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Bitkom veröffentlicht wirren Blockchain-Leitfaden

Ich hatte mich tatsächlich ein bisschen gefreut, als der Bitkom am Freitag seinen Blockchain-Leitfaden veröffentlichte.

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Nicht, weil ich den tatsächlich am Wochenende hätte lesen wollen, sondern vielmehr, weil ein fundiert recherchierter und gut geschriebener Leitfaden zur Bitcoin-/Blockchain-Thematik im deutschsprachigen Raum bislang fehlt. Von wem sollte der aber auch kommen, wenn nicht vom großen Branchenverband selbst?

Große Erwartung, herbe Enttäuschung

Nun habe ich ihn gelesen. Doch leider war das alles andere als eine Freude. Denn anstatt zu klären, einzuordnen und Orientierung zu geben, verwirrt dieser Leitfaden durch leserferne Sprache, Flucht in abstrakte Formulierungen, peinliche Fehler und selbstverschuldete Widersprüche. Es mag hart klingen, aber mit dieser unausgegorenen Veröffentlichungen haben der Bitkom und die beteiligten Partner weder uns noch sich selbst einen Gefallen getan.

Dabei geht es eigentlich ganz durchdacht los. Durch eine Abgrenzung von „Bitcoin“, „Kryptowährungen“, „Blockchain-Technologie“ und „Distributed Ledger-Technologie“ soll zunächst Klarheit über die zu behandelten Begrifflichkeiten geschaffen werden. Doch weder gelingt das so richtig präzise und trennscharf, noch ohne Fehler. So werden zum Beispiel Litecoin und Dogecoin als Kryptowährungen dargestellt, die ebenfalls auf der Bitcoin-Blockchain laufen. Wohingegen Ethereum und Ripple eigene Blockchains hätten. Man könnte hier ein Auge zudrücken und sagen, dass das nur missverständlich ausgedrückt ist, wenn es denn der einzige Fehler wäre. Ist es nur eben nicht.

Unbegründete Behauptungen, schlechte Quellen, heiße Luft

Auch beim Thema Mining gibt es recht wilde Behauptungen. So steht auf Seite 26:

„Neben dem in Kapitel 3 beschriebenen Ökosystem sind bei Bitcoin vor allem die Miner hervorzuheben. Das größte Blockchain Netzwerk des Planeten verbraucht in etwa halb so viel Energie wie Irland. (Anm.: Woher weiß man das? Quellenangabe fehlt) Die Anzahl der Miner, die den Großteil dieses Energieverbrauches repräsentieren, ist nicht genau bekannt. (Anm.: Wie kommt man dann auf den Energieverbrauch-Irland-Vergleich?) Der größte Teil der Blöcke wird von Mining-Pools verarbeitet, über die selten bekannt ist, wie viele Nodes und Eigentümer letztendlich dahinterstehen. (Anm.: Was haben Nodes in einem Mining-Pool verloren? Es gibt einen Unterschied zwischen Nodes und Minern.) Die Mining-Pools sind derzeit überwiegend in China zu finden. Dort hat die Kryptowährung nach einem ersten Verbot wieder an Beliebtheit gewonnen, bietet sie doch Anonymität. (Anm.: Ernsthaft? Ende 2016 behauptet der große Branchenverband der Digitalwirtschaft noch immer Bitcoin sei anonym? Das ist echt hart, denn es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Bitcoin, wenn dann, pseudonym ist. Um echte Anonymität buhlen derzeit eher die Kryptowährungen Monero und ZCash)

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Leider ist dieser Absatz nur ein Beispiel für viele weitere Ungenauigkeiten. So wird bspw. auch der Begriff „Miner“ im ganzen Leitfaden nicht eindeutig beschrieben und es bleibt an vielen Stellen Interpretationssache, ob gerade über das technische Gerät im Netzwerk gesprochen wird oder über dessen Besitzer.

Warum konkret, wenn es auch abstrakt geht?

