wie stark ist bitcoin

So lebendig ist Bitcoin: Die Antworten (Teil 2)

Letzte Woche habe ich drei Fragen zum Stand von Bitcoin und Ethereum gestellt und nach den ersten Antworten, die vor allem aus der Community kamen, hier nun die drei mal drei Antworten von Menschen, die „professionell“ mit Bitcoin zu tun haben: sei es als Journalisten, Filmemacher, Gründer oder Interessenvertreter. Bemerkenswert auch dieses Mal, wie vielschichtig und mitunter sehr ausführlich begründet die Meinungen sind. Aber lest selbst.

Und falls ihr euch noch beteiligen wollt, könnt ihr das gerne noch weiterhin tun. Die drei Fragen sind:

  1. Wer bist du und was hast du mit Bitcoin und/oder Ethereum zu tun?
  2. Inwieweit betrifft dich die aktuelle Blocksize-Debatte und was ist deine Meinung dazu?
  3. Wo siehst du Bitcoin/Ethereum in drei Jahren?

per Mail von Torsten

Wer bist du und was hast du mit Bitcoin und/oder Ethereum zu tun?

Filmproduzent von „Bitcoin: The End Of Money As We Know It“

Inwieweit betrifft dich die aktuelle Blocksize-Debatte und was ist deine Meinung dazu?

Ich (und der Großteil der Normalsterblichen) verfolgen das nicht und verstehen das nicht.

Wo siehst du Bitcoin/Ethereum in drei Jahren?

Bitcoin wird 10 mal größer sein, und Ethereum wird noch stärker wachsen. Damit meine ich das Transaktionsvolumen und die Companies und Jobs in diesem Sektor. Allerdings bedeutet dies nicht, dass auch der Preis pro Unit unbedingt steigt. Viele Anwendungen werden zwar die Blockchain oder Ether benutzen, aber nur im Hintergrund ohne, dass es die User unbedingt wissen oder merken. Ich denke auch nicht, dass automatisierte und kleine Transaktionen solcher Anwendungen wirklich einen direkten Einfluss auf Trading und den Preis haben werden.


per Mail von Ricardo

Wer bist du und was hast du mit Bitcoin und/oder Ethereum zu tun?

Ich bin Ricardo Ferrer Rivero, mitgründer von Pey, einer Blockchain- basierten mobilen Zahlungslösung.

Inwieweit betrifft dich die aktuelle Blocksize-Debatte und was ist deine Meinung dazu?

Unsere aktuelle Lösung benutzt die Bitcoin-Blockchain und deswegen sind wir direkt von der aktuelle Debatte betroffen. Für uns wäre es problematisch, wenn sich langfristig ein großer Backlog/Mempool aufbaut [Anm. d. R. Rückstau von Bitcoin-Transaktionen, die darauf warten vom Netzwerk verarbeitet zu werden] und die Transaktionen nicht so schnell bestätigt werden. Wir glauben aber dran, dass die Community eine Lösung bald finden wird. Sonst verlieren wir alle …

Wo siehst du Bitcoin/Ethereum in drei Jahren?

Ich kann mir vorstellen, dass in drei Jahren bessere Alternativen entstehen können. Wenn dies der Fall ist, werden sich die besseren Lösungen etablieren. Ich denke aber, dass unabhängig davon, sich die Blockchain-Technologie weiter etablieren wird und in unsere tägliches Leben integriert.


per Mail von Christoph

Wer bist du und was hast du mit Bitcoin und/oder Ethereum zu tun?

Redakteur von bitcoinblog.de, freier Mitarbeiter Öffentlichkeitsarbeit Bitcoin.de. Habe dementsprechend beruflich mit Bitcoin zu tun und wünsche mir, dass das auch weiterhin so bleibt. Bitcoin finde ich großartig und irre spannend, weil wir die Gelegenheit bekommen, Geld neu zu denken. Ethereum ist ebenfalls spannend und hat langfristig ein großes Potenzial, aber derzeit sehe ich wenig Gründe, die die enorme Wertsteigerung rechtfertigen. Falls sich Ethereum aber als Nummer 2 neben Bitcoin etabliert und manche „Blockchain“-Aufgaben übernimmt, die Bitcoin logistisch überfordern (Smart Contracts, Micropayment, etc.) wäre das eine erfreuliche Entwicklung. Bis jetzt ist Ethereum aber reines Potenzial, während Bitcoin wirtschaftliche Funktionen einnimmt.

Inwieweit betrifft dich die aktuelle Blocksize-Debatte und was ist deine Meinung dazu?

