Archiv der Kategorie: Medien & Kritik

Geld und die Welt – Drei Podcast-Hörtipps

Ich war diesen Sommer sehr viel draußen und habe beim Fahren um den See immer wieder die Gelegenheit genutzt, interessante Podcasts zu hören.

Drei dieser Podcast-Sendungen sind mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben und ich empfehle sie an dieser Stelle. Alle drei haben nur indirekt etwas mit Bitcoin zu tun, sind aber dennoch sehr aufschlussreich als Bitcoin-Kontext. Denn sie erzählen Geschichten über Geld im Allgemeinen und wie es unsere Gesellschaft und das Denken und Handeln der Menschen beeinflusst.

Wer also verstehen will, warum sich Menschen für Bitcoin interessieren, der findet hier interessante Denkanstöße.

Philosophie der Superreichen: „Die erste Million ist die schwerste“Deutschlandfunk Kultur

Sehr interessantes Feature über das Reichsein und Reichwerden,  warum es alle anstreben und wie es die Gesellschaft verändert. Interessant fand ich nicht nur die Ausführungen, wie die amerikanische Regierung aktuell quasi nur von Superreichen besetzt ist, die keinerlei bis kaum politische Qualifikation haben, sondern auch den gesellschaftlich brisanten Aspekt, dass sich die Reichen (über die wir ganz wenig wissen) immer mehr von der Mittelschicht und „den Armen“ (die wegen ihrer Abhängigkeit statistisch sehr gut erfasst sind und daher leichter den Schwarzen Peter bekommen) entkoppeln. Mit dem Effekt, dass das Ziel, ebenfalls schnell reich zu werden, in der Mittelschicht zunehmend als einzige echte Chance gesehen wird, einen Abstieg in die Unterschicht zu vermeiden.

Dazu passt ganz aktuell das Ergebnis einer Studie, der zufolge sich die selbst Mitarbeiter von Apple (und anderen Tech-Konzernen rund um das Silicon Valley) sich keine Familie leisten können.

Altersvorsorge. Trübe Aussichten für Millennials?Deutschlandfunk Kultur

In diesem Feature geht ein Anfang-30-jähriger mit Familie der Frage nach, wie sicher denn seine Rente sei und was er tun könne, um sich und seine Lieben vor Altersarmut zu schützen. Die Frage ist hochinteressant, denn sie betrifft nahezu alle jüngeren Menschen, die sich nicht der Illusion hingeben, später im Alter finanziell noch große Sprünge machen zu können. Im Gegenteil: Die lieber darauf verzichten, vorzusorgen, weil sie ja auch jetzt leben wollen bzw. müssen. Ein Happy End hat die hier erzählte Geschichte nämlich nicht wirklich. Selbst wenn der Autor jetzt seinen kompletten finanziellen Spielraum in die Altersvorsorge stecken würde und damit auf sämtliche Freizeitaktivitäten mit Kind, Urlaub und Auto verzichtete, bekäme er im Alter auch nicht viel mehr.

In diesem Zusammenhang kann man das Ergebnis dieser repräsentativen Studie der Postbank aus dem Frühsommer natürlich in einem ganz anderen Licht sehen, der zufolge nicht nur vor allem die jungen Leute „den Schritt zum Investment in Kryptowährungen wagen“, sondern sich sogar insgesamt knapp jeder Zweite für Kryptowährungen als Geldanlage interessiert. Weit mehr als in jeder anderen Altersgruppe.

Georg Simmel – Die Philosophie des Geldes – BR2

Diese Sendung ist von allen dreien die hintergründigste. Macht sie aber nicht weniger hörenswert als die anderen beiden. Denn die Schnittmenge Philosophie und Geld wird viel zu selten betrachtet. Aus der Sendungsbeschreibung:

Was macht den Wert eines Menschen in den modernen Gesellschaften aus? Für Georg Simmel stand fest: seine Zahlungsfähigkeit. Er beschreibt in seiner 1900 erschienenen ‚Philosophie des Geldes‘, wie Geld zu einem Gott wurde.  

Interessant auch: Der Bayrische Rundfunk bietet viel zusätzliches Hintergrundmaterial.