Gerade solche Feinheiten lassen jedoch erkennen, ob man einen Text vor sich hat, der jederzeit weiß, wovon er spricht oder der versucht seine Unwissenheit mit möglichst vielen, möglichst vagen Abstraktionen zu überspielen. Beispiel:

„Das Projekt erfreut sich seit seinem offiziellen Start im Februar 2016 regen Zuspruchs aus allen Bereichen der Blockchain-Wertschöpfungskette. Das stattliche Lineup der beitragenden Unternehmen und Organisationen wird in der kommenden Zeit einen signifikanten Beitrag zur Weiterentwicklung der Distributed Ledger-Technologie leisten.“ (Ich löse hier nicht auf, worum es hier geht.)

Bemerkenswert schwammig ist auch:

„Determinierend für die Weiterentwicklung wird sein, inwieweit das Innovationsgeschehen bei Cloud- Rechnerleistungs- und Speicherkapazitäten die erforderlichen technischen Rahmenbedingungen bereitstellt, um den größtmöglichen Nutzen aus der DLT zu realisieren.“

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Klingt gut, sagt aber gar nichts. Und wenn es nichts zu sagen gibt, dann sollte man es auch lassen. Wobei es schon bemerkenswert ist, dass immer dann, wenn es in dem Leitfaden doch konkret wird (eher die zweite Hälfte), es nicht um „Blockchain“, sondern um Bitcoin geht. Nur so als Randnotiz.

Ansonsten geht es, natürlich, auch noch um „private Blockchains“. Aber auch hier leider ohne die richtigen und notwendigen Fragen zu stellen, die zwangsläufig zu dem Schluss führen, dass „private Blockchains“ a) nicht funktionieren oder b) einfach keine Blockchains sind, sondern im besten Fall anderweitige auf Kryptographie beruhende Effizienzmaßnahmen. Private Anwendungen auf Basis einer echten Blockchain sind dabei ein ganz anderes Thema, tauchen aber leider in diesem Leitfaden nicht auf. Schade.

Dafür ist auch die DAO Thema, wird aber fälschlicherweise als erste dezentrale autonome Organisation überhaupt dargestellt. War sie aber nicht – lediglich die bislang bekannteste. Aber da kann man schon fast drüber hinweg sehen, im Vergleich zu dem, was noch kommt. Denn ganz schlimm wird es noch einmal im Kapitel „Verantwortlichkeit“:

„Zivilrechtlich stellt sich die Frage nach der Verantwortlichkeit des Miners für die Prüfung der einzelnen Transaktionen bzw. für den Proof of Work, insbesondere wenn sich im Laufe der Zeit herausstellt, dass die Transaktion doch nicht hätte validiert werden dürfen, weil z.B. der Rechner des Miners ein Double Spending übersehen hat.“

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Das ist … das ist … so schlimm. Das tut beim Lesen schon weh, wenn jemand das Prinzip „Blockchain“ und den zugrunde liegenden Konsens-Mechanismus so gar nicht verstanden zu haben scheint.

Die goldene Nadel im Misthaufen

Aber wie so oft. Trotz gravierender Mängel gibt es auch in diesem Leitfaden einige Lichtblicke. Die recht detaillierte Einordnung von Bitcoin und anderen Kryptowährungen im Hinblick auf die deutsche Finanzmarktregulierung ist durchaus eine solide und hilfreiche Zusammenfassung, die dem Wort „Leitfaden“ gerecht wird.

Fazit: Bitte dringend überarbeiten!

Nichtsdestotrotz kann das aber nicht über die vielen Schwächen hinwegdeuten. Dass diese insbesondere in den Grundlagen liegen, ist besonders fatal. Denn damit sind auch die daraus resultierenden Schlussfolgerungen hinfällig. Davon gibt es aber ohnehin nicht sehr viele. Es handelt sich mehr um eine Zusammenfassung des aktuellen Hätte-Könnte-Wäre-Hypes um den Begriff „Blockchain“, in dem der Begriff generell viel zu oft falsch oder missverständlich benutzt wird.

