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Die Zukunft des Geldes

Ich habe gestern beim Leipziger Bitcoin-Themenabend einen Vortrag über Die Zukunft des Geldes gehalten. Ein Thema, das mich begleitet, seit ich mir das Ziel gesetzt habe, Bitcoin verstehen zu wollen und das seitdem auch Teil meiner Recherche ist. Meist eher hintergründig und nebenbei, dafür aber mittlerweile nun schon seit rund sieben Jahren.

Die beiden Fragen, die sich mir seitdem immer wieder stellen, sind die folgenden:

(Wie) Lässt sich die Zukunft des Geldes vorhersagen?

Welche Rolle spielt dabei Bitcoin?
Zwei Fragen, die sich mir immer wieder stellen.
Wie sieht die Zukunft des Geldes aus?

Dabei geht es mir weniger um eine die Wirtschaft der Zukunft, sondern um die konkrete Frage, wie das Geld der Zukunft aussehen wird? In 10 Jahren? In 50 Jahren? Oder auch in über 100 Jahren?

Wird es Geld dann überhaupt noch geben? In welcher Form und auf Basis welchen Mediums? Wie wird dieses Geld funktionieren? Wie wird es die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Regeln beeinflussen und von ihnen beeinflusst werden? Und natürlich: Wie werden futuristische Ideen und Visionen vom Geld der Zukunft unsere heutige Wahrnehmung von Geld und dessen künftige Weiterentwicklung lenken?

Im Hinblick auf die Zukunft ist die Finanzbranche blind

Diese Fragen sind insofern interessant, als dass die Finanzbranche – also die, die sich mit der Materie eigentlich am allerbesten auskennen sollten – in dieser Hinsicht selbst vollkommen blind ist. Zumindest nach all dem, was ich in den vergangenen Jahren aus Talks, Konferenzen, Präsentationen und Gesprächen mit ihren Vertretern gelernt und beobachtet habe.

Denn wen ich auch fragte – Banker, Ökonomen oder Behördenmitarbeiter – niemand konnte mir einen Hinweis darauf geben, dass überhaupt irgendwo eine substantielle Auseinandersetzung mit dem Geld der Zukunft stattfindet. Dass also überhaupt die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, dass es in (absehbarer) Zukunft ein Geld geben könnte, das sich von dem Geld, wie wir es heute kennen, unterscheidet. Und das möglicherweise sogar fundamental.

Die Finanzbranche als ideen- und visionslos zu beschreiben, würde ich auf Basis dieser Erfahrungen daher noch als Untertreibung bezeichnen. Denn statt (auch) nach vorne zu blicken, orientiert sie sich vor allem nach hinten. Das bestätigte mir in einem Workshop bei der Deutschen Bundesbank vor einiger Zeit auch deren Vertreter. Wir einigten uns schließlich darauf, dass folgende Maxime es ganz gut beschreibt:

"Aus der Vergangenheit lernen, um die Gegenwart zu gestalten."
Die Beschäftigung mit der Zukunft spielt in der Finanzbranche bisher keine wirkliche Rolle.
Wenn Stillstand als „Innovation“ verkauft wird

Wobei es noch andere Indizien gibt, die diese These stützen. Immerhin gilt die Kreditkarte (neben dem Geldautomaten – „Whoa!“) gemeinhin als eine der letzten richtig großen Innovationen der Branche. Eine Idee, die jedoch aus dem 19. Jahrhundert stammt. Dennoch wird sie aber immer noch als „Innovation“ vermarktet, weil es Karten jetzt aus Metall gibt („nein!“), digitale Karten („doch!“) oder jetzt sogar mit LED-Beleuchtung („oooh!“).

Die Idee der Kreditkarte ist schon über 130 Jahre alt.

Generell – auch das ist meine subjektive Beobachtung der letzten Jahre – liegt dabei die Messlatte, ab der in der Finanzbranche etwas als „Innovation“ vermarktet wird, sehr, sehr (sehr, sehr, sehr) niedrig. Apple Pay (und all die anderen „xyz-Pays“) sind da auch keine Ausnahme. Vor 20 Jahren wären sie vielleicht eine echte Innovation gewesen. Heute waren sie gemessen am generellen Digitalisierungsgrad der Gesellschaft schon lange überfällig.

