Andreas Bitcoin Kapitalismus

Wie Bitcoin den Kapitalismus rettet

Wer verstehen will, welches gesellschaftspolitische Potential in Bitcoin steckt, der sollte sich dieses Video ansehen. Darin erklärt Andreas Antonopoulos warum wir seiner Meinung nach nicht mehr im „guten“ Kapitalismus leben, sondern in einer mittlerweile pervertierten Variante davon, der Kleptokratie.

Diese Kleptokratie werde dominiert von Kartellen und Monopolen, die versuchen den größtmöglichen Gewinn abzuschöpfen, ohne jedoch selbst ein unternehmerisches Risiko einzugehen. Also kurz gesagt: Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren.

Ich habe die wichtigsten Stellen aus dem Video übersetzt und herausgeschrieben, denn angesichts der durchdachten Argumentation ist es mehr als beeindruckend, wie Andreas Antonopoulos diesen sehr abstrakten Sachverhalt in sieben Minuten so anschaulich darstellt. Immerhin reden wir hier von klassischer politischer Theorie- und Ideengeschichte, die er auf eine ökonomische Wertebasis überträgt, auf der wiederum die gesamte westlichen Welt beruht.

„Kapitalismus ohne Risiko ist eine Kleptokratie“

„Banken werden von Leute betrieben, die nicht an den Kapitalismus glauben. Das sind Leute, die jedoch an eine sehr gemütliche Kleptokratie glauben, in der sie immer neue Profite machen können, ohne dabei Risiken eingehen zu müssen. Kapitalismus funktioniert aber nicht ohne Risiko. Kein Risiko eingehen zu wollen ist eine pervertierte Form eines Patronats und eine Kleptokratie in der alle Gewinne privatisiert und alle Risiken sozialisiert werden.“ […]

„Wir haben eine Welt geschaffen, in der die größten Organisationen der Welt versuchen möglichst alle Risiken zu umgehen. Selbst im Kapitalismus. Aber ein Kapitalismus, in dem es keine Risiken gibt, ist ein Kapitalismus ohne Innovation, ein Kapitalismus ohne legitime Gewinne und es ist ein Kapitalismus, in dem letztlich alle Risiken geballt und so lange unter den Teppich gekehrt werden, bis eines Tages alles vor deinen Augen explodiert und du vor einem riesigen Scherbenhaufen stehst.“ […]

„Bitcoin bedroht nicht den Kapitalismus, es wird ihn retten“

„Bitcoin repräsentiert die Ideale des freien Marktes und die Ideale des Kapitalismus, die es ermöglichen Innovation und Risiko wieder in einer Wirtschaft zusammenzuführen, die stagniert, weil die Bemühungen möglichst jedes Risiko zu vermeiden zu diesen gigantischen Monopolen und Kartellen geführt haben.“ […]

„Mitten in diesem riesigen See aus Stillstand befindet sich Bitcoin, das nicht nur eine neue Art von Währung erprobt, sondern gleichzeitig einen neuen Liquiditäts-Pool schafft, der direkt aus dieser pulsierenden innovativen Ökonomie hervorgeht, in der gerade hunderte von Startups Tausende neuer Jobs schaffen. Und mit ihnen diese unglaubliche Menge an Innovationen im Bereich der Finanzsdienstleistungen, Kryptografie, Sicherheit und verteilte Systeme und Technologie. Und was wir sehen, ist gerade erst der Anfang.“ […]

„Bitcoin bedroht die Kleptokratie und die Kleptorkratie muss bedroht werden. Denn auf diese Weise rettet Bitcoin den Kapitalismus.“

Moderne Ökonomie trifft griechische Philosophie

Der Clou von Andreas Antonopoulos‘ Argumentation ist dabei die grundsätzliche Annahme, dass es überhaupt so etwas wie „guten“ Kapitalismus und „schlechten“ Kapitalismus gibt. Damit greift er letztlich auf ein staatsphilosophisches Konstrukt von Aristoteles zurück.

In seinem Staatsformenschema beschreibt Aristoteles nämlich sechs verschiedene politische Verfassungen. Drei „gute“, d.h. auf das Gemeinwohl gerichtete, und drei „schlechte“, dem Eigennutz dienende.

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Quelle: Wikipedia. (bearbeitet)

Das Besondere: Keine dieser Staatsformen hat, basierend auf empirischen Beobachtungen, auf Dauer Bestand. Vielmehr findet ein beständiger Wechsel zwischen ihnen statt, der auf einer unvermeidlichen Korrumption der „guten“ Staatsformen basiert.

D.h. es gibt keine stabile Staatsform, sondern es findet eine Art unendlicher Kreislauf statt. In der Moderne versuchen wir dem zu entkommen, indem wir – Stichwort parlamentarische Demokratie und Gewaltenteilung – Mischformen der aristotelischen Staatsformen konstruieren, die sich im Idealfall gegenseitig davon abhalten sollen, von der erstrebenswerten Gemeinwohlorientiertheit Richtung Eigennutz abzudriften. Jedes demokratische Land experimentiert dabei mit seinem eigenen Mix und den jeweiligen Erfolg mag jeder für sich selbst beurteilen. Aber zurück zum Kapitalismus.

Kleptokratie vs. Kapitalismus

Für Andreas Antonopoulos ist der Kapitalismus also die „gute“, gemeinwohlorientierte ökonomische Verfassung (vgl. dazu auch die Analyse des im Film Elysium dargestellten Wirtschaftssystems) und die Kleptokratie ist ihr verderbetes Pendant.

