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Warum nur Bitcoin?

Catherine Martin Christopher von der Texas Tech University School of Law hat ein 10-seitiges Paper verfast, dass den wie ich finde sehr realitätsnahen Titel Why On Earth Do People Use Bitcoin? trägt. Darin schildert sie die ihrer Erfahrung und Meinung nach vier Gründe, warum Menschen überhaupt Bitcoin benutzen. Das sind:

  • Spekulation/Investition
  • Vertrauen in Algorithmen
  • die Möglichkeiten Bitcoin auszugeben und
  • Geldwäsche

Man kann sich durchaus streiten, ob genau das die vier Hauptgründe sind, aber lesenswert ist das Paper trotzdem. Nicht nur weil es diese absolut grundsätzliche Frage behandelt, es enthält auch viele nützliche Quellen, falls man mal eine eigene Recherche plant. Vor allem aber ist es für einen wissenschaftlichen Artikel erfreulich kurzweilig geschrieben.

Bitcoin an die Universitäten

Ich hab hier im Blog ja immer mal wieder auf Bitcoin-Initiativen an Universitäten hingewiesen – zum Beispiel trybtc.com der Stanford Bitcoin Group.

Das College Cryptocurrency Network (CCN) hingegen nimmt sich der Sache in einem noch größeren Maßstab an. Die Nonprofit-Organisation will Kryptowährungen weltweit an noch mehr Universitäten bringen und die Gründung von weiteren Uni-Bitcoin-Clubs vor allem fachlich unterstützen. 2015 soll es außerdem eine gemeinsame Konferenz geben. Im CCN vertreten sind bisher Unis in den USA, aber auch die Warsaw School of Economics.

Ich finde die Idee grundsätzlich gut, allerdings ist mir die Seite des CCN noch ein bisschen zu oberflächlich. Außer dem, was ich hier in wenigen Zeilen zusammengefasst habe, ist dort bisher nicht viel zu finden. Das ganze Auftreten erinnert mich daher ein bisschen an die Infoseiten der vielen Altcoins, die das nächste große Ding!™ versprechen, außer einer fancy Aufmachung am Ende aber nicht viel zu bieten haben. Aber ich will hier nicht vorverurteilen. Nach eigenen Angaben arbeitet das CCN tatächlich derzeit genau daran und braucht nur noch ein bisschen Zeit.

Bis dahin würde ich aber noch davon abraten den dortigen Donate!-Button allzu intensiv zu benutzen. Die Idee ist zwar gut, aber ein bisschen mehr müssen sie eben erst einmal noch liefern.

Passend zum Thema auch diese Nachricht von gestern:

Master of Kryptowährung

Im Januar kündigte die Universität von Nikosia an, dass Studiengebühren ab sofort auch in Bitcoin beglichen werden können. Nebenbei erklärte die Uni zusätzlich noch die Einführung des Master of Science-Studiengangs Digital Currencies.

Um das ganze nun ein bisschen mehr zu promoten, ist die Einführung in das Thema als Massive Open Online Course angelegt, an dem jeder kostenlos über das Netz teilnehmen kann.

Snippet von der Website:

„Students who successfully complete the course and who are interested in pursuing the full MSc program will be able to receive credit if they successfully pass their assessment.

The MOOC will cover both a technical overview of decentralized digital currencies like Bitcoin as well as attempt to put them in a broader economic, legal and financial context.“

Detaillierte Übersichten über die Inhalte gibt es hier, eine Übersicht über den Themenfahrplan inkl. Literaturliste hier (u.a. das Bitcoin-Whitepaper). Die einzelnen Themenblöcke finde ich aber tatsächlich richtig spannend. Vom Problem der byzantinischen Generäle über Ethereum bis hin zu M-Pesa. Da kann man eventuell noch mal richtig solides Grundlagenwissen mitnehmen. Kann gut sein, dass ich da einfach mal mitmache.

Check! Ich bin dabei. Wer noch? Dann könnten wir nämlich ’ne Online-Fahrgemeinschaft aufmachen.

Milton Friedman & Bitcoin

Milton Friedman gilt ohne Frage als einer der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler des vergangenen Jahrunderts und war bis zu seinem Tod 2006 ein großer Verfechter des Liberalismus. Weniger Staat, mehr freier Markt, so kann man seine Devise zusammenfassen.

Wir kennen dieses Credo hierzulande von einer liberalen Partei, die nicht zu Unrecht aus dem Bundestag gewählt wurde, weil sie im Zuge permanenter Überbeanspruchung des Freiheitsbegriffs das Gefühl dafür verloren hat, wo Freiheit in Verantwortungslosigkeit übergeht. Auch Friedman ist immer wieder kritisiert worden, weil der radikal freie Markt in der Praxis eben doch nicht so richtig gut funktioniert wie in der Theorie.

