Twitter

Erst denken, dann twittern

Sonntag vor einer Woche habe ich auf ein Gerücht hingewiesen, das auf eine mögliche Zusammenarbeit zwischen einem Altcoin und der afrikanischen Bitcoin-Alternative M-Pesa hindeutet. Ob an der Sache was dran ist? Nichts genaues weiß man (immer noch) nicht, aber das braucht es auch nicht um zu zeigen, wie schnell und leichtfertig der menschliche Verstand ausgeknipst wird und Hemmschwellen in der digitalen Kommunikation fallen, wenn Gier und geplatzte Träume im Netz aufeinandertreffen.

Was war passiert?

Zunächst rauschten jede Menge euphorische Tweets durch die Timeline, „geheime“ PDFs ohne Quellenangabe wurden mit Dropbox-Links verteilt und der Kurs des entsprechenden Altcoins ging massive hoch und stürzte – nach einer Spannungspause – jäh wieder ab, als es keine neuen Ankündigungen und keine neuen „Beweise“ gab für eine tatsächliche Kooperation.

Ganz schlechte PR? Betrug? Ein geschickter Pump & Dump? Schwer zu sagen, aber die Geschichte entwickelte auf Twitter eine ungemein heftige Eigendynamik, bei der es durchaus persönlich wurde und einzelne Menschen durch „individuelle investigative Recherchen“ (ein Bild + 140 Zeichen) in kürzester Zeit zu Feindbildern hochstilisiert wurden. Und das alles – das ist das Gruselige – obwohl es in dem Zeitraum faktisch keine Veränderungen der Sachlage gab. Niemand wusste vorher, ob es die Kooperation wirklich gibt, niemand weiß es heute. Es waren alles nur Gerüchte, die zu exorbitanten, möglicherweise unrealistischen Erwartungen geführt haben, die nicht binnen kürzester Zeit erfüllt wurden.

Schön, wenn es einen Schuldigen gibt

Einer der Betroffenen, ein charismatischer junger Mann mit knapp 5000 Twitter-Followern, auf der Seite derjenigen mit angeblichem „Insiderwissen“, hat nun daher über seine Erfahrungen geblogt, plötzlich als Zielscheibe von Schmähungen und Anfeindungen im Twitter-Rampenlicht zu stehen. Der Beitrag ist lesenswert, denn Online-Bullying, Internet-Mobbing und dergleichen sind reale Phänomene, die jeden treffen können und das Internet im Allgemeinen, Twitter im Speziellen kann dabei zu einem Hyper-Katalysator werden die Ereignisse eskalieren zu lassen.

Man muss der Fairness halber aber auch berücksichtigen, dass die höflichen Benimmregeln eines gepflegten gesellschaftlichen Diskurses auf beiden Seiten deutlich verletzt wurden und keiner der Beteiligten – um mal im aktuell österlichen Fachjargon zu bleiben – seine Hände in Unschuld waschen kann. Letztlich war es aber auch die ungezügelte Gier der Altcoin-Spekulanten – und das sind weniger die klassisch-feingschlipsten Börsenparkett-Tänzer als Menschen wie Du und Ich – die dem Thema solch eine Wucht verliehen haben. Denn, ja, wenn man es geschickt anstellt, kann man richtig viel Geld mit Altcoin-Daytrading verdienen, aber niemand verschenkt freiwillig Geld. Erst Recht nicht im Internet. Grundsätzlich.

Und die Moral von der Geschichte?

Schwer zu sagen, denn das Drama läuft ja noch. Es ist immer noch nicht raus, ob tatsächlich etwas an diesem M-Pesa-Deal dran ist und so lange das Thema im Raum steht, gehen die Spakulationen – inhaltlich wie monetär – munter weiter. Immerhin wurde jetzt ein außenstehender Journalist hinzugezogen, der die vorliegenden Informationen einmal kritisch überprüfen und einschätzen soll. Nach Ostern gibt es möglicherweise auch neue offizielle Bekanntmachungen. Aber auch das sind bisher nur Gerüchte.

Was wir aber alle aus diesem beschämenden Beispiel lernen können, ist, dass es grundsätzlich eine gute Entscheidung ist, erst zu denken, dann zu twittern. Das gilt vor allem für die, die leichtfertig schnelles Geld versprechen oder es zumindest andeuten, ohne zu wissen, welche schwer zu kontrollierenden Grundinstinkte sie damit bei manchen Menschen frei setzen. Andersherum sollten man aber auch nicht all seine Hoffnungen und Ersparnisse in kryptische 140 Zeichen-Botschaften legen, die einem das Blaue vom Himmel versprechen. Niemand verschenkt freiwillig Geld. Erst Recht nicht im Internet.

PS: Zum Thema Altcoin-Daytrading werde ich demnächst noch ausführlicher etwas schreiben und auch, wenn und ob da tatsächlich was dran sein sollte an diesem ominösen Altcoin-M-Pesa-Deal-Gerücht.

Bildnachweis: „Twitter 2“ Flickr-User Kooroshication (CC BY 2.0)