Echte Innovation ermöglicht, was zuvor unmöglich erschien

Wie nicht-innovativ die Finanzbranche tatsächlich ist, wird umso deutlicher, wenn man sich mit Bitcoin auseinandersetzt und versteht, wie viele anspruchsvolle, miteinander verschränkte und vormals als unlösbar geltende Probleme Satoshi Nakamoto mit seinem nur 9-seitigen Bitcoin-Whitepaper auf einmal in den Griff bekommen hat.

Bitcoin mag dabei vielleicht nicht perfekt sein. Wenn aber selbst Bundesbanker mittlerweile zugeben, dass man mit dem jetzigen Geldsystem technisch am Ende angekommen sei, während man bei Bitcoin noch nicht wisse, wo das Ende sei, dann ist das aber ein beachtliches Statement.

Nimmt man eine echte Innovation wie Bitcoin nun als Referenzwert, dann ist offensichtlich, dass die Finanzbranche innovationstechnisch in den vergangenen Jahrzehnten bestenfalls mit sehr kleiner Flamme gekocht hat und seit langem eigentlich nur auf der Stelle tritt.

Gefangen in der eigenen Expertise

Wobei – und auch darum ging es gestern in meinem Vortrag – man das zwar beobachten und kritisieren, gleichzeitig aber nur begrenzt als Vorwurf formulieren kann. Denn wer sich zu lange mit Detailfragen und Problemen auseinandersetzt, läuft Gefahr zum „involvierten Experten“ zu werden. Als solcher, so die Zukunftsforschung, neigt man nun einmal dazu, trotz oder gerade wegen der eigenen Expertise falsche Aussagen über die Zukunft zu treffen. Vor allem dann, wenn man felsenfest davon überzeugt ist, dass etwas „niemals möglich sein werde“.

Womit wir wieder beim Thema Bitcoin und der Idee von einem rein digitalen, internetbasiertem Geld sind, das ohne Staaten und Banken funktioniert. Denn fragt man die „Experten“ des bestehenden Geldsystems diesbezüglich nach ihrer Einschätzung, ist die Antwort meist eindeutig: „Unmöglich! Unvorstellbar! Undenkbar!“

Doch ist diese Zukunftsvision tatsächlich so undenkbar? Ganz und gar nicht. Immerhin gibt es mit der Science Fiction ein Genre, das seit Jules Verne im 19. Jahrhundert genau das macht. Bestehende technische Entwicklungen nehmen und diese im Zusammenhang mit den Bedürfnissen und Träumen der Menschheit in die Zukunft zu transzendieren, wie es der Zukunftsforscher Bernd Flessner formuliert.

Was wiederum die Frage aufwirft, was – wenn die Finanzbranche in dieser Hinsicht selbst blind ist – wir aus der Science Fiction über das Geld der Zukunft lernen können?

Welche Visionen gibt es denn nun vom Geld der Zukunft?

Um es kurz zu machen – noch nicht sehr viel. Es gibt gesellschaftliche Themenbereiche, die auch in der Science Fiction (noch) kaum behandelt werden und nur selten konsequent durchdacht werden. Das Geld der Zukunft gehört in gewisser Weise dazu. In vielen Zukunftsgeschichten spielt es kaum eine Rolle oder ist irgendwie da, ohne weiter erklärt zu werden. Echte Visionen, in denen Geld für eine künftige Welt von Grund auf neu gedacht wird, gibt es hingegen kaum.

Was letztlich aber auch nicht verwunderlich ist. Geld war lange Zeit ein ziemlich langweiliges und statisches Thema. Vor Bitcoin hat es ja auch mich und sehr viele andere nicht interessiert. Warum sollte es Science Fiction-Autor:innen da anders gehen? Doch auch hier tut sich langsam etwas. Technischer Fortschritt ist bekanntlich die Inspiration für Science Fiction und andersherum ist die Science Fiction seit jeher ein Wegweiser für Ingenier:innen. Es könnte also gut sein, dass das Thema Geld dank der Bitcoin-Innovation in künftigen Science Fiction-Geschichten eine zunehmend größere Rolle spielen wird.

