„Kill Mr Bitcoin“ – Nicht der erste, aber ein guter Bitcoin-Thriller

Es ist immer spannend zu sehen, was dabei herumkommt, wenn Bitcoin in der Mainstream-Popkultur aufgegriffen wird. Als sich 2012 gleich eine ganze Folge der US-amerikanischen TV-Serie Good Wife um Bitcoin drehte (S03E13 „Bitcoin for Dummies“) war die Begeisterung in der Bitcoin-Community groß.

Damals galt die dramaturgische Aufbereitung von Bitcoin durch Hollywood für viele als Mainstream-Ritterschlag. Nicht als Geld, aber zumindest schon mal als spannende Geschichte war Bitcoin einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht worden.

Bitcoin immer wieder Thema in der Unterhaltungskultur

In den sechs Jahren seitdem wurde Bitcoin immer wieder popkulturell aufgearbeitet. In Comics, Streetart, Musik, Filmen und Kunstprojekten. Nicht immer ist der Spagat zwischen Erklären und Unterhalten überzeugend gelungen.

Insbesondere fiktionale Erzählformate, die gleichzeitig versuchten, tiefer in die komplexen technischen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge einzutauchen und diese dann mit einer spannenden und unterhaltsamen Geschichte zu verweben, scheiterten oft. Meist, weil sie sich bald in ausufernden techno-ökonomischen Erklärschleifen und ihren gesellschaftspolitischen Implikationen verloren.

bitcoin streetart
Nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was Google zu „Bitcoin street art“ liefert.

Die besten Bitcoin-Bücher sind daher bislang Sachbücher. Was nicht unbedingt schlecht sein muss, wie Digital Gold von Nathaniel Popper zeigt, das sich mindestens ebenso spannend liest wie ein fiktionaler Thriller, obwohl es ja eigentlich „nur“ die reale Geschichte von Bitcoin erzählt.

Bitcoin ist selbst ein Popcorn-Momente-Generator

Aber das Bitcoin-Universum – das wissen alle, die sich länger damit beschäftigen – sorgt ja auch von sich aus immer wieder für ausreichend Popcorn-Momente: Streit auf Crypto-Twitter, Spekulationsblasen, Shitcoin-Scammer, Exchange-Hacks, persönliche Dramen, staatliche Regulierungen, gekränkte Egos, Forks, Faketoshis – die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Doch ist nun mit Kill Mr Bitcoin ein deutscher Thriller erschienen, der die Herausforderung annimmt, das komplexe Thema Bitcoin mit einer spannenden fiktionalen Handlung zu verbinden. Und auch wenn das in Teilen sehr gut, aber nicht immer hundertprozentig gelingt, so ist es dennoch ein Buch, dass spannend genug ist, um es immer weiter lesen zu wollen.

Grund dafür ist auch die clevere Entscheidung des Autorenduos, wie auch bei der erwähnten Good Wife-Folge, als Aufhänger für die Geschichte das größte Mysterium von Bitcoin überhaupt zu nehmen: Satoshi Nakamoto.

Das Cover ist nicht nur optisch gelungen, sondern durch Prägungen auch haptisch ansprechend gestaltet.

Bitcoin ist belletristisch kein einfaches Thema

Kill Mr Bitcoin ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Buch mit Stärken und Schwächen. Was den beiden Autoren in jedem Fall sehr gelungen ist, ist die thematische Einbindung von Bitcoin in die Geschichte. Das digitale Geld und viele seiner Facetten werden erklärt, aber nicht so, dass es nervt oder too much wird, sondern weil es an die verschiedenen Stellen der Handlung passt. Das ist eine beachtliche Leistung.

Als Leser fühlt man sich nie überfordert und belehrt, sondern erfährt gemeinsam mit dem Hauptprotagonisten sehr viele Details und Zusammenhänge, immer genau dann, wenn es für die Geschichte relevant wird. Es gibt also auch lange Passagen, in denen es um ganz andere Sachen geht. Für Leute, die mit Bitcoin noch nichts zu tun haben, mit Sicherheit eine gute Entscheidung.

