr Naumer gezeigt hat: Der Einwand war, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dass man ein noch größeres Zeitfenster nehmen müsste (vielleicht ab Mai 2010, als erstmals zwei Pizzas mit Bitcoin bezahlt wurden). Seither ist der Preis eines bitcoin um ca. einen Faktor 5 Mio. gestiegen. Der Unterschied zu den (anderen) gezeigten Blasen wäre damit noch viel größer. Dies wird nun von machen, wenn ich recht verstehe, dahingehend gedeutet, dass der bitcoin-Preis eben nicht mit typischen Blasen vergleichbar ist, sondern schlicht ein neues Paradigma darstellt. Man könnte sich aber meiner Ansicht nach auch auf den Standpunkt stellen, dass Hypes und Blasen in der heutigen stark vernetzten Welt eben auch größere Ausmaße annehmen können als früher.

    1. Das mag schon sein, aber Fakt ist ja, dass man mit der Teilauswahl einer Grafik/Statistik die „Wahrheit“ schon sehr verzerren kann. Vom methodischen Standpunkt ist es einfach eine Manipulation, wenn man nur den Teil der Skala zeigt, der einem am besten in die Argumentation passt. (Machen leider auch sehr viele Medien). Das Problem dabei ist, man macht sich eben sehr leicht angreifbar. Mein Sitznachbar merkte zudem auch an, dass auch die lineare Darstellung der Bitcoin-Preisentwicklung nicht optimal ist. Die logarithmische Darstellung der Bitcoin-Kursentwicklung vom Anfang bis heute stützt hingegen vielmehr die ja auch von Giacomo Zucco im Panel geäußerte These, dass Bitcoin eine Serie von Blasen ist. Nur „platzen“ die eben nicht im klassischen Sinne, sondern zeigen wiederholte extreme Anstiege und extreme Rückgänge, wobei die jeweiligen Tiefststände nach einer „Blase“ aber immer höher liegen als zuvor. Hier zeigt sich also durchaus ein stabiles Wachstum. Hätte man daher die drei Grafiken nebeneinander gestellt (Kurs linear, Kurs logarithmisch und jährliche Entwicklung der Kurstiefststände), hätte sich ein ganz anderes Bild ergeben und die Diskussion wäre konstruktiver (dafür aber vielleicht weniger unterhaltsam) verlaufen. So prallten die Positionen aufeinander und Herr Naumer kann nichts gegen den Vorwurf einwenden, er hätte unsauber argumentiert, weil er entweder die Statistik bewusst in seinem Sinne manipuliert oder aus Unwissenheit eine ungünstige Auswahl getroffen hat.

  3. Ich muss Herrn Naumer hier noch einmal verteidigen: Auch ein größeres Zeitfenster hätte genauso zu seiner Argumentation gepasst. Er hat weder manipuliert noch eine besonders günstige Auswahl für seine Argumentation getroffen. Nur seine Interpretation weicht von jener der Bitcoin-Anhänger ab.

    1. Nein, da liegen sie doppelt falsch. Er hat methodisch unsauber bzw. manipulativ gearbeitet (ob absichtlich oder unabsichtlich sei dahingestellt), indem er Bitcoin als ganzes als Blase bezeichnet, aber nur die Hälfte des Bitcoin-Kurses heranzieht, um diese These zu belegen (unabhängig davon, ob er nun recht hat oder nicht). Zweitens kann man die Meinung der Bitcoiner nicht pauschal als „Bitcoin ist keine Blase“ bezeichnen. Das ist zu einfach und zu schwarz-weiß. Betrachtet man den gesamten Kursverlauf von Bitcoin (unter verschiedenen Metriken/Aspekten), wird deutlich, dass der Kurs von Bitcoin ohne Frage immer wieder in Phasen kommt, die man als klassische Blase bezeichnen kann. Zuletzt 2013 und 2017, aber auch schon zwei/drei Mal davor. Allerdings finden diese wiederkehrenden Blasen-Phasen auf einem über die Jahre konstant steigenden Mindestwert als Basisplateau statt, unter den der Preis nach einer Blase niemals gesunken ist. Bedeutet: Kurzfristig ist Bitcoin immer mal wieder eine Blase (und das sehen eben auch die Bitcoiner so), aber langfristig wächst es sehr viel organischer. Und das ist der Punkt, den Herr Naumer mit seiner manipulierten Grafik, die nur die s/w-Bewertung „Entweder Blase oder keine Blase?“ eben nicht erkennen kann oder will und weswegen er zu recht kritisiert wurde.

      1. Da alle Hypes unterschiedlich lange dauern, kann das Zeitfenster, für das man sich bei einer solchen Darstellung entscheidet, nie für alle Kurven gleichzeitig das aussagekräftigste sein.
        Die zweite Aussage, mit der ich Ihrer Meinung nach falsch liege, haben Sie mir glaub ich untergeschoben. Das habe ich nicht gesagt.

        1. Ich habe nichts anderes behauptet. Hören Sie mal in das Feature rein, das ich für Deutschlandfunk Kultur über Bitcoin gemacht habe. Da kommt auch Michel Rauchs zu Wort, mit dem ich mich lange unterhalten habe. Danach werden Sie vielleicht besser verstehen, warum die verkürzte Reduzierung von Bitcoin auf seinen Kurs dem Phänomen nicht gerecht wird. Es blendet nämlich vollkommen die gesellschaftspolitische Dimension von Bitcoin aus. Hier der Link zur Sendung: 10 Jahre Bitcoin. Ein Geld-Experiment zwischen Scheitern und Erfolg (https://www.deutschlandfunkkultur.de/10-jahre-bitcoin-ein-geld-experiment-zwischen-scheitern-und.976.de.html?dram:article_id=432753) und hier noch ein sehr guter Bericht, der in die selbe Richtung geht: The Case for Electronic Cash: Why Private Peer-to-Peer Payments are Essential to an Open Society (https://coincenter.org/files/2019-02/the-case-for-electronic-cash-coin-center.pdf)

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