Die Suche nach Antworten hat gerade erst begonnen

Möglich ist aber auch, dass ich die entsprechenden Werke und Personen einfach noch gefunden habe. Denn das alles hier ist ja keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern eine sehr subjektive, teils noch recht lose Sammlung von Material, Erkenntnissen und Schlussfolgerungen.

Zumindest bisher. Mein Vortrag gestern war für mich damit auch kein Abschluss einer Recherche, sondern vielmehr der Auftakt, mich diesem Thema noch mehr und vielleicht endlich auch mal systematischer anzunehmen. Und meine Beobachtungen und Thesen offen zur Diskussion zu stellen.

Denn meine Fragen, ob und wie sich die Zukunft des Geldes vorhersagen lässt und welche Rolle dabei Bitcoin spielt, sind für mich noch lange nicht ausreichend beantwortet.

Ich freue mich daher auf Austausch und Diskussion. Wer also Tipps, Hinweise und Anmerkungen hat, die zur Klärung des Sachverhalts beitragen, immer her damit.

Alle anderen finden hier noch einmal alle meine Slides von gestern.

Die Zukunft des Geldes
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Lesetipp: Über die Zukunft von Geld und Bitcoin

Daniel Jeffries hat drüben bei Hackernoon mit What Will Bitcoin Look Like in Twenty Years? einen der wichtigsten Texte zu Geld und Bitcoin geschrieben, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ganz einfach aus dem Grund, weil er sich mit einem Aspekt beschäftigt, der in der Auseinandersetzung bisher viel zu kurz kommt: die Zukunft.

Klar gibt es Texte (und vor allem ICO-Whtepaper), die sich irgendwie mit dem auseinandersetzen, was da so künftig passieren könnte (aber nur, wenn alles nach dem Best Case im Businessplan läuft). Doch eine tiefergehende und vor allem über die eigenen Interessen hinaus gehende Auseinandersetzung mit der Zukunft des Geldes (nicht nur der des Bezahlens!) findet bisher nicht statt.

Was fehlt: Future Economics

Was übrigens nicht nur für Bitcoin, sondern für die Ökonomie im Allgemeinen gilt. Die konzentriert sich nämlich vor allem darauf, aus der Vergangenheit zu lernen und auf die Gegenwart zu reagieren, entwickelt selbst aber keinerlei Visionen, wie unser Geld- und Gesellschaftssystem in 20, 50 oder 100 Jahren aussehen könnte. Oder idealerweise aussehen sollte.

Je mehr ich mich also mit diesem Thema beschäftige – und ich suche und frage nun schon lange nach „Geldvisionären“, aber weder Professoren, Banker noch Journalisten kennen jemanden, der sich wirklich mit der Zukunft des Geldes auseinandersetzt – umso mehr drängt sich der Schluss auf, dass die Finanzbranche in Theorie und Praxis eine gänzlich visionslose Branche ist.

Was eine erschreckende Erkenntnis ist, wenn man bedenkt, wie grundlegend und teils rasant sich die Welt innerhalb der vergangenen 20, 50 oder 100 Jahren verändert hat. Zumal es keinen Anlass gibt, davon auszugehen, dass die Wucht oder Geschwindigkeit künftiger Veränderungen milder ausfallen. Im Gegenteil.

Ein Versuch, die Zukunft zu beschreiben

Genau das macht den Text von Daniel Jeffries dann aber so lesenswert. Denn obwohl auch für ihn klar ist, dass es bei Aussagen über die Zukunft viel leichter ist, falsch zu liegen, als richtig, wagt er zumindest den Versuch, eine mögliche Entwicklung zu skizzieren.

„I’m also going to go much, much deeper than “Bitcoin will go to zero” or “Bitcoin will become the reserve currency and be worth $1,000,000”. That’s not really saying all that much and anyone can do it. Instead we’ll look at how the technology will transform and how society will transform with it.“

Diese Skizze wiederum ist höchst inspirierend. Denn egal, ob man seiner Argumentation folgt oder nicht – wer diesen Text liest, beginnt selbst über die Zukunft des Geldes nachzudenken. Genau das, was bisher viel zu wenig stattfindet.

