Bitcoin-Presseschau

Bitcoin-Presseschau #89

Wie bereits in der letzten Presseschau angekündigt, gibt es neuerdings immer mal wieder Ausgaben mit eigenem Schwerpunkt. Dieses Mal liegt dieser auf Branchen und Hintergründen. Denn in den letzten Wochen haben sich bei mir ganz unterschiedliche Veröffentlichungen angesammelt, die eindrucksvoll die Breite zeigen, in der das Thema Bitcoin/Blockchain mittlerweile wahrgenommen wird.

Diese Presseschau schlägt daher einen Bogen von Wahlen über Energie, Finanzen, Politik bis zu Gesundheit und gibt Einblicke in den jeweiligen aktuellen Stand der Entwicklungen.

Wie realistisch sind wahlen über die Blockchain?

Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlamentes hat ein Paper veröffentlicht, das den Einsatz von Blockchain-Technologie bei Wahlen bewertet. Fazit: Ja, die Technologie hat Potential, allerdings sind Wahlen auf Nationalstaatsebene und höher auch keine Kleinigkeit und neben der technischen Basis gibt es sehr viele weitere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen. Bspw. Zugänglichkeit, Anonymität/Pseudonymität, Vertrauen der Menschen in die Technologie etc. Allerdings sagt ja auch keiner, dass man gleich ganz oben einsteigen muss. Abstimmungen in allen möglichen Formaten gibt es im Alltag ja viele (Castingshows, Vereine, Awards etc.) und Projekte, die daran arbeiten, solche über Blockchain-Technologie zu ermöglichen, auch.

Die Faszination des Energiemarkts für die Blockchain

Auch die Energiebranche ist seit geraumer sehr interessiert an der Blockchain-Technologie. Denn wer zuerst kommt, setzt die Standards. Das Anwendungsfeld ist jedenfalls groß und reicht von dezentralen Energienetzen über das Banking von Ökostrom-Zertifikaten bis zu Virtual Power Plants.  Oder um es anders zu sagen: How the blockchain will disrupt energy markets.

Die unsichtbare Politik von Bitcoin

Das hier ist ohne Zweifel einer der spannendsten und wichtigsten Aufsätze, die man gelesen haben sollte, wenn man Bitcoin verstehen will: The invisible politics of Bitcoin: governance crisis of a decentralised infrastructure.

Denn im Gegensatz zu hunderten wissenschaftlicher Fachartikel zuvor, ist Bitcoin hier primär weder ein ökonomisches, noch ein technisches Thema. Vielmehr geht es um die politische und organisatorische Struktur, die Bitcoin und seiner Community zu Grunde liegt. Und die Probleme, die sie mit sich bringt. Insbesondere, wenn man sie schlichtweg ignoriert, weil man ja gerade nicht-politisch sein will. Aber: „It does not take much of a stretch to realise that this desire to remain a-political constitutes a political dimension in and of itself“

Insofern ist dieser Artikel ein enorm wichtiger Beitrag, denn er beschreibt und verdeutlicht am Beispiel der seit Jahren ungelösten Blocksize-Debatte erstmals die strukturellen Zusammenhänge zwischen den beiden Ebenen „Netzwerk“ (Governance by infrastructure) und „Architekten“ (Governance of infrastructure) und dem aktuellen politischen Konstrukt einer wenig demokratischen Technokratie:

„The recent crisis experienced by the Bitcoin community revealed the limits of consensus formation between individuals driven by sometimes diverging political and commercial interests, and underlined the discrepancies between the overall goals of the project (a self-regulating decentralised virtual currency and payment system) and the excessively centralised and technocratic elites who are in charge of the project.“

Ich empfehle sehr, diesen Aufsatz zu lesen und zwar ganz. Denn er ist gut geschrieben und wird zum Ende hin immer spannender (und ich vergebe das Prädikat „spannend“ bei wissenschaftlichen Artikeln nur sehr selten). Wer jedenfalls nur das Abstract und die Conclusion liest, verpasst eine ganze Menge.

Die Gesundheitsbranche und ihr Blockchain-Hype

Die Distributed Health, eine Blockchain-Konferenz für die Gesundheitsbranche, ist gerade zu Ende gegangen, da veröffentlicht Tierion seine Ergebnisse z. B. im Hinblick auf das sichere Verwalten und Organisieren von Patientendaten. Dafür hat das Unternehmen im Blockchain Lab von Philips ein Jahr lang  das Potential und die Risiken der Technologie für die Gesundheitsbranche untersucht. Die Resultate sind erstaunlich unterhaltsam, weil ehrlich: „Betting on technology before it’s ready is a fast way to lose your job.“ oder „Tokenized platforms such as Ethereum have an incentive to hype the technology to increase the value of the token.“ und „Blockchain in healthcare is rapidly ascending to the ‚Peak of Inflated Expectations’”.

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Nichtsdestotrotz ist das Gesamtfazit optimistisch: „Blockchain presents more pitfalls than promises at this early stage. We’re optimistic about the impact of blockchain in the years to come, but sober about the reality of what is possible today.“

Die Finanzbranche und die Blockchain

Zu guter Letzt hier noch der Hinweis auf eine sehr umfangreiche und tiefgehende Analyse der Credit Suisse zu „Blockchain“. Interessant sind dabei u.a. die 13 (durchaus streitbaren) „Barrieren, die Bitcoin von der Mainstream Adoption trennen“:

  1. Transaction confirmation is slow
  2. Costs are hidden, not removed
  3. Failure points remain
  4. High-profile legal problems
  5. Extreme volatility
  6. Adoption
  7. Scalability
  8. Internal conflict and inertia (s.o.)
  9. Reduced decentralisation
  10. Regulation
  11. Irrecoverability
  12. Irreversibility
  13. Unguaranteed security

Aber auch der Rest ist lesenswert, weil auf 135 Seiten quasi alles gebündelt wurde, was die Finanzbranche bisher zum Thema Bitcoin/Blockchain erarbeitet hat: Informationen, Hintergründe, Aussichten und sinnvolle Grafiken wie diese:

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Titelbild: “Zeitungsausträger” Flickr-User barmala (CC BY 2.0)