Doch reicht das? Immerhin bemängeln Rezensenten auf Amazon, dass der Inhalt des Buches und der Klappentext nicht das beschreiben, worum es in Kill Mr Bitcoin letztendlich wirklich geht, dass der Plot überfrachtet und das Charakterensemble unglücklich aufgebaut sei.

Zu recht kritisiert: Klappentext und Geschichte passen nicht so richtig zueinander.
Wenn „Herr Lehmann“ von Dan Brown geschrieben worden wäre

Diese Kritik ist zwar hart, aber auch gerechtfertigt. Denn es fällt schwer, mit der Handlung und ihren Protagonisten so richtig warm zu werden. Das beginnt mit Noah, einem Berliner Barkeeper, der irgendwie zwischen Loser und Actionheld angesiedelt ist und endet beim Plot, der sehr viel auf einmal will – Action, reale Schauplätze, große Gefühle, rasante Spannung, Bitcoin, Mystery und mehr –  dabei letztlich aber am Ende zu viele Fragen offen lässt.

Dafür mangelt es nicht an sarkastischen inneren Monologen und konstruierte Formulierungen, die niemals ein Mensch in einer vergleichbaren Stresssituation führen würde. Es gibt spontane, aber für den Leser kaum erlebbar gemachte Gefühlsausbrüche, die in ihrem extremen An-Aus-Auftreten schon ans Bipolare grenzen.

Dazu verliert die Geschichte durch die Verwendung furchtbarer IT-Stereotype ihre Authentizität. So hatte ich bspw. gehofft, dass sich der „Orden der heiligen Festplatte“(sic!) bitte irgendwie noch in Ironie, als Ablenkungsmanöver oder Witz auflösen würde. Tat er aber nicht.

Kill Mr Bitcoin wirkt daher, als hätte man Herr Lehmann genommen und ihn in bester Dan Brown-Manie zum Thema Bitcoin in ein Mystery-Abenteuer um die Welt geschickt. Nur leider ohne Sven Regeners pointierte und authentischen Dialoge und Charaktere und ohne Dan Browns Talent, eine von Anfang bis Ende stringente, dichte und mystisch-fesselnde Handlung zu weben.

Trotzdem ein unterhaltsames und spannendes Buch

Das mag jetzt alles hart klingen, doch es hat auch seinen Grund, warum ich mich den zitierten Amazon-Kritikern anschließe und diesem Buch dennoch gute vier von fünf Sternen geben würde. Unterm Strich bekommt man nämlich dennoch ein spannendes, unterhaltsames und interessantes Buch, dessen Handlung besser ist als 90 Prozent dessen, was man bspw. im Fernsehen als „gute Unterhaltung“ präsentiert bekommt.

Wenn man sich erst einmal reingelesen hat und die Geschichte Fahrt aufnimmt, fallen die Schwächen hier und da nicht mehr so ins Gewicht. Zumal Bitcoin(-Sachbücher) abends im Bett grundsätzlich eher zur anstrengenden Lektüre gehören. Bei Kill Mr Bitcoin ist das anders. Ein schönes Buch für die Bahn, um mal eben ein paar Seiten auf dem Balkon oder im Park zu lesen, in der Badewanne oder im Bett. Gute Unterhaltung für ein paar Stunden, aber kein Buch, das so inspirierend ist, dass man es unbedingt noch ein zweites Mal wird lesen wollen.

Ein Buch für (zukünftige) Bitcoiner?

Auch was den Bitcoin-Wissens-Faktor angeht, kann man das Buch durchaus als Einstiegslektüre empfehlen, da die Informationen diesbezüglich aktuell, solide, verständlich und umfassend sind. (Wenngleich die mehrfach verwendete unverschlüsselte Paper Wallet bzw. jemand anderem Zugang zu seinem Private Key zu erlauben natürlich ganz schlechte Beispiele sind und dramaturgisch anders gelöst hätten werden sollen.)