Die Vision eines professionellen Visionärs

Dass Jeffries dabei sowohl Gründer ist, langjährige IT-Erfahrungen mit sich bringt und auch Science-Fiction-Geschichten schreibt, ist hier von großem Vorteil, weil man merkt, dass er Erfahrung mit dem glaubwürdigen Entwickeln von technologiebasierten Zukunftsszenarien hat.

Das im Hinterkopf sollte man sich auch nicht von der halben Stunde Lesezeit abschrecken lassen, die dieser Artikel mit sich bringt. Es lohnt sich wirklich.

Um das zu zeigen, habe ich hier mal die Zwischenüberschriften herausgezogen und wen die noch immer nicht überzeugen, hier eine Textstelle, die mehr als nur neugierig macht:

„I’m half way through an article called “What If Hitler Had the Blockchain?” Frankly, I don’t want to publish it because I don’t want to give the bad guys any fresh ideas but rest assured it probably doesn’t matter. Their dark minds are already hard at work imagining how to use blockchain as a system of repression and control.“ 

Inhalt

This Internet Thing will Never Work Out

The Rise of Bitcoin, Crypto and Decentralization

1) The Bubble Bursts

2) Government Cryptocurrencies will Flourish

3) Decentralized Cryptocurrencies Will Become a Parallel Economic Operating System for the Planet

4) The Killer App for Crypto is NOT a Browser

5) Blockchain is Just the Beginning of Decentralized Consensus

6) Crypto Will Get a LOT Easier to Use

7) The protocols of Coins will Get Abstracted from the Coins Themselves

8) We will have Four Dominant Meta Coins, Plus Fifty to One Hundred Minor Coins, and Infinite Virtual Variations of These Coins, Plus State Coins

9) We’ll Learn We Didn’t Know Crap About Economics

10) A DAO Will Grow to Fortune 500 Status

11) The Gig Economy Will Grow Big Time

The Controversy Kings

12) The Blockchain Will Enable All Kinds of Evil

13) Bitcoin Has a 50/50 Shot At Surviving

The Final Frontier

Vier Zukunftsszenarien für die Blockchain

Holla! Mit diesem sehr aufwändig produzierten, Matrix-inspirierten Video: „Future of Blockchain“ haben sich die Verantwortlichen von Deloitte aber mächtig ins Zeug gelegt, um sich als erfahrene Blockchain-Experten mit Weitsicht am Berater-Markt zu positionieren.

Und das Budget, das für diesen Film freigegeben wurde, kann man einfach mal als Indiz dafür nehmen, wie wichtig das Thema in der Branche ist. Aber nichtsdestotrotz: das Ergebnis lässt sich sehen.

Ein ideales Video als Einstieg in die Diskussion

Und nicht nur das: Es ist darüber hinaus auch bestens geeignet, um ins Gespräch über Bitcoin und die Blockchain-Technologie zu kommen, zu diskutieren und zu streiten.

Warum ist bloß vorher noch niemand auf die Idee gekommen, nicht nur ein mögliches Szenario für eine künftige Blockchain-geprägte Welt zu skizzieren, sondern gleich vier? Im Fall von Deloitte sind das:

„Szenario 1: Survival of the Biggest

In dieser Welt ist Blockchain ein voller Erfolg. Aber vielleicht nicht ganz so, wie es sich der eine oder andere Romantiker erträumt hat. Die Blockchain ist schneller, sicherer und flexibler als alles davor Dagewesene. 

Szenario 2: Niche evolution

Blockchain – war da was? Der Sturm im Wasserglas legte sich nach dem Hype ganz schnell wieder. Erinnerst du dich noch an die hysterische Debatte um das Vertrauen in das System? Schwarze Schafe in der Finanzindustrie, Korruption und immer wieder Wirtschaftskrisen? 

Szenario 3: One-eyed in the kingdom of the blind

Die Blockchain ist grandios gefloppt. Ein Milliardengrab. Massive Sicherheits- und Geschwindigkeitsprobleme. Hackerangriffe. Und das alles, obwohl die Voraussetzungen anfangs gar nicht schlecht aussahen.