Letztlich bleibt für diesen Leitfaden nur eine baldige, gründliche Überarbeitung. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Kommen dann aber noch ein paar richtig gut durchdachte Ideen und etwas mehr thematische Weitsicht hinzu, könnte es vielleicht doch noch der hilfreiche Leitfaden werden, an dem es hierzulande vorerst aber leider weiterhin fehlt.


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Kommentare

4 Antworten zu „Bitkom veröffentlicht wirren Blockchain-Leitfaden“

  1. Stefan

    Hmm, ich werde das Ding mal lesen. Vielen Dank für die Arbeit! Glaubst du ein deutschsprachiger Bitcoin/Blockchain Leitfaden hätte überhaupt einen Nutzen?

    1. Friedemann Brenneis

      Klar hätte der den. Allerdings müsste der mit einer kritischen Einordnung und auch Würdigung von Bitcoin beginnen. Man kann nicht „Blockchain“ erklären ohne auf die Bedeutung von Bitcoin einzugehen. Und dann müsste man den „Blockchain“-Hype kritisch hinterfragen.

  2. Vielen Dank für diesen Artikel, ich war fassungslos ob dieses Machwerks. Mir sind noch nicht mal die erwähnten Fehler aufgefallen, dafür aber einige schlimme technische Fehler, die in so einer Publikation niemals passieren dürften:

    Zu Ethereum und Smart Contracts:
    „…Kompilierte Smart Contracts sind JavaScript Dateien, die mittels des web3-APIs mit der Ethereum-Blockchain interagieren…“, das ist totaler Blödsinn, natürlich sind kompilierte Smart Contracts keine JS-Dateien(!!) sondern EVM-Bytecode und die JS-Implementierung der web3-API erlaubt es, mit diesen zu kommunizieren.

    „…wenn der Contract in JavaScript kompiliert wurde, dann kann er über einen lokalen Node (Node
    im Zugriff des Smart Contract Entwicklers) auf die Ethereum Blockchain übertragen werden…“. Das ist natürlich auch Quatsch, es wird nicht „…in JS kompiliert…“ (das ist in sich schon eine blödsinnige Idee) und der Zugriff auf einen lokalen Node spielt auch gar keine Rolle, es muss möglich sein, den kompilierten Contract (den Bytecode) als Transaktion in das Netzwerk zu schicken und dazu ist Ether bzw. Gas notwendig, das ist alles, völlig egal, welcher Node dazu benutzt wird.

    „Solidity unterstützt gängige Konzepte der Softwareentwicklung, so werden z. B. automatisierte
    Tests unterstützt.“ – was hat Solidity damit zu tun? Das ist die (eine) Sprache, die in EVM-Bytecode übersetzt werden kann – übrigens auch nicht in „Syntax und Semantik“ ähnlich zu JS, sondern statisch streng typisiert – mehr nicht. Solidity unterstützt diese Konzepte nicht, die Hersteller der Tools wie truffle tun es.

    Das waren nur die richtig offensichtlichen Fehler. Es wäre fair, den Bitkom durch einen Link auf die Seite darauf hinzuweisen.

    1. Friedemann Brenneis

      Danke für die Ergänzungen! Das wiederum sind Fehler, die mir mangels technischem Fachwissen gar nicht aufgefallen sind. Aber das macht es umso schlimmer, dass hier scheinbar auf allen Ebenen so viel falsch dargestellt wird.
      Der Bitkom weiß übrigens über den Artikel bescheid, wenn sie Ihren Twitter-Account neuerdings nicht ignorieren. Es kann aber auch sein, dass die das intern jetzt erst einmal prüfen (sollten sie zumindest), aber wenn sich da nichts tut, hake ich noch einmal nach wegen einer Stellungnahme etc.

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