Möglicherweise wird sogar der ein oder andere fortgeschrittene Bitcoiner für sich hier und da eine besondere Stelle finden. Ich jedenfalls habe amüsiert den Teil mit dem Auftritt einer realen und bekannten Bitcoin-Persönlichkeit (natürlich nicht Satoshi Nakamoto!) gelesen.

Was in Kill Mr Bitcoin jedoch nicht stattfindet, ist eine tiefer gehende kritisch-reflektierte Auseinandersetzung mit der Entstehung von Bitcoin oder seinen Konsequenzen. Wer danach sucht, der ist vermutlich mit Neal Stephensons Cryptonomicon oder Daniel Suarez‘ Zweiteiler Deamon und Darknet besser bedient. Beides sind zwar keine Expliziten „Bitcoin“-Thriller, aber thematisch dennoch sehr nah dran.

Entgegen der Marketing-Behauptungen ist Kill Mr Bitcoin im Übrigen auch nicht „der erste Bitcoin-Thriller“ ist. Bereits 2014 ist beispielsweise Ravi Subramanians God is a Gamer erschienen.

Bereits 2014 erschienen: R. Subramanians Bitcoin-Thriller „God is a Gamer“
Schlechter Stil – Irreführende Marketing-Instrumentalisierung

Einen leider sehr unschönen Beigeschmack liefert jedoch die zum Buch gehörende Website killmrbitcoin.de. Dort wird man als Nutzer recht prominent eingeladen, ein „Krypto-Coin-Tester“ zu werden. Eigentlich eine passende Idee bei einem Buch über Bitcoin und eine schönes Angebot für die Leser, selbst und praktisch mehr über die im Buch ausführlich eingeführte Materie zu erfahren.

kill mr bitcoin website
Lädt ein „Krypto-Coin-Tester“ zu werden. Hat mit Bitcoin aber leider nichts zu tun.

Allerdings ist der hier beworbene „Krypto-Coin“ unverständlicher- und enttäuschenderweise nicht Bitcoin, sondern der DOI Coin, ein bisher noch nirgendwo gelisteter und damit wertloser Altcoin, zu dessen offiziellem Team wenig überraschend die beiden Autoren gehören.

Hier ist nicht nur eine sehr gute Chance vertan worden, das eigene Buch tatsächlich mit einem realen und erlebbaren Mehrwert anzureichern, sondern es wurde eine vollkommen misslungene Cross-Marketing-Aktion ins Leben gerufen, die nur noch schlimmer hätte sein können, wenn man als interessierter Bitcoin-Neuling zu einer ICO „eingeladen“ worden wäre.

Man muss ja keine ganzen Bitcoins verschenken, aber die Leserinnen, deren Interesse man eventuell gerade für die Grundlagen von Bitcoin wecken konnte, dann in einen nutzlosen Altcoin zu lenken, der irgendwann mal irgendwas mit E-Mail-Marketing und Double Opt-In machen soll (oder auch nie machen wird), ist schon ziemlich dreist.

Schade, denn durch die Entscheidung, ihr eigentlich ganz gelungenes Bitcoin-Buch für ihre damit inhaltlich in keiner Weise zusammenhängenden unternehmerischen Interessen zu instrumentalisieren, verspielen die Autoren an dieser Stelle leider ihre Glaubwürdigkeit.

Allerdings ließe sich dieser Fauxpas ja recht schnell wieder beheben, wenn der Link entfernt und beide Tätigkeiten sauber voneinander getrennt werden. Dann bleibt Kill Mr Bitcoin nämlich ein solider, wenn auch kein überragender Bitcoin-Thriller, mit dem man aber trotzdem ein paar unterhaltsame und lehrreiche Stunden haben kann.

Kill Mr Bitcoin von Lisa Graf und Ottmar Neuburger ist bei Emons erschienen und die 352 Seiten kosten 14,95 Euro

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