Szenario 4: Blockcracy

Blockchain – ein Geschenk für die Welt! Die Erfindung der Elektrizität – sehr praktisch. Verbrennungsmotor? Hat uns einander näher gebracht. Das Internet? Der Beginn der Informationsgesellschaft. Blockchain? Der Beginn einer ganz neuen Ära. Und wir hatten fast schon die Hoffnung auf eine gerechtere Welt aufgegeben.“

Ich halte keines der Szenarien für gänzlich ausgeschlossen, wenngleich mir Nr. 2 doch etwas abwegiger erscheint, als die anderen. Hängt aber auch immer mit dem Standpunkt zusammen, von dem man das Thema betrachtet. In jedem Fall ein sehenswertes Video, bei dem ich jedes Mal, wenn ich die rote und blaue „Pille“ sehe, aus unerfindlichen Gründen Bock auf M&M’s kriege.

morpheus

Bitcoin vs. Ethereum. Oder: Ist Bitcoin tot?

Zur Zeit ist es außerordentlich schwierig, verlässliche Informationen über den Status Quo von Bitcoin zusammenzutragen und anständig darüber zu berichten, was die Entwickler, die Community und das gesamte Ökosystem beschäftigt und wie die aktuellen Zukunftsaussichten des digitalen Geld und der Blockchain-Technologie sind.

Blocksize-Debatte spaltet Entwickler und Community

Das hat nicht nur mit der noch immer ungelösten Blocksize-Debatte zu tun, die auch nach dem ominösen, verschwörerisch-elitären Satoshi-Roundtable alles andere als gelöst ist (einem Event, bei dem sich die ausschließlich geladenen Teilnehmer auf eine skurrile „Privatsphäre“-Klausel eingelassen haben, die nur politisch korrekte Kommentare nach außen dringen ließ und dessen ehrlichste, wenngleich auch nicht unumstrittenste Zusammenfassung daher wohl dieser Rant von uneingeladenen Gästen ist: „Why I Went to the Satoshi Roundtable in a Sombrero“.

Dass der Satoshi Roundtable zu keinem Ergebnis führte, ist wenig verwunderlich. Denn nicht nur die Kommunikation der vermeintlichen Bitcoin-„Elite“, sondern auch die der gesamten Community ist seit langem gestört. Reddit, die wichtigste Plattform für crowdgesourcte Informationen und Diskussionen, ist nach Zensurvorwürfen in die Subreddits r/bitcoin und r/btc gespalten. Letzteres rühmt sich dabei zwar seiner freien Meinungskultur, setzt diese aber nicht konstruktiv ein, sondern verkommt immer mehr zu einem Ventil für Frust, Ärger, Jammerei und Trollerei gegen das andere Subreddit. Das stört nicht nur mich bei der Recherche, sondern selbst einen Moderator, der sich das alles durchlesen muss: „/r/btc seems to have lost it’s way“.

Was jedoch nicht bedeuten, dass es bei r/bitcoin besser liefe. Die Zensurvorwürfe gegen den dortigen Moderator Theymos sind nicht unbegründet und inwieweit dort eine realitätsverzerrende Schönwetter-Beitragskultur gepflegt wird, lässt sich beim Lesen der freigeschalteten Posts nicht ohne Weiteres erkennen. Woran es aber keinen Zweifel gibt, ist, dass Meinungspluralismus, Themenvielfalt und die offene Diskussionskultur in r/bitcoin stark zurückgegangen sind. Ich jedenfalls finde dort für meine Arbeit immer weniger qualitative Beiträge und auf r/btc als korrigierende Ergänzung ist aktuell auch kein Verlass.

Ist Bitcoin tot? Nein! … also zumindest noch nicht.