Wer die Zeit hat sollte sich mal den Wikipedia-Artikel zu den Chicago Boys durchlesen, die von Friedman inspiriert vor allem in Chile wirkten und das Land als Prototypen für ihre Deregulierungs- und Privatisierungsexzesse nutzten. Heute ist Chile zwar eines der am weitesten entwickelten Länder Lateinamerikas, aber das vor allem auf Kosten sozialer Gerechtigkeit, wie jahrelange Studentenproteste gegen zu hohe Studiengebühren exemplarisch zeigten.

Das wirklich Spannende ist nun aber, dass Friedman Bitcoin als logische Konsequenz des Internets vorhergesagt hat und zwar – was die positiven wie negativen Eigenschaften angeht – sehr detailliert.

Kennen konnte Friedman Bitcoin in der Form nicht nicht, er starb zwei Jahre bevor Satoshi Nakamoto sein Whitepaper veröffentlichte, allerdings gab es auch schon zu Friedmans Lebzeiten diverse E-Money-Ansätze.

CoinDesk hat ebenfalls einen aufschlussreichen Artikel zu Friedmans Bitcoin-Prognose veröffentlicht, der mir in der Summe aber ein klein bisschen zu Pro-Bitcoin ausfällt, denn letztlich muss man sich ja schon die Frage stellen, inwieweit unregulierte Kryptowährungen zwar in der Theorie ganz gut funktionieren, ob es nicht doch aber Aspekte gibt – Stichwort soziale Verantwortung – die gesamtgesellschaftlich besser funktionieren, wenn sie koordiniert werden.

How Economist Milton Friedman Predicted Bitcoin – CoinDesk

Bildnachweis: „Milton Friedman“ von Flickr-User ellenm1 (CC BY 2.0)

Die soziologischen Aspekte von Bitcoin

Henrik Karlstrøm arbeitet an der Norwegian University of Science and Technology und beschäftigt sich dort u.a. mit soziologischen Aspekten von Märkten. Das wäre erst einmal nicht so spannend, hätte er nicht vor Kurzem für die dänische Zeitschrift Distinktion: Scandinavian Journal of Social Theory einen sehr interessanten wissenschaftlichen Artikel zum Thema Bitcoin geschrieben.

Wer sich vom Titel Do libertarians dream of electric coins? The material embeddedness of Bitcoin nicht abschrecken lässt, wird mit einem detailliert recherchierten Beitrag belohnt, der auf 16 Seiten sowohl eine gute Bitcoin-Einführung (für Laien auf wissenschaftlichem Niveau) bietet, als auch diverse Hintergrundgeschichten über die Puzzleteile, die zur Entstehung von Bitcoin beigetragen haben. Zum Beispiel die Cypherpunk-Bewegung und die ersten Kryptowährungs-Ansätze wie Bit gold oder B-money aus den 1990ern, die als direkte, wenn auch nicht funktionsfähige Vorgänger von Bitcoin gelten.

Eindrucksvoll ist auch die nüchtern objektiv-kritische Diskussion zur Bedeutung und Zukunftsfähigkeit des Bitcoin, bei der sowohl Bitcoin-Gegner als auch -Befürworter reichhaltige Argumentationsgrundlagen finden. Von der grundsätzlichen Ähnlichkeit des Internets mit Bitcoin:

„It should be noted that Bitcoin relies on the same architecture as the internet itself. The complex chain of technology that has to be in place before even the first Bitcoin transaction can be made is notable: the manufacture of computers, fiber-optic cables and all the other kinds of physically grounded machinery that underlies the wrongly assumed-to-be non-physical internet.“

Bis hin zu der Problematik, dass in Krisensituationen wie bspw. der unbeabsichtigten Spaltung der Bitcoin-Blockchain im März 2013 eine zentrale Entscheidungsinstitution im Gegensatz zum dezentralen peer-to-peer-Netz schneller und effizienter Entscheidungen zur Lösung der Krise treffen könnte:

„The sudden existence of a “fork” in the blockchain required a lot of work by bitcoin miners and the back-end developers of the software, both to fix the solution technically, but also to agree on which of the split blockchains to resume running the transaction verification on.“

Dass es mittlerweile auch soziologische Artikel zum Thema Bitcoin gibt, zeigt, dass der kulturelle Einfluss, den Kryptowährungen auf unsere Gesellschaft haben, nicht mehr zu bestreiten ist. Wer sich ein bisschen intensiver mit dem Thema Bitcoin auseinandersetzen möchte, sollte diesen Artikel unbedingt lesen.

Do libertarians dream of electric coins? The material embeddedness of Bitcoin – Distinktion: Scandinavian Journal of Social Theory
Do libertarians dream of electric coins? The material embeddedness of Bitcoin – Henrik Karlstrøm
I wrote an academic paper on Bitcoin for a sociology journal
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