Als Redakteur des bitcoinblog.de versuche ich, neutral zu sein. Es gibt auf beiden Seiten der Debatte legitime Ansichten, Sorgen und Ansätze, die ich nachvollziehen kann. Meine persönliche Meinung ist aber eindeutig: Wir brauchen größere Blöcke. Es war eine Riesendummheit, eine solche Kontroverse um die Skalierung aufzubauschen und damit das Wachstum des Bitcoins zu begrenzen. Anstatt dem negativen, destruktiven und lagerbildenden Gezanke, das wir derzeit haben, brauchen wir einen positiven, konstruktiven und offenen Dialog. Wobei Dialog meint, dass beide Seiten einander zuhören und Kompromisse eingehen müssen. Der Trend derzeit ist jedoch eher, dass sich die Bitcoin-Community in zwei weltanschaulich nicht kompatible Lager spaltet.

Wo siehst du Bitcoin/Ethereum in drei Jahren?

Die Welt braucht eine Kryptowährung und das wird Bitcoin sein. Wenn das Blocksize-Problem gelöst ist, wird es nichts geben, was den Bitcoin aufhalten kann. Ethereum kann, wie schon in beschrieben, durchaus bei diversen Aufgaben assistieren. Dass Ethereum jedoch den Bitcoin als Krypto-Leitwährung ablöst, bezweifle ich.  Dementsprechend würde ein Scheitern des Bitcoins durch das Blocksize-Drama die Entwicklung der Kryptowährung um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückwerfen.


per Mail von Bastian

Wer bist du und was hast du mit Bitcoin und/oder Ethereum zu tun?

Bastian Lipp – Vorstandsmitglied im Bundesverband Bitcoin. An dieser Stelle spreche ich für mich persönlich; meine Meinungen und Ansichten geben nicht notwendigerweise die Meinungen und Ansichten des Bundesverbands Bitcoin e.V., seiner Organe oder Mitglieder wieder.

Privat beschäftige ich mich seit 2011 mit Bitcoin. Meine Vorkenntnisse aus der Wirtschaftsinformatik hatten mich für das Thema „virtueller“ Währungen bereits sensibilisiert, lange bevor es Bitcoin gab. So war es dann für mich nicht schwer, die Bedeutung dieser Technologie zu erkennen, als ich zum ersten Mal drauf aufmerksam wurde. Mein Enthusiasmus der ersten Jahre hat sich dabei bis heute nicht gelegt. Ich halte Bitcoin nach wie vor für eines der spannendsten politischen Experimente unserer Zeit. Den Begriff „politisch“ wähle ich dabei bewusst. Technologisch ist Bitcoin interessant und bringt bis heute immer wieder neue Aspekte hervor, die uns oder zumindest mir bisher nicht bekannt oder klar waren. Man sollte sich aber bei all der Begeisterung immer wieder bewusst machen, dass es sich im Kern immer noch „nur“ um die Lösung eines ganz spezifischen Problems aus der Informatik handelt.

Seit mittlerweile zwei Jahren vertrete ich die Interessen der Bitcoin-Nutzer und -Unternehmer auch in meiner Tätigkeit im Bundesverband Bitcoin. So unpopulär Lobbyismus und die Auseinandersetzung mit Behörden und Regulierern auch sein mögen, halte ich es dennoch für wichtig, dass diese  Arbeit auch von Menschen gemacht wird, die sich von der Anwender- oder Communityseite dem Thema nähern. Die Alternative wäre letztlich, die Meinungsführerschaft zum Thema Bitcoin alleine denjenigen zu überlassen, die bereits heute die finanzpolitische Landschaft bestimmen.

Mit Ethereum beschäftige ich mich eher weniger. Zwar hatte ich erst vor wenigen Tagen die Gelegenheit, mich ein paar Stunden ausführlich mit einem Entwickler aus dem EthDev-Team zu unterhalten, aber meine Interessen liegen klar bei Bitcoin.
Soweit ich das beurteilen kann, ist Ethereum selbst ein äußerst interessantes Experiment, das der Entwicklung von Bitcoin mittel- und langfristig sicherlich den einen oder anderen Anstoß geben wird. Aber, und hier muss ich wahrscheinlich einen Teil der Leserschaft enttäuschen, ich gebe Ethereum als eigenständiger Blockchain neben Bitcoin wenig Chancen. Es ist für mich nicht ersichtlich, warum Smart Contracts in einer schwachen Blockchain einen eigenständigen Mehrwert haben sollen, wenn es auch trivial möglich ist, sie an die stärkste in Betrieb befindliche Blockchain, nämlich Bitcoin, zu koppeln. Hierzu haben Firmen wie Counterparty auch bereits praktische Grundsteine gelegt.
Ethereum als eine Art Rapid Application Development Tool für Blockchain-Anwendungen, also quasi ein Visual Basic für Bitcoin ist sicher ein spannendes Software-Projekt. Einen echten Wettbewerb für die Bitcoin-Blockchain aber sehe ich hier nicht.