„Kill Mr Bitcoin“ – Nicht der erste, aber ein guter Bitcoin-Thriller

Es ist immer spannend zu sehen, was dabei herumkommt, wenn Bitcoin in der Mainstream-Popkultur aufgegriffen wird. Als sich 2012 gleich eine ganze Folge der US-amerikanischen TV-Serie Good Wife um Bitcoin drehte (S03E13 „Bitcoin for Dummies“) war die Begeisterung in der Bitcoin-Community groß.

Damals galt die dramaturgische Aufbereitung von Bitcoin durch Hollywood für viele als Mainstream-Ritterschlag. Nicht als Geld, aber zumindest schon mal als spannende Geschichte war Bitcoin einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht worden.

Bitcoin immer wieder Thema in der Unterhaltungskultur

In den sechs Jahren seitdem wurde Bitcoin immer wieder popkulturell aufgearbeitet. In Comics, Streetart, Musik, Filmen und Kunstprojekten. Nicht immer ist der Spagat zwischen Erklären und Unterhalten überzeugend gelungen.

Insbesondere fiktionale Erzählformate, die gleichzeitig versuchten, tiefer in die komplexen technischen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge einzutauchen und diese dann mit einer spannenden und unterhaltsamen Geschichte zu verweben, scheiterten oft. Meist, weil sie sich bald in ausufernden techno-ökonomischen Erklärschleifen und ihren gesellschaftspolitischen Implikationen verloren.

bitcoin streetart
Nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was Google zu „Bitcoin street art“ liefert.

Die besten Bitcoin-Bücher sind daher bislang Sachbücher. Was nicht unbedingt schlecht sein muss, wie Digital Gold von Nathaniel Popper zeigt, das sich mindestens ebenso spannend liest wie ein fiktionaler Thriller, obwohl es ja eigentlich „nur“ die reale Geschichte von Bitcoin erzählt.

Bitcoin ist selbst ein Popcorn-Momente-Generator

Aber das Bitcoin-Universum – das wissen alle, die sich länger damit beschäftigen – sorgt ja auch von sich aus immer wieder für ausreichend Popcorn-Momente: Streit auf Crypto-Twitter, Spekulationsblasen, Shitcoin-Scammer, Exchange-Hacks, persönliche Dramen, staatliche Regulierungen, gekränkte Egos, Forks, Faketoshis – die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Doch ist nun mit Kill Mr Bitcoin ein deutscher Thriller erschienen, der die Herausforderung annimmt, das komplexe Thema Bitcoin mit einer spannenden fiktionalen Handlung zu verbinden. Und auch wenn das in Teilen sehr gut, aber nicht immer hundertprozentig gelingt, so ist es dennoch ein Buch, dass spannend genug ist, um es immer weiter lesen zu wollen.

Grund dafür ist auch die clevere Entscheidung des Autorenduos, wie auch bei der erwähnten Good Wife-Folge, als Aufhänger für die Geschichte das größte Mysterium von Bitcoin überhaupt zu nehmen: Satoshi Nakamoto.

Das Cover ist nicht nur optisch gelungen, sondern durch Prägungen auch haptisch ansprechend gestaltet.

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„… blubb, blubb, blubb, BLOCKCHAIN!!! BAHN!!! blubb, blubb, blubb …“

Dieses durchaus aufwändig gemachte „Hey,  guckt mal alle her, auch wir von der Bahn machen jetzt irgendwas mit Blockchain!!!“-Video ist ein echtes Fundstück. Bisher galten nämlich Daimler und die LBBW als die Könige des Blockchain-Bullshit-Bingos, aber das konnte die Deutsche Bahn wohl nicht auf sich sitzen lassen.

Also hat man eine hübsche Stange Geld in die Hand genommen und ein Filmchen erstellen lassen, in dem zwar sehr viel geredet, aber leider nichts gesagt wird. Außer natürlich den obilgatorischen „Yeah!-Blockchain-Technologie-Hype-Bullshit-Bingo-Geschwafel“. 

Hübsch gemacht aber ohne Aussage. Das will keiner sehen

So viel Aufwand für ein Video, das Null Inhalt hat und das dann mit knapp 800 Klicks in vier Monaten auch noch kaum jemand sehen will. (Hier bitte eigenständig einen Deutsche Bahn-Püntklichkeit-trifft-auf-Blockchain-Hype-Zug-längst-abgefahren-Witz nach Wahl einfügen.)