Beides, die Gräben auf Entwicklerebene und die Differenzen in der Community, sorgen für allgemeine Verunsicherung. Selbst isbitcoindead.com ist mittlerweile von einem kategorischen „Nein!“ auf ein „Noch nicht.“ umgeschwenkt und wer solche monothematischen „Is [whatever]?“-Seiten kennt, weiß, dass es eigentlich zu deren Konzept gehört, gerade keinen Raum für Zweifel zu lassen. Den scheint es jedoch bei Bitcoin wohl zunehmend zu geben. Dieser Eindruck wird dann noch verstärkt, wenn Nachrichten die Runde machen, wie die, dass Microsoft keine Bitcoins mehr akzeptiert.

microsoft bitcoin windows 10 quit
Microsoft akzeptiert fortan keine Bitcoins mehr für Windows 10-Produkte.

Wobei das allerdings nur für Windows 10-Produkte gilt und weniger besorgniserregend ist, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn wesentlich wichtiger ist es, dass das Unternehmen weiterhin Bitcoins für seine Xbox-Sparte nimmt. Dort findet sich nämlich viel konzentrierter die Zielgruppe, die tatsächlich auch willens und in der Lage ist, digitale Inhalte mit Bitcoin zu bezahlen.

Den Rückschritt bei Windows 10 sollte man, vor allem ohne explizite Begründung, also nicht überbewerten, zumal solch ein Schritt bei Experimenten mit neuen Zahlungsoptionen ein Ergebnis ist, mit dem man realistischerweise rechnen muss. Bitcoin ist nun mal nicht das ultimative und perfekte Zahlungsmittel für jede vorstellbare Situation.

Wer allerdings Lust auf wilde Spekulationen hat, kann darin ja auch einfach ein Indiz sehen, dass Microsoft dem eigenen aktuellen Betriebssystem keine Zukunft mehr gibt und die nächste Version ohnehin eine komplette Bitcoin-Integration haben wird.

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Bitcoin – The Honey Badger of Money doesn’t give a shit!

Denn ganz so schlecht scheint es um Bitcoin ja doch nicht zu stehen, oder?  Der Bitcoin-Kurs ist zumindest im letzten Monat recht stabil zwischen 400 und 450 US-Dollar geblieben. Trotz des ganzen Hickhacks um die Blocksize, die im Sommer bevorstehende Halbierung des Mining-Rewards und des aktuellen Durchstartens von Ethereum.

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Ethereum – der neue heiße Scheiß?

Das wiederum ist bemerkenswert. Immerhin steigt das Interesse an Ethereum rasant, das Projekt wird in den Medien schon als „der bessere Bitcoin“ gehandelt, die Marktkapitalisierung des Projekts hat mit 1 Milliarde US-Dollar vor kurzem eine wichtige psychologische Marke durchbrochen und diejenigen, die Ether kaufen, nutzen dafür vermutlich größtenteils Bitcoin, was dort wiederum auf den Preis drücken müsste.

google search ethereum
Auch bei Google gehen die Suchanfragen nach Ethereum steil nach oben.

Dass der Bitcoin-Kurs daher in dieser gefühlt großen Krise so stabil bleibt, ist dementsprechend ein deutlicher Hinweis auf robuste Beständigkeit. Vor allem, da täglich neue Bitcoins im Wert von derzeit rund 1,5 Millionen US-Dollar auf den Markt kommen, allein schon die aufgekauft werden müssen, damit der Bitcoin-Preis überhaupt stabil bleibt. Ein beständiger Bitcoin-Kurs beinhaltet daher sogar ein verstecktes Wachstum.

Und dass auch das Interesse weiterhin bedeutend ist, lässt sich auch an der Anzahl von Google-Suchen erkennen. Ethereum steigt dort zwar rasant, ist trotzdem aber auch noch weit vom Interesse an Bitcoin entfernt.

google search ethereum bitcoin
An das Interesse an Bitcoin reicht das an Ethereum bei Google-Suchen noch lange nicht heran.

Kampf der Informations-Overkill-Debatten-Müdigkeit!

Und trotzdem: Verunsicherung durch Informations-Overkill und eine ernüchterte Blocksize-Debatten-Müdigkeit ist vielerorts spür- und erkennbar. Das wiederum muss nicht unbedingt schlecht sein. Immerhin bekommen dadurch möglicherweise weniger politische als vielmehr pragmatische Lösungsansätze eine Chance. Es kommt halt, wie es kommt.