Inwieweit betrifft dich die aktuelle Blocksize-Debatte und was ist deine Meinung dazu?

Um ganz ehrlich zu sein, bin ich, wie die meisten anderen Nutzer von Bitcoin, überwiegend genervt von der Debatte. Für mich persönlich bedeutet sie vor allem, dass ich beim regelmäßigen Austausch mit der Bitcoin-Community häufig mehr Zeit mit Fragen und Antworten zu diesem Thema verschwende als mit konstruktiver Arbeit.

Diese Umfrage selbst ist dafür letztlich symptomatisch. Wir könnten uns im Moment darüber unterhalten, ob neue Anti-Terror-Vorstöße seitens europäischer Regierungen eine Bedrohung für die finanzielle Selbstbestimmung der Bürger bedeuten. Oder ob die von vielen so empfundene finanzpolitische Überregulierung dem Wirtschaftsstandort Deutschland schadet; ganz konkret also darüber, was wir daraus lernen können, wenn zahlreiche Bitcoin-, Blockchain- und ganz allgemein FinTech-Startups unserem Land den Rücken kehren und ihr Glück im innereuropäischen Ausland suchen. Womit letztlich die entsprechenden Arbeitsplätze nicht bei uns sondern bei unseren europäischen Nachbarn entstehen. In einer der wichtigsten Wachstumsbranchen des tertiären Sektors im beginnenden 21. Jahrhundert. Stattdessen beschäftigt sich die Bitcoin-Community mit sich selbst und vor allem einem kindischen Machtkampf zwischen rivalisierenden Gruppen von Entwicklern, die sich nicht auf eine gemeinsame Roadmap für die Weiterentwicklung der Software einigen können.

Aber ich will der Frage nach meiner Meinung nicht ausweichen. Ich hege weder Sympathien für die eine, noch für die andere Seite im Machtkampf zwischen Gavin Andresen und Blockstream (ich vereinfache die beiden Lager hier natürlich stark). Allerdings bin ich ein starker Befürworter davon, Softwareänderungen, gerade in Bezug auf ein laufendes System wie die Bitcoin-Blockchain, stets so einfach wie möglich zu halten, um unerwünschte Nebeneffekte so weit als möglich auszuschließen. Insofern tendiere ich persönlich dazu, den einfachen Weg einer direkten Erhöhung der Blocksize zu gehen.

Segregated Witness ist im Gegensatz zur einfachen Anpassung der Blocksize ein erheblicher Eingriff in den Kern des Systems. Ich könnte nicht guten Gewissens empfehlen, so etwas ohne jahrelanges Testing in die bestimmende Software der bedeutendsten virtuellen Währung einzubauen. Man darf mich hier nicht falsch verstehen, ich gehe davon aus, dass auch SegWit funktionieren wird.

Und vor allem ist mir bewusst, dass selbst für den Fall eines Totalversagens des Bitcoins-Netzwerks durch einen virtuellen Währungs-Super-GAU der Bitcoin-Anwender seine Coins nicht verlieren kann. Leider ist mir allerdings ebenso bewusst, dass beide Änderungen keine dauerhafte, zukunftsfähige Lösung sind. Wir schieben damit das eigentliche Kernproblem der Skalierung nur ein kleines Stück in die Zukunft.

Womit wir zum Thema Lightning Network kommen, was das nächste große Reizthema werden dürfte, an dem sich die Community aufreibt. Um das hier ein wenig abzukürzen, und weil wir noch nicht bei diesem Thema sind, will ich nur vorweg schon meine Einschätzung dazu abgeben. Nachdem ich mich in den letzten Wochen eingehender mit dem Thema beschäftigt habe, hege ich sehr starke Zweifel, dass LN außer für ganz bestimmte Einsatzzwecke wie direktes Peer-To-Peer-Micropayment in sehr kleinen, kurzlebigen Gruppen überhaupt besser skaliert als Bitcoin alleine. Damit stellt auch LN wohl keine Möglichkeit dar, wie Bitcoin über wenige Millionen direkte Anwender hinaus skalieren könnte.