Die Katzifizierung der Blockchain (Hörtipp)

Ich weiß, dass der ein oder andere jetzt sagen wird, dass die CryptoKitties als Thema doch eigentlich schon längst durch sind.  Das dachte auch ich eine ganze Weile.

Doch stimmt das letztlich nur, wenn man selbst ganz tief in der Crypto-Szene mit dem entsprechenden News-Flow drin steckt, weniger außerhalb dieser Filterbubble. Dort sind non-fungible -Token-basierte Blockchain-Sammelkatzen noch immer kaum bekannt oder werden jetzt erst zu einem Thema, über das man spricht.

New Cats On The Block – Blockchain-Trend oder Ende des Hypes?

Insofern – und weil es einfach ein Thema ist, das sich unglaublich schön akustisch umsetzen lässt – habe ich für Breitband beim Deutschlandfunk Kultur einen Netzkultur-Beitrag über die CryptoKitties gemacht (Direktlink zur mp3), der die Katzifizierung der Blockchain einordnet und natürlich ganz subtil auch die Frage stellt: Ist das wirklich alles, was „Blockchain“ in den vergangenen drei Jahren Sinnvolles hervorgebracht hat?

Darauf deutet zumindest einiges hin. Wie zum Beispiel dieser Bloomberg-Artikel: Blockchain, Once Seen as a Corporate Cure-All, Suffers Slowdown.

Die reflektierte Sicht eines Crypto-Fund-Managers

Dass eine Venture-Capital-Firma einen neuen 300 Millionen Dollar schweren Crypto-Fund an den Start bringt, ist eigentlich keine Meldung, die mir hier im Blog einen eigenen Beitrag wert ist. Doch bei Andreessen Horowitz und ihrem a16z crypto fund ist das etwas anderes.

Sharing is caring – gilt bei a16z auch für Wissen

Denn es handelt sich hier um einen der renommiertesten und ziemlich treffsicheren Tech-Investor der vergangenen zehn Jahre (siehe Portfolio). Aus dem einfachen Grund, dass dort gute und clevere Leute arbeiten, die mit ihrem Wissen und analytischen Kompetenzen nicht hinter dem Berg halten, sondern beides offensiv und gerne teilen.

Immer wieder habe ich hier daher schon auf hauseigenen a16z-Content verwiesen und sorgar die Ankündigung des a16z crypto funds ist nicht einfach nur ein Pressemitteilung, sondern selbst voller interessanter und lesenswerter Links.

Am meisten beeindruckt hat mich jedoch gestern das Hören des aktuellen Unchained Podcasts, in dem Laura Shin mit Chris Dixon spricht, der eben diesen crypto fund leitet. Was Dixon darin erzählt, zeugt von einer breiten, tiefgehenden und unglaublich sachlich reflektierten Kenntnis des gesamten Bitcoin-/Krypto-/Blockchain-Phänomens. Man muss dabei nicht alles unterschreiben, was Dixon sagt, aber über seine Thesen und dann über den eigenen Kenntnisstand nachzudenken, lohnt in jedem Fall.

Ich kann diesen Podcasts daher jedem empfehlen, der einmal vollkommen undogmatisch und ohne direkte Business- & Marketing-Hintergedanken erklärt bekommen will, welches Potential tatsächlich in Plattformen wie Bitcoin und Ethereum und weiteren Bausteinen wie Non-Fungible-Token (aka CryptoKitties) oder Stablecoins steckt oder zumindest stecken könnte. Denn auch Dixon sagt, dass das alles noch krachen gehen kann, doch dass sie optimistisch sind und glauben, dass wir uns noch immer in einem ganz frühen Stadium befinden und „we put our money where our mouth is.“ Solides Statement.

Die Naivität der DAO

Auch interessant ist: Wenn man diesen Podcast gehört hat und die Intensität und analytische Tiefe versteht, mit der sich Investoren wie a16z dem Krypto-Thema widmen, wird deutlich, wie naiv eigentlich die Idee der DAO war, bei der eben solche hochqualifizierten Investoren durch blockchain-basiertes Gemeinschafts-investing einer vergleichsweise unmotivierten Crowd aus Hobby-VCs abgelöst werden sollte.