Aber ist solch eine fatalistische Grundhaltung auch das, was die Community will? Oder sind wir an einem Punkt, an dem wir uns damit abfinden müssen, dass das nun einmal die soziale Consensus-Methode ist, nach der Bitcoin funktioniert? Und ist Ethereum nun die bessere Bitcoin-Alternative, eine wertvolle Blockchain-Ergänzung mit anderem USP oder doch ein Projekt ohne Zukunft?

Drei Fragen zur Zukunft von Bitcoin und Ethereum

Diese und viele andere Fragen stehen ungelöst im Raum und um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, starte ich hiermit eine Meinungsfindungs-Offensive, die pluralistische, qualitative Antworten von verschiedenen Akteuren des Bitcoin-Ökosystems zusammentragen soll.

Dafür habe ich mir drei Fragen überlegt, die ich euch als Lesern hiermit ebenso stelle, wie ich sie auch gezielt an einzelne Akteure (Blogger, Gründer etc.) schicken werde.

  1. Wer bist du und was hast du mit Bitcoin und/oder Ethereum zu tun?
  2. Inwieweit betrifft dich die aktuelle Blocksize-Debatte und was ist deine Meinung dazu?
  3. Wo siehst du Bitcoin/Ethereum in drei Jahren?

Wie man sieht, geht es dabei weniger um richtig und falsch, als vielmehr um Meinung, Einschätzungen, Prognosen. Auch eine Antwortlänge gebe ich nicht vor. Idealerweise entsteht so ein Stimmungsbild, das derzeit auf anderem Wege kaum zu gewinnen ist.

Und jetzt kommt ihr!

Wer will, kann seine Antworten direkt in die Kommentare schreiben oder mir diese per Mail schicken. Die Fragen habe ich dabei bewusst so gestellt, dass man kein Bitcoin-Experte sein muss, um sie zu beantworten. Es geht hierbei ja nicht um reine Fachexpertise (wo gibt es die bei Bitcoin überhaupt), sondern um ein Gesamtbild aller Menschen, die sich für Bitcoin und Ethereum interessieren und damit agieren.

Ich werde das alles dann in einer noch zu bestimmenden Form sinnvoll aufbereiten und veröffentlichen. Und wer sich seiner eigenen Meinung noch nicht sicher ist: Auch im nächsten Honigdachs-Podcast, den wir kommende Woche aufzeichnen, werden wir dieses Thema diskutieren und vermutlich die ein oder andere steile These in Raum und Äther werfen.

Ihr dürft natürlich aber auch schon vorher in die Tasten hauen.

Bitcoin – Zahlungsmittel der Zukunft?

In seiner aktuellen, gestern als Beilage zur Süddeutschen Zeitung erschienenen Ausgabe stellt das +3 Magazin die Frage nach dem Zahlungsmittel der Zukunft und druckte auch gleich die Antworten von Experten, Werbekunden (gekennzeichnet) und die von Lesern. Denn die Frage nach dem Zahlungsmittel der Zukunft stand bereits seit rund einem Monat im Raum und konnte und kann noch immer über die zugehörige Website beantwortet werden.

plus drei finanzmittel zukunft bitcoin
+3 Magazin: Eine von drei Fragen ist die nach dem Zahlungsmittel der Zukunft

Für die gedruckte Ausgabe hat die Redaktion aber nun aus all den bisherigen Antworten auf drei Seiten einen, wie ich finde, ziemlich guten Überblick über das Meinungsspektrum erstellt. Bitcoin und digitales Bezahlen spielen dabei erwartungsgemäß eine große Rolle. Aber dass in der Gesamtheit aller veröffentlichten Beiträge ein so vielschichtiges Bild entsteht, ist bemerkenswert und auch die kritischen Anmerkungen zu Bitcoin und Co. lohnen sich zu lesen. Dankenswerterweise ist das im Netz ja auch auch dauerhaft möglich, ohne sich nun auf die Suche nach einem Exemplar der gestrigen SZ machen zu müssen.

Kleine Transparenznotiz am Rande: Ich habe auf Anfrage der Redaktion den Text über M-Pesa geschrieben.