Es sollte einem also bewusst sein, dass Bitcoin vermutlich nicht beliebig skalieren wird. Bitcoin als Bezahlsystem für den Coffee-To-Go ist wohl zum Scheitern verurteilt. Ich habe das nie als Problem angesehen, da ich nie der Ansicht war, dass Bitcoin tatsächlich Endanwender-Kleingeld sein muss. Es gibt wenig gute Gründe, warum wir eine absolut 100% sichere Kleingeldbörse ohne eine zentrale Verwaltung für den alltäglichen Gebrauch haben müssen. Insofern spricht wenig dagegen, dass in diesem Bereich, also z. B. beim Mobile Payment, weiterhin ein Geschäftsmodell für zentralisierte Dienstleister existieren kann. Bitcoin selbst kann sich dann möglicherweise als „pecunia franca“ für das Settlement zwischen diesen Dienstleistern etablieren.

Dass das Bitcoin-Netzwerk auch hierfür sicherlich skalieren muss, steht außer Frage. Aber der Bedarf an Transaktions-Bandbreite dürfte sich in diesem Szenario in so engen Grenzen halten, dass wir kaum komplizierte Klimmzüge machen müssen, um uns dem anzupassen.

Wo siehst du Bitcoin/Ethereum in drei Jahren?

Bitcoin dürfte in drei Jahren vermutlich immer noch eher eine Randerscheinung in der großen Finanzwelt sein. Man muss sich hier einfach klar machen, dass wir es mit einer Branche zu tun haben, die ihre technologischen Entwicklungszyklen eher in Jahrzehnten denn in Jahren rechnen muss. Dafür gibt es neben den offensichtlichen Gründen der Vorsicht im Umgang mit dem Geld anderer Leute ganz besonders auch die gesetzlichen Anforderungen zu beachten, die einen schnellen Wechsel von beispielsweise SEPA zu Bitcoin für Banken einfach unmöglich machen. Bitcoin kann in diesem Licht betrachtet also zumindest in unserem Teil der Welt nicht wesentlich schneller wachsen als die FinTech-Branche in ihrer Gesamtheit in der Lage sein wird, den Banken Marktanteile streitig zu machen. Reden wir noch einmal in dreizehn Jahren darüber, wenn Bitcoin SEPA abgelöst hat.

Möglicherweise kann Bitcoin aber in anderen Teilen der Welt, wo heute keine etablierte, breite Finanzinfrastruktur existiert, die ganz alltäglichen Probleme der Menschen lösen helfen und somit in diesen Ländern ein rasantes Wachstum zeigen. Ich denke da an all die Länder, in denen breite Bevölkerungsschichten zur sogenannten „unbanked population“ gehören. In Indien beispielsweise gibt es immer wieder Initiativen der Regierung, mehr Menschen zu Bankkonten zu verhelfen. Dabei werden dann meist ein paar Millionen Konten eingerichtet, von hunderten Millionen, die fehlen. Bankfilialen aber flächendeckend auch in strukturschwachen Regionen aufzubauen, ist weder wirtschaftlich sinnvoll noch mit den Mitteln des Staates überhaupt umsetzbar. Hier könnte eine Bitcoin-basierte Infrastruktur, die auf den vorhandenen Mobilfunknetzen aufsetzt, vielleicht eine schnelle und kosteneffiziente Lösung darstellen. Wer weiß, vielleicht sehen wir in diesem Zuge schon in den nächsten drei Jahren das Entstehen einer Art Silicon Wallstreet in Bangalore?

Für Ethereum kann ich im Moment keine ernstzunehmende Vorhersage für die nächsten drei Jahre machen. Dazu ist das Projekt einfach zu jung. Der jetzige Hype kann Ethereum eine Weile tragen, so dass es noch eine Reihe von Gelegenheiten geben wird, das Projekt in die eine oder andere Richtung zu steuern. Auch das Entwicklerteam ist noch stark auf Vitalik Buterin konzentriert, so dass man vorerst keine Grabenkämpfe im Inneren zu befürchten hat, die Anpassungen an geänderte Anforderungen von außen verhindern oder erschweren würden. Insofern kann ich nur sagen „alles ist möglich“. Bleibt es aber dabei, dass Ethereum einfach nur „die Blockchain mit der Turing-Vollständigkeit und dem Treibstoff“ bleiben will, dürfte daraus eine Softwarefirma werden, die Entwicklungswerkzeuge für Blockchain-Anwendungen herstellt.

Bild: Strong as a Bull (CC BY 2.0)