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„In Code We Trust“

Als ich mich neulich mit einem befreundeten Literaturjournalisten unterhielt und ihm erzählte, was Bitcoin ist und warum es mich fasziniert, sagte er mir, dass er vor einer Weile mal einen Roman über ein ähnliches Thema gelesen hätte. Von einem Autoren, den hierzulande niemand so richtig kennt: Tobias Hill – The Cryptographer.

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Die Geschichte des Buches dreht sich um John Law, den mysteriösen „Kryptographen“ und das Buch-Cover passt mal so gar nicht.

„John Law is the man who made the first great electric currency. He did it alone, they say, in room nine of the London Savoy. He invented a perfect code, and from the code he made a money that would come to be used by billions of people. He called it Soft Gold. […] There is nothing to the new money except the code, and the code can’t be broken.“

Für die Handlung des Buches konnte ich mich im Allgemeinen wenig begeistern (vielleicht ist Tobias Hill deswegen auch nicht so bekannt), was mich jedoch ungemein faszinierte, war das umfassende retrofuturistische Gesellschaftsszenario, das Tobias Hill auf Basis der Idee einer weltweit etablierten Kryptowährung geschaffen hat. Denn – und das ist das entscheidende Detail – Hill hat den Roman bereits 2003 veröffentlichte, also lange bevor es Bitcoin überhaupt gab. Die Geschichte wiederum spielt im damals noch künftigen Jahr 2012. The Cryptographer heute zu lesen ist also ein permanenter Vergleich zwischen unserer realen (Bitcoin-)Situation und einer fiktiven, wobei das zentrale Betrachtungsobjekt – die revolutionäre Kryptowährung – sich in beiden Varianten an bestimmten stellen gleicht oder unterscheidet:

„Q. Who controls Soft Gold?
A. No one does. The Soft Gold Code creates it’s own currency without human interface, and monitors supply and demand for this as part of an internal programme. Each unit of money it creates is a fragment of the code that represents a single fixed denomination. Each time the money passes through a gate system, its code signature is updated according to the latest logarithms. Units of Soft Gold are electronically shrink-wrapped and tamper-proof.

Q. Who owns Soft Gold?
A. The Soft Gold currency is owned by anyone who whishes to use it.“

Allerdings gibt es eine Firma, die hinter Soft Gold steht und die den Code pflegt. Der Erfinder von Soft Gold, John Law, hat sich nämlich nicht wie Satoshi Nakamoto geschickt und zum richtigen Zeitpunkt aus der Öffentichkeit zurückgezogen, sondern ist zum „world’s first quadrillionaire“ aufgestiegen. Und welch vielfältigen Probleme das mit sich bringt, zeigt The Cryptographer eindrücklich. Steuerfahndung, Stalker, Hacker, Gier, Neid, Intransparenz – kurz:

haters hate

Auch wenn die Protagonisten und die Handlung in The Cryptographer nicht so mein Ding waren, gelohnt hat sich die Lektüre alle Mal. Nicht nur, weil sie zeigt, welche Größe Satoshi Nakamotos Rückzug in die Anonymität zeigt, sondern auch weil Tobias Hill durchaus viele, kluge Gedanken in seine Geschichte hat einfließen lassen.

„But people trust it because of the code, which can never be broken. In Code We Trust. You have to trust, of course, she thinks. Because you need money. You need it even if you hate it. And in money, trust is everything.“

Bleibt natürlich die abschließende, für mich brennendste Frage. Hat Satoshi Nakamoto möglicherweise dieses Buch gelesen bevor er Bitcoin veröffentlichte?

Falls ihr eine ausführlichere literarische Kritik des Buches sucht, schaut am besten beim Guardian vorbei.

Ein Gedanke zu „„In Code We Trust““

  1. Hallo!

    Ich bin erst nach über einem Jahr auf ihren Artikel/Kommentar zum Buch gestoßen (also heute = 2014-12-05).

    In Bezug auf Nakamoto kann es sein, dass er das Buch gelesen hat. Viele Sachen brauchen aber eine (lange) Vorlaufzeit und ich meine er schreibt in seinen ,Papers‘, dass bereit in den 1990er Jahren Gedanken zum Kryptogeld veröffentlicht wurden.

    Auch der Fall, dass manche Erfindungen zur fast gleichen Zeit gemacht werden/wurden ist in der Geschichte interessant. War es nicht ähnlich so bei Leibnitz und Newton mit der Infinitesimal-Rechnung – oder wie datt Dingens hieß? Habe das nur beiläufig gehört, bin kein Mathematiker.

    Ganz lustig ist die Sache – auf die muss ich immer wieder zurück kommen – in meinem Bekanntenkreis. Keiner will Bitcoins, auch wenn ihnen einen Euro (umgerechnet) verspreche, keinen interessiert es! Und ich habe mir meine zwei Stück im Juli 2012 gekauft… Leider nur zwei für zusammen 14,50 €.

    Bitcoin ist für mich so selbstverständlich wie normales Geld. Bloß die Sache mit den hochkomplizierten Passwörtern, die nervt mich. Mein Guthaben – war nicht viel – bei Bitcoin.DE, hätte ich beinahe nicht wieder bekommen. Waren nur 60 Euro, von denen habe ich die Hälfte jetzt als Minispenden verbraten.

    Nun aber Schluss und allen einen schönen 2. Advent!

    Gerd Taddicken

    +++

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