Zwei(einhalb) frische Bitcoin-Podcast-Hörtipps

Ich war die Tage in Köln um dort Angehörige der Bundeswehr in ihrem Weiterbildungsseminar Digitale Revolution und Politik einen Workshop zu Bitcoin zu geben. (In dem übrigens sowohl das Interesse als auch die Diskussionsfreude erfreulich hoch war.)

Und weil man nun zwischen Leipzig und Köln sehr viel Zeit im Zug verbringt, habe ich selbige genutzt, um endlich mal ein paar Podcasts zu Ende zu hören, die ich schon seit langem offen bzw. in der Playlist hatte.

Die beiden besten stelle ich hier kurz vor, aber weil für eine ordnungsgemäße akustisch-intellektuelle Ménage-à-trois zwei bekanntlich einer zu wenig sind, gibt es als Bonus obendrauf noch ein ganz besonderes Schmankerl!


#1 Deutschlandfunk KulturBitcoin Boom auf Island. Wem nützt die Goldgräberstimmung

Island gehört zu den wichtigsten „Schürfgebieten“ von Bitcoins. Billiger Strom aus Erneuerbaren, natürliche Kühlung der Rechenzentren und die Offenheit für neue Technologien locken internationale Krypto-Unternehmer an. Über Risiken sprechen wenige. (direkt zur mp3)

Diese Sendung ist wirklich eine rundum gelungene halbe Stunde, die sich mit Island, dem prominenten und von der Krypto-Industrie geprägten Mining-Standort, einen ganz eigenen Fokus sucht und Geschichten erzählt, die man so noch nirgends anders gehört hat. Insbesondere die, die Island immer als Positiv-Beispiel für „grünes“ Mining herangezogen, werden ihre Position hinterfragen müssen, wenn dafür immer neue Leitungen durch ein Land verlegt werden, das selbst von dem Krypto-Boom möglicherweise gar nicht so viel hat. Sehr hörenswert!


#2 UnchainedJimmy Song on Why Bitcoin Will Be the Winning Cryptocurrency – Ep.69

In an episode of strong positions, Blockchain Capital  partner and Bitcoin educator Jimmy Song explains why private blockchains will never work, why smart contracts will never work, and why Bitcoin will be the one and only valuable cryptocurrency. He also gives his definition sound money, describes why Bitcoin is sound money, and talks about how he finds new companies to invest in if he believes Bitcoin is already the winner. Plus, he recounts the story of his buzz-generating debate with ConsenSys’s Joe Lubin at the Consensus conference, which ended with a challenge to come up with a bet in Bitcoin, and what terms Jimmy would like to make the bet on. Lubin, it’s your move.

Bisher kannte ich Jimmy Song nur als technisch versierten und meinungsstarken Bitcoin-Maximalisten, der in der Lage ist, seine Sichtweise verständlich und nachvollziehbar aufzubereiten. Nach dem Hören dieses Podcasts weiß ich nun auch, warum er so eine starke Position u.a. gegen private Blockchains vertritt. Er selbst hatte selbst zwei Jahre lang den Auftrag, solch eine private Blockchain-Lösung zu entwickeln und ist dabei Stück für Stück in jedes Problem hineingeraten, das sich aus diesem letztlich widersprüchlichen Konzept ergibt. Harte, aber lehrreiche Schule also.


Bonus: MDR Sachsen AnhaltBitcoin und Blockchain

Wie eine komplizierte Technologie Banken, Versicherungen, öffentliche Register und die Wirtschaft verändern könnte.

Als ich gesehen habe, dass nicht nur der MDR (den ich wegen seines allzeit spürbaren nostalgischen Festhaltens an eigentlich zu Recht vergangenen Zeiten gerne auch M-DDR nenne), sondern mit MDR Sachsen Anhalt auch noch eine der drei regionalen Landeswellen einen Podcast zum digitalen Leben startet und sich die erste Folge auch noch Bitcoin widmet, war ich gleichzeitig positiv überrascht und befürchtete Schlimmes. Denn wer einmal MDR Sachsen-Anhalt gehört hat, weiß, dass das kompetente und gut recherchierte Aufarbeiten von komplexen und abstrakten Vorgängen nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen dieses Senders gehört.