Belege für die Stimmigkeit dieser These muss man nicht groß suchen, haben wir doch milliardenschwere Bankenrettungen in der Finanzkrise, Luxemburger Steuersparmodelle oder die massive Lobbyarbeit der Privatwirtschaft für das Freihandelsabkommen TTIP auf der einen Seite und fehlende Kitaplätze, beschämend schlechte Betreuung von Asylsuchenden, kaputte Straße und marode Infrastruktur auf der anderen.

Das wiederum lässt aber zwei Fragen offen. Welche ökonomische Verfassung käme denn, wenn die derzeitige Kleptokratie so wie es Andreas Antonopoulos beschreibt erst einmal durch Bitcoin überwunden ist? Kehren wir dann zurück zum „guten“ Kapitalismus oder entsteht dann etwas ganz Neues? Womöglich eine Art Post-Kapitalismus?

Nach dem Kapitalismus ist vor dem Kapitalismus

Es spricht vieles für die zweite Variante. Denn Kapitalismus ist ja nicht zwangsläufig ein eindimensionales Konstrukt, in dem es nur die Unterscheidung zwischen „gut“ und „schlecht“ gibt. Vielmehr gilt es auch hier, ähnlich dem Modell von Aristoteles, zu überlegen inwieweit die Anzahl der Menschen, auf die sich Macht und Entscheidungsbefugnisse konzentrieren, eine signifikante Rolle spielt. Was passiert mit dem Kapitalsimus, wenn einer, wenige oder alle Menschen entscheiden können?

Oder um es anders zu formulieren. Bitcoin mag möglicherweise die Kleptokratie überwinden, wie sie Andreas Antonopoulos beschreibt, aber es ist schon jetzt unverkennbar, dass dadurch kein früherer Zustand eines Kapitalismus wieder hergestellt wird. Wenn Bitcoin den Kapitalismus retten soll, dann geht das nicht ohne ihn von Grund auf zu verändern. Aber das ist gut so.

Der reale Kapitalismus ist der einiger weniger

Denn schaut man genau hin, ist der Kapitalismus wie wir ihn von jeher aus der Geschichte kennen schon immer eine Art „Aristokratie“-Kapitalismus gewesen, in dem es letztlich immer einigen wenigen, privilegierten Menschen vorbehalten war über die ökonomische Situation von vielen anderen Menschen zu bestimmen.

Dafür müssen wir nicht nach Asien schauen, wo in Bangladesch Menschen beim Nähen unserer Kleidung verbrennen, weil Konzerne sich nicht um Branschutz bemühen oder wo an chinesischen Fabriken Netze installiert werden um die Selbstmörder aufzufangen, die die Arbeitsbedingungen nicht mehr ertragen.

Auch Pfründe, Vetternwirtschaft, Vitamin B sind (weniger drastische) Beispiele für „Aristokratie“-Kapitalismus. Ein Kapitalismus, in dem es vor allem um das Wohl weniger geht und derer, die ihnen nahe stehen. Nicht um das Wohl aller. Und seine Präsenz ist auch hierzulande sichtbar. Sonst würden wir nicht Jahr für Jahr feststellen, dass noch immer nicht die besten Fähigkeiten über die Chancen für einen gesellschaftlichen Aufstieg entscheiden, sondern die soziale Herkunft.

Bitcoin demokratisiert den Kapitalismus

Wenn wir also bisher eine Art „Aristokratie“-Kapitalismus hatten, der zu einem „Oligarchie“-Kapitalismus oder, wie Andreas Antonopoulos es nennt, zu einer Kleptokratie verkommen ist, dann wäre der nächste Schritt im Sinne des aristotelischen Kreislaufs eigentlich ein Kapitalismus für alle. Und genau das ist das große disruptive Potential, das in Bitcoin steckt. Denn Bitcoin könnte nicht nur die bisher beste Chance sein die vorherrschende Kleptokratie zu überwinden, sondern auch den  Kapitalismus wie wir ihn kennen demokratisieren.

Denn Bitcoin senkt die globalen Zugangsbarrieren zum Geld- und Finanzmarkt drastisch. Ein Smartphone und Zugang zum Internet reicht vollkommen um Bitcoin zu nutzen und mit digitalem Geld zu handeln. Für Milliarden Menschen, die bisher keinen Zugang zur bestehenden Banken- und Konteninfrastruktur haben, ist das eine nie dagewesene Möglichkeit unabhängig und eigenverantwortlich mit Geld umzugehen. Bitcoin bietet damit erstmals die Chance auf einen wirklich demokratischen Kapitalismus.

Wollen wir den demokratischer Kapitalismus?

Wobei der Demokratie-Begriff für Aristoteles ja eigentlich negativ konnotiert ist. In diesem Zusammenhang ist das aber durchaus passend. Denn es führt zu der wichtigen abschließenden Frage dieses ganzen theoretischen Diskurses.

Mal angenommen Bitcoin ist tatsächlich das Werkzeug, mit dem wir den derzeit „schlechten“ Kapitalismus der wenigen in einen „guten“ für alle verwandeln können. Wie verhindern wir, dass – ganz im Sinne des aristotelischen Kreislaufs – nicht auch dieser früher oder später korrumpiert wird?

Aber noch ist diese Frage nicht drängend. Vielmehr geht es zunächst darum – und das ist ja auch die Intention von Andreas Antonopoulos – herauszufinden, welches große gesellschaftsökonomische Potential in Bitcoin ruht und sich auf die Chance der Veränderung einzulassen. Schon das wird in den kommenden Jahren noch sehr, sehr spannend werden.