Schlimm, schlimmer, MDR Sachsen-Anhalt

Leider zementiert der Podcast dieses Image noch weiter, indem hier Leute, die keine Ahnung haben, mit Leuten sprechen, die ebenfalls keine Ahnung haben (oder so zusammen geschnitten wurden, dass es wirkt, als hätten sie keine Ahnung). Von Bitcoin über die „Blockchain-Technologie“ bis hin zu ICOs  wird wild, unkritisch, teils haarsträubend naiv und oft zusammenhanglos und ohne echte Erklärungen umher schwabuliert.

Dass einer der Moderatoren dabei sogar in einen ICO investiert hat, aber nicht einmal erklären kann, was das Unternehmen ihm da eigentlich verkauft hat oder überhaupt macht, passt ganz hervorragend zu einem Podcast, der wie ein akustischer Verkehrsunfall wirkt. Es ist so furchtbar, dass man nicht weghören kann.

Die ultimative Herausforderung: Bis zum Ende hören!

Genau deswegen „empfehle“ ich diesen Podcast hier auch. Man muss zwar ganz ganz tapfer sein, um bis zum Ende zuzuhören, aber man lernt auch was dabei. Zum Beispiel, dass das das journalistische Niveau ist, von dem der MDR in Sachsen-Anhalt meint, das er es seinen Hörern zumuten kann: unterirdisch und das Schlimmste, was ich jemals zu Bitcoin gehört habe. So schlimm, dass es tatsächlich schon wieder komisch ist. Wenn es nur nicht so traurig wäre.

Denn dieser Podcast wirf ein schlechtes Licht auf sämtliche Beteiligten. Die, die ihn verantworten und die, die darin auftauchen. Und ganz ehrlich – wenn z. B. Petra Sitte (MdB) als Mitglied des politischen Beirats des Blockchain Bundesverbands und das, was sie in diesem Podcast sagt, repräsentativ für die Kompetenz des Bundesverbandes steht, dann würde ich an deren Stelle den Laden lieber heute als morgen aus Scham wieder dicht machen. Selbst für eine Politikerin ist die Bullshit-Quote hier rekordverdächtig.

Aber so etwas kommt eben dabei heraus, wenn man nicht die Leute befragt, die Ahnung haben, sondern ausschließlich die, die im Sendegebiet wohnen. Genau diese Mauer in den Köpfen macht den MDR zum M-DDR.

Bild: „Classic old radio 1960s or 70s style“ Flickr-User theslowlane (CC BY 2.0)

Vor 7 Jahren: „Bitcoin just crashed to one cent“

Dieses Video ist ein schönes Zeitzeugnis von vor fast genau auf den Tag sieben Jahren, als Bitcoin einen Flashcrash erlebte und binnen kürzester Zeit von 17 US-Dollar auf 1 US-Cent fiel.

Mt.Gox als wackeliges Zentrum der Bitcoin-Welt

Damals, am 19. Juni 2011, lief nahezu das gesamte Bitcoin-Trading über eine einzige Plattform, Mt.Gox, die es heute aus guten Gründen nicht mehr gibt. (Schaut euch doch nur mal diese Website ab 6:55 an!)

Selbst gecrasht noch wertvoll: dieses Video als Zeitzeugnis

Dass damals jemand diesen Flashcrash live am Rechner aufzeichnete und kommentierte, ist ein Glücksfall. Denn jedem, der heute sagt, dass Bitcoin mal wieder „gecrasht“ oder tot sei, kann man einfach dieses Video schicken, verbunden mit der Bitte mal den Wertzuwachs vom damalig „gecrashten“ Bitcoin (0,01 US-Dollar) zum derzeitig „gecrashten“ Bitcoin (6725,93 US-Dollar) in Prozent auszurechnen. Nur so als Übung.

Lesetipp: Über die Zukunft von Geld und Bitcoin

Daniel Jeffries hat drüben bei Hackernoon mit What Will Bitcoin Look Like in Twenty Years? einen der wichtigsten Texte zu Geld und Bitcoin geschrieben, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ganz einfach aus dem Grund, weil er sich mit einem Aspekt beschäftigt, der in der Auseinandersetzung bisher viel zu kurz kommt: die Zukunft.

Klar gibt es Texte (und vor allem ICO-Whtepaper), die sich irgendwie mit dem auseinandersetzen, was da so künftig passieren könnte (aber nur, wenn alles nach dem Best Case im Businessplan läuft). Doch eine tiefergehende und vor allem über die eigenen Interessen hinaus gehende Auseinandersetzung mit der Zukunft des Geldes (nicht nur der des Bezahlens!) findet bisher nicht statt.

Was fehlt: Future Economics

Was übrigens nicht nur für Bitcoin, sondern für die Ökonomie im Allgemeinen gilt. Die konzentriert sich nämlich vor allem darauf, aus der Vergangenheit zu lernen und auf die Gegenwart zu reagieren, entwickelt selbst aber keinerlei Visionen, wie unser Geld- und Gesellschaftssystem in 20, 50 oder 100 Jahren aussehen könnte. Oder idealerweise aussehen sollte.

Je mehr ich mich also mit diesem Thema beschäftige – und ich suche und frage nun schon lange nach „Geldvisionären“, aber weder Professoren, Banker noch Journalisten kennen jemanden, der sich wirklich mit der Zukunft des Geldes auseinandersetzt – umso mehr drängt sich der Schluss auf, dass die Finanzbranche in Theorie und Praxis eine gänzlich visionslose Branche ist.

Was eine erschreckende Erkenntnis ist, wenn man bedenkt, wie grundlegend und teils rasant sich die Welt innerhalb der vergangenen 20, 50 oder 100 Jahren verändert hat. Zumal es keinen Anlass gibt, davon auszugehen, dass die Wucht oder Geschwindigkeit künftiger Veränderungen milder ausfallen. Im Gegenteil.

Ein Versuch, die Zukunft zu beschreiben

Genau das macht den Text von Daniel Jeffries dann aber so lesenswert. Denn obwohl auch für ihn klar ist, dass es bei Aussagen über die Zukunft viel leichter ist, falsch zu liegen, als richtig, wagt er zumindest den Versuch, eine mögliche Entwicklung zu skizzieren.

„I’m also going to go much, much deeper than “Bitcoin will go to zero” or “Bitcoin will become the reserve currency and be worth $1,000,000”. That’s not really saying all that much and anyone can do it. Instead we’ll look at how the technology will transform and how society will transform with it.“

Diese Skizze wiederum ist höchst inspirierend. Denn egal, ob man seiner Argumentation folgt oder nicht – wer diesen Text liest, beginnt selbst über die Zukunft des Geldes nachzudenken. Genau das, was bisher viel zu wenig stattfindet.

Die Vision eines professionellen Visionärs

Dass Jeffries dabei sowohl Gründer ist, langjährige IT-Erfahrungen mit sich bringt und auch Science-Fiction-Geschichten schreibt, ist hier von großem Vorteil, weil man merkt, dass er Erfahrung mit dem glaubwürdigen Entwickeln von technologiebasierten Zukunftsszenarien hat.

Das im Hinterkopf sollte man sich auch nicht von der halben Stunde Lesezeit abschrecken lassen, die dieser Artikel mit sich bringt. Es lohnt sich wirklich.

Um das zu zeigen, habe ich hier mal die Zwischenüberschriften herausgezogen und wen die noch immer nicht überzeugen, hier eine Textstelle, die mehr als nur neugierig macht:

„I’m half way through an article called “What If Hitler Had the Blockchain?” Frankly, I don’t want to publish it because I don’t want to give the bad guys any fresh ideas but rest assured it probably doesn’t matter. Their dark minds are already hard at work imagining how to use blockchain as a system of repression and control.“ 

Inhalt

This Internet Thing will Never Work Out

The Rise of Bitcoin, Crypto and Decentralization

1) The Bubble Bursts

2) Government Cryptocurrencies will Flourish

3) Decentralized Cryptocurrencies Will Become a Parallel Economic Operating System for the Planet

4) The Killer App for Crypto is NOT a Browser

5) Blockchain is Just the Beginning of Decentralized Consensus

6) Crypto Will Get a LOT Easier to Use

7) The protocols of Coins will Get Abstracted from the Coins Themselves

8) We will have Four Dominant Meta Coins, Plus Fifty to One Hundred Minor Coins, and Infinite Virtual Variations of These Coins, Plus State Coins

9) We’ll Learn We Didn’t Know Crap About Economics

10) A DAO Will Grow to Fortune 500 Status

11) The Gig Economy Will Grow Big Time

The Controversy Kings

12) The Blockchain Will Enable All Kinds of Evil

13) Bitcoin Has a 50/50 Shot At Surviving

The Final Frontier

Wie Bitcoin das Leben von Bitcoin-„Millionären“ verändert

Arte hat vor kurzem eine sehenswerte Reportage über Die Bitcoin-„Millionäre“ veröffentlicht. Ich schreibe das Wort hier in Anführungszeichen, weil viele Leute mit dem Begriff „Millionär“ vermutlich etwas anderes assoziieren, als das, was hier gezeigt wird.  Wenngleich die Protagonisten durchaus ein (geld-)sorgenfreies Leben leben. Zumindest derzeit.

Millionär sein ist kein Beruf

Denn der Reichtum und das Millionärsein ist für sie im Kern nicht, das, worum es geht. Die einen arbeiten trotzdem (oder gerade wegen Bitcoin?) sehr emsig. Die anderen brechen komplett aus dem Arbeits- und Konsum-Hamsterrad aus und leben trotz ihres Krypto-Reichtums minimalistischer als vorher. Aber dafür sorgenfrei und ganz im Moment.

Tolle unaufgeregte Reportage mit schönen Bildern aus der ganzen Welt, interessanten Protagonisten und dem kleinen Highlight, dass man mal sieht, wie so ein Bitcoin-Meetup in Thailand abläuft.

Traumhafte Gewinne, ohne staatliche Kontrollen – das verheißen Bitcoins und andere Internetwährungen. Ihre Anhänger glauben an eine finanzielle Revolution. Trotz extrem schwankender Kurse und Warnungen vor einer gefährlichen Blase investieren sie weltweit Milliarden in das digitale Geld. Mit zu hohem Risiko?

Der Holländer Didi Taihuttu (39) hat für Bitcoins und andere digitale Währungen sein Leben und das seiner Familie auf den Kopf gestellt. Noch vor einem halben Jahr besaß der Unternehmer ein Haus und drei Autos. 2017 verkaufte er alles und investierte sein Vermögen in digitale Währungen. Die kalte Jahreszeit verbringt die Familie nun in Thailand. Zwar hat sich Didis Vermögen allein im letzten halben Jahr um das Fünffache vermehrt und rein rechnerisch ist er nun Millionär. Aber die Bitcoin-Familie will langfristig Gewinn machen und pflegt deshalb einen minimalistischen Lebensstil. Brechen die Kurse ein, könnten Didi und seine Familie von heute auf morgen bankrott sein.Auch Robert Küfner und Till Wendler glauben an eine Revolution des Finanzwesens durch digitale Währungen. Und sie wollen ganz vorn mit dabei sein. In der Krypto-Hochburg Berlin haben die beiden Bitcoin-Millionäre das Start-up Advanced Blockchain AG gegründet. Die Pioniere beraten Unternehmen, wie sie die Technologie hinter den Bitcoins – die so genannte Blockchain – künftig nutzen können. Eine dezentrale Datenverarbeitung, die niemand manipulieren kann – mit dieser Idee sollen Finanzmarkt und Industrie umgekrempelt werden. Investoren und namhafte Firmen stehen bereits vor der Tür. Doch noch fehlt es den Jungunternehmern an Mitarbeitern mit dem richtigen Know-how. Auf der Suche nach Programmierern reist Till Wendler in die Ukraine. Die Jungunternehmer stehen extrem unter Druck. Wer im Markt der neuen Krypto-Technologie mitspielen will, muss schnell sein.

So erklärt die New York Times Bitcoin

Erstaunlich! Die altehrwürdige New York Times berichtet schon seit mindestens vier Jahren sehr differenziert und gut recherchiert über Bitcoin, doch erst jetzt gibt es für die Leser das obligatorische  Grundlagen-Erklärvideo.

Ob es gelungen ist, soll jeder selbst beurteilen. Ich denke aber eher nicht, dass diese zwei knappen Minuten die Zielgruppe signifikant von ihrer baffledness befreit. Dafür nehmen Aspekte wie Mining und der Anstieg der Difficulty einen zu großen Raum ein.

Auch ein kurzes Video ist besser als kein Video

Dennoch – da nur Bildung und Aufklärung die Grundlage für eine allgemeine, kritisch-fundierte Auseinandersetzung der Gesellschaft mit Bitcoin schaffen, ist auch dieses Video in Verbindung mit der Reichweite der New York Times, wenn auch nicht der ganz große Wurf,  zumindest ein weiterer kleiner